BerlinEr kann das Katapult sein, um in den Tag zu starten, oder die Entspannung am Abend: Der Sprung unter die Dusche hat zwar meist hygienische Gründe, er kann – wer kennt es nicht – aber auch Seelenklempner sein, kann trösten, ablenken, aufmuntern.

Doch was, wenn man gar keine Dusche besitzt? In Berlin gibt es Schätzungen zufolge zwischen 6000 und 9000 Menschen ohne Obdach, davon etwa 2500 Frauen, weiß die Berliner Obdachlosenhilfe. Wegen der Maßnahmen gegen Corona gibt es in der Stadt aktuell nur sehr wenige feste Schlafplätze für Frauen, etwa 30, schätzt Ursula Snay vom Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF). Dazu kommen zwar die mehr als 1000 Plätze in gemischten Notunterkünften der Kältehilfe, doch die sind für viele Betroffene keine Option.

Keine Frau muss sich erklären

Das erste und bislang auch bundesweit einzige Duschmobil für Frauen versucht, ambulante Abhilfe zu schaffen. Träger ist der SKF. Seit Sommer 2019 steht der Camper an fünf Tagen in der Woche an sieben Standorten in Berlin. Zum Beispiel donnerstags am Franz-Neumann-Platz in Reinickendorf, dort parkt das Duschmobil neben der Essensausgabe eines anderen christlichen Trägers. Außen ist es mit Urwald-Motiven beklebt, im überraschend geräumigen Innenraum gibt es eine Sitzecke und ein helles, man kann es nicht anders nennen, Tageslicht-Badezimmer.

Dorthin können sich Frauen, die obdach- oder wohnungslos sind oder aus anderen Gründen Schutz suchen, zurückziehen und ganz in Ruhe waschen. Das Wichtigste dabei: Die betreuenden Mitarbeiterinnen stellen keine Fragen.

„Die Frauen dürfen so sein, wie sie sind, und sie dürfen so lange brauchen, wie sie wollen“, erklärt Ursula Snay. Wer nicht duschen möchte, darf sich bei den zwei Sozialarbeiterinnen Hygieneprodukte und Care-Pakete abholen, bekommt Kaffee, eine ruhige Minute im Klappstuhl. Keine Frau muss ihre Bedürftigkeit begründen oder erklären, was sie jetzt gerade aus welchen Gründen braucht.

Die meisten haben sexualisierte Gewalt erlebt

Wenn die Besucherinnen es möchten, beraten die Mitarbeiterinnen sie, vermitteln in eine Einrichtung – oder quatschen einfach. „Man sagt, Sozialarbeiter würden immer nur Kaffee trinken, aber das Kaffeetrinken ist halt wichtig“, sagt Ella Winkelmann und lacht. Seit Mai fährt sie mit der Dusche auf Rädern durch die Stadt. Sie schätzt, dass etwa 15 Frauen im Monat tatsächlich zum Duschen kommen, täglich kämen aber bis zu zehn Frauen am jeweiligen Standort vorbei. Das Angebot zieht. Dass es so niedrigschwellig ist, ist gerade in der aktuellen Krise besonders hilfreich.

Viele kämen einige Male vorbei, bevor sie auch tatsächlich die Tür zum mobilen Waschraum hinter sich schließen, erzählt Winkelmann. Viele der Frauen haben traumatische Erfahrungen hinter sich, die meisten haben sexualisierte Gewalt erlebt. Vertrauen ist da eine schwierige Sache. Für einige ist Gewalt in der Partnerschaft der Grund für die Obdachlosigkeit. Für die, die dann ganz ohne Wohnung sind, hören die Übergriffe in der Regel nicht auf. Zu oft nutzen Gewalttäter aus, dass Frauen ohne Zuhause nur schwer Schutz und Gehör finden.

Ein Schutzraum für Weiblichkeit

Für manche Frauen ist das Duschmobil die Gelegenheit, sich in sauberem Umfeld um ihre Hygiene während der monatlichen Blutungen zu kümmern. Andere nutzen den Rückzugsort, um durch körperliche Fürsorge auch ihren Status, ihre Würde und ihre Weiblichkeit zu pflegen. Binden, Tampons und frische Unterwäsche sind genau wie Deodorant, Gesichtscreme und Schminke wertvolle Utensilien.

Das Duschmobil soll ein Schutzraum sein, deshalb steht es nur Frauen offen. Und auch das äußere Erscheinungsbild einer Frau kann Schutz bieten. Ist eine Frau gepflegt, ist die Armut weniger sichtbar. Das kann sie vor Stigmatisierung schützen und Verletzlichkeit verbergen. Ella Winkelmann erzählt von einer Klientin: „Oft sieht man die Obdachlosigkeit gar nicht. Und ist überrascht, wenn man dann hört, dass sie die Nächte im Wald verbringt.“

Dass sich das Angebot nur an Frauen richtet, ist für Ella Winkelmann und ihre Kolleginnen schon öfter zum Konflikt geworden. Es komme vor, berichten sie, dass Passanten, ausschließlich Männer, das Angebot zum Anlass nähmen, die Mitarbeiterinnen zu provozieren oder gar zu  beschimpfen.

Momentan finanziert der Berliner Senat das Duschmobil mit 129.000 Euro pro Jahr, bis 2021 ist die Ausgabe im Haushalt eingeplant. Davon können die Kosten für Personal und Fahrtkosten gedeckt werden. Um Hygieneartikel und Wäsche bereitstellen zu können, ist das Team des Duschmobils auf Spenden angewiesen.

Wer warme Kleidung oder Hygieneprodukte für Frauen spenden möchte, kann das auch in den kommenden Wochen ganz coronakonform per Post tun. Empfängerin ist die Einrichtung „Evas Haltestelle“ in der Müllerstraße 126, die Spenden sollten mit c/o Duschmobil gekennzeichnet sein.