Wenn man die Friedrichstraße entlangläuft, ändert sich quasi wöchentlich irgendetwas. Läden öffnen, Läden schließen, Autos fahren, Autos werden verbannt, Baustellen kommen und gehen ... Aber es gibt, ganz nah am gleichnamigen S-Bahnhof, auch eine Konstante. Seit einem Vierteljahrhundert residiert Dussmann an der Friedrichstraße 90.

Und auch wenn die eigentliche Eröffnung des Kulturkaufhauses auf den Oktober 1997 datierte, wird das 25-jährige Bestehen das ganze Jahr über mit Veranstaltungen gefeiert. So gibt es im Rahmen der Fête de la Musique am 21. Juni ein gemeinsam mit der Musikschule Fanny Hensel organisiertes, sommerliches Straßenfest, bei dem auch Tom Schilling und seine Band Die Andere Seite auftreten.

Für Berliner und Touristen ist das mehrstöckige Haus in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Anlaufpunkt geworden. Warum das so ist, schreiben unsere Redakteurinnen und Redakteure – aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln.


Das Hobby des Dienstleistungskönigs

Als Peter Dussmann in Berlin das Kulturkaufhaus eröffnete, hieß er in der Boulevardpresse der „Dienstleistungskönig“. Begonnen hatte er 1963 mit einem „Heimpflegedienst für Junggesellen“; inzwischen gehörten Gebäudereinigung, Wachdienste, Alten- und Krankenpflege und Firmenküchen zur Unternehmensgruppe mit seinem Namen. Der damals 58-Jährige mit dem schwäbischen Dialekt wurde argwöhnisch betrachtet wegen seines Größenwahns, als Orts- und überhaupt Branchenfremder das riesige Kulturkaufhaus hochzuziehen. Dabei wollte er ursprünglich nur einen Mieter für die unteren Etagen seiner Firmenzentrale, die aus München in die neue Hauptstadt kommen sollte. Er fand keinen und besann sich aufs elterliche Geschäft, einen Buchladen, in den er einst nicht einsteigen wollte. Die entsprechende Lehre hatte er noch absolviert.

Das Kulturkaufhaus an der Friedrichstraße ist das einzige Projekt, das Peter Dussmann, der 2013 starb, nur vor Ort wachsen lassen wollte. Sein Hobby sei das, sagte er, das könne man nicht „diversifizieren und überregionalisieren“. Vielleicht sicherte diese Einstellung das Überleben und den Erfolg. Der Virgin Megastore war in Berlin genauso gescheitert wie das französische Medienkaufhaus Fnac, die West-Berliner Traditionsbuchhandlung Kiepert, die 1990 auch an den U-Bahnhof Stadtmitte gezogen war, hat inzwischen alle Läden geschlossen, Bouvier aus Köln hielt sich nicht lange Unter den Linden, auch Hugendubel ist fort aus der Friedrichstraße.

Den besonderen Clou des Kulturkaufhauses, die langen Öffnungszeiten, die Peter Dussmann sich unbedingt als Service wünschte, erstritt er 1997 mit List von der Senatsverwaltung für Soziales und Gesundheit. In den Anfangsjahren durften nach 20 Uhr nur leitende Angestellte beschäftigt werden. In den Nachtstunden bekamen die Kunden also Chefbehandlung. Cornelia Geißler


Köstlich und gefährlich

Ich geh da nicht mehr hin, echt nicht. Zu gefährlich. Potenziell ruinös. Ich muss mich schützen. Oder besser: mein Konto und mich. Und auch meine Regale, die ohnehin doppelreihig überfüllt sind und nach Erweiterung schreien. Das Schicksal meiner Schwägerin ist mir eine Warnung, sie hat ein Bücherregal in der Küche. Wirkt intellektuell, bisschen angeberisch sogar. Es war Notwehr, sagt die Schwägerin und hebt die Hand zum Schwur. Stimmt wohl, alle anderen Wände der Wohnung sind belegt. Mit Regalen. Voller Bücher.

Buchkauf und Buchlektüre sind Vorgänge, die miteinander verbunden sein können, aber nicht müssen. Vorgänge – nun ja. Süchte eher. Köstlich und gefährlich zugleich. Schlaumachend, hirnanregend, unterhaltend. Isolierend auch. Wer liest, lebt anderswo.

Ich bin Doppel-Suchti. Kaufe, um lesen zu können. Kaufe, um zu besitzen. Kaufe auch Bücher, die ich nur schön finde, ganz äußerlich. Kaufe Bücher, deren Titel mir gut gefällt. Eine fiese Kombination von Defekten, Relikte aus der Kindheit. Immer mittwochs fuhr meine Mutter meinen Bruder und mich im roten Renault R4 zur Vorort-Bücherei. Eine Stunde später wankten wir mit je einem Bücherberg heraus, wurden heimwärts chauffiert und zogen uns mit den Eroberungen in unsere Zimmer zurück. Bis zur nächsten Woche. Das Büchereilesewesen war allerdings kostenlos.

imago/Iain Masterton
Schlaraffenland für Suchtis: Im Gegensatz zur Bücherei ist hier nichts kostenlos.

Dussmann also. Schlaraffenland. Statt Milch, Honig, Wein und vorgegarter Tiere, die direkt in den Mund fliegen, Tische voller Bücher, thematisch bisweilen besser bestückt und kombiniert als in anderen Buchhandlungen. Ein Schlaraffenland mit hoher Decke und Rolltreppe. Dussmann, der Ort, an dem sich Lesende und Sammelnde treffen und sich beim Flanieren, Suchen, Auswählen nicht auf die Füße treten. Alles da, alles verfügbar. Versuchung pur.

Bei mir beginnen die Notwehr-Maßnahmen zeitig. Nicht erst an der Kasse, wenn zum würdevollen Transport des Bücherbergs der Stoffbeutel in Größe L („Artgerechte Kulturhaltung“) gereicht wird, das Dokument des Exzesses, das Zeichen der Niederlage im Kampf gegen Gelüste – inzwischen im Pfandsystem. Auf jeden Fall ist es dann zu spät.

Die harte Prüfung beginnt deshalb auf dem friedrichsträßlichen Bürgersteig, vor dem Durchschreiten des gläsernen Eingangsportals. Ich denke dann fest an die Regale, ich denke an den Bücherstapel neben dem Lesesessel, ich denke an den Bücherstapel neben dem Bett. Ich denke an all die Bäume, die sterben müssen, um zu Papier zu werden. Ich denke an das Konto. Manchmal hilft es.

Offiziell erlaubt sind mir tröstende Dussmann-Besuche nach Terminen bei der Zahnärztin. Sie praktiziert quasi um die Ecke. Nicht auszudenken, was wäre, wenn ich sie wäre. Bettina Cosack


Augurenlächeln an Heiligabend

Unser Lateinlehrer hat immer gesagt, dass die Wahrsager im Alten Rom, die Auguren, wussten, dass sie nur bluffen, wenn sie behaupten, den Götterwillen zu verkünden. Wenn sich also zwei Auguren auf der Straße begegneten, dann schenkten sie einander das wissende „Augurenlächeln“. Dieses Lächeln sagt: „Wir beide wissen, warum wir hier sind, aber das müssen ja nicht alle erfahren.“ Gesehen habe ich es natürlich bei Dussmann, beim Weihnachts-Not-Shoppen am 24. Dezember morgens, 11 Uhr.

Das Kulturkaufhaus ist der Ort in Berlin, an dem man besser als auf jedem Weihnachtsmarkt beeindruckende Kulturerzeugnisse aus aller Welt kaufen kann, auch direkt am Heiligabend. Die Verkäufer sind sehr unbeeindruckt vom sehr späten Zeitpunkt der Einkäufe, sie haben offenbar schon ganz andere Situationen hinter sich. Der Zeitdruck lässt sich an diesem Tag nun nicht mehr wegdiskutieren. Die Uhr tickt buchstäblich an diesem Tag die Minuten bis zur Bescherung hinunter und der einzige Satz, den ich in diesem Moment nicht hören möchte, lautet: „Wir könnten es Ihnen bestellen bis zum 28. Dezember.“

Und so ist der Gang zu diesem Geschenke-Notdienst in Berlins Zentrum eigentlich immer die leichteste Lösung. Es gab schon mehrere Heiligabende, die bis zur Hälfte nur aus diesem Haus bestückt wurden. Das Spiel des Jahres für die Nichten und Neffen, den Historienroman für die Schwägerin und einen Defa-Familienfilm und XXL-Kalender mit Ostsee-Leuchttürmen für die Eltern. Selbst das Einpacken ist theoretisch noch bis Mittag gut möglich.

Gleichzeitig können einem ja die Leute nur leidtun, am 24. Dezember, 11 Uhr morgens. Und wenn ich ganz ehrlich bin, hat auch kaum jemand von denen zurückgelächelt, wenn ich sie anschaute. Sie haben sich wahrscheinlich gefragt, warum der Typ mit der großen Geschenketasche so komisch grinst. Sören Kittel 


Kompetent im Keller

Ich habe nicht viel Ahnung von klassischer Musik, mag sie aber. Und wie beim Wein halte ich es auch mit der klassischen Musik: Wenn’s mir schmeckt, dann schmeckt’s, dazu brauche ich keinen Sommelier, der mir langatmig erklärt, dass es ein Qualitätsmerkmal ist, wenn der schokoladige Abgang mit Kardamom-Note am Zungenrand leicht süffig nachperlt.

Mit anderen Worten: Ich gehe wie ein Banause an Wein und Musik heran. Vor einiger Zeit aber hatte ich mal eine CD geschenkt bekommen, die mir ein Freund selbst gebrannt hatte. Darauf waren Stücke von Vivaldi, die ich besonders schätze. Der Freund und ich hatten uns aber irgendwann aus den Augen verloren und ich hatte überhaupt keine Informationen zu dem geliebten Album mit den Stücken des italienischen Komponisten und Mönchs.

Mit wenig Hoffnung begab ich mich zu Dussmann, deren Klassikabteilung war damals im Basement und ich hatte gehört, sie solle hervorragend sein. Eine sehr nette Frau fragte, ob sie helfen könne. Ich erklärte, dass ich eine Aufnahme von Vivaldi suche. Mit einem nachsichtigen Lächeln führte sie mich zu einer langen Reihe von CD-Fächern, auf den ersten Blick befanden sich rund 1000 CDs darin. „Welches Fach ist Vivaldi?“, fragte ich treudoof. Weiterhin mit viel Nachsicht lächelnd antwortete die Frau: „Alle Fächer sind für Vivaldi“.

Ich muss recht verdattert ausgesehen haben, denn sie bot direkt ihre weitere Hilfe bei der Suche an. Ich erklärte ihr die Sachlage und überreichte ihr meine unbeschriftete und selbst gebrannte CD. Viel Hoffnung hatte ich nicht, wer sollte schon aus all diesen Vivaldi-Aufnahmen die richtige erkennen?

Die nette Dame schob die CD in eine der vielen Player und lauschte recht konzentriert, vielleicht 20 Sekunden. Ah, sagte sie dann: „Concerti per Liuto e Mandolino, Werke für Laute und Mandoline, eingespielt von Il Giardino Armonico, einem Orchester aus Mailand, warten Sie.“ Sie ging zu einem der Fächer und zog ein Album heraus. Es war ein Konzert des erwähnten Orchesters. Und es war „meine“ CD.

Das ist jetzt schon ein paar Jahre her, aber bis heute bin ich nachhaltig beeindruckt von der Freundlichkeit und der Kompetenz der Verkäuferin und Kennerin in der Klassikabteilung bei Dussmann. Marcus Weingärtner


Angenehme Anonymität und Atempausen mit dem Kleinkind

Das ist vielleicht auch ein Teil des Dussmann-Erfolgsgeheimnisses – für jeden Lebensabschnitt gibt es die richtige Abteilung. Gleichzeitig ist der Laden so riesig, dass man darin weder auffällt noch Gefahr läuft, an jeder Ecke von einem aufdringlich gut gelaunten Verkäufer belagert zu werden. Früher, als ich noch studierte und wenig Geld hatte, saß ich oft stundenlang in einem der versteckter stehenden Lesesessel. Undenkbar in anderen Buchhandlungen, unbehelligt von irgendwem einfach nur rumzulümmeln und zu schmökern, zwischendurch aus den großen Fenstern auf die Friedrichstraße zu blicken und sich zu versichern, dass man noch in Berlin ist und nicht am Schauplatz des skandinavischen Thrillers, in dem man gerade blätterte.

So manches Mal las ich ein Buch in einem Rutsch durch und stellte es anschließend wieder zurück. Mein schlechtes Gewissen beruhigte ich Jahre später, als ich Geld verdiente und für mein ambitioniertes Hobby Noten brauchte. Mein Klavierlehrer empfahl mir Dussmann, was mich erst mal überraschte. Doch so entdeckte ich eine weitere Abteilung des Hauses, einen Trakt nur für Partituren, Spielliteratur, Notenmaterial und Songbooks. Ich kaufte alle Bände der Russischen Klavierschule und etliches mehr. Meine Mondscheinsonate klang schauerlich, aber die vielen Notenhefte zu Hause im Regal sahen sehr professionell aus.

Dussmann Group
Große Auswahl, Platz für Rückzug: die Kinderbuchabteilung

Wieder gingen einige Jahre ins Land, ich lernte meinen späteren Mann kennen, der seinerzeit mit seinem besten Freund ein merkwürdiges Ritual pflegte. Sie trafen sich alle drei Monate bei Dussmann, „weil es so schön zentral ist, die Tram direkt vor der Tür hält und man hinterher gleich noch was essen gehen kann“. Die beiden stöberten den ganzen Abend vor sich hin, lasen hier und dort ein paar Seiten, und am Ende schenkten sie sich gegenseitig ein Buch. Meiner Meinung nach wählten sie diesen Ort, weil sie beide nicht die großen Redner sind. Im Buchladen fällt das nicht weiter auf, wer will da schon quatschen?

Später, als unser Sohn zur Welt kam, lernte ich dann auch die Kinderbuchabteilung schätzen. Und vor allem den Raum daneben, in dem es eine kleine Spielecke gab. Ein Segen, weil es mir etwas Luft verschaffte zum Durchatmen – wenn auch keine Stunden wie früher. Anne Vorbringer