Berlin - An dem Tag, als der Spediteur das Elektrofahrrad in der Redaktion ablieferte, gab es dort viel Spaß und lustige Handyfilme. Auf ihnen war später zu sehen, wie Kollegen über den engen Büroflur fuhren, ungelenk und voller Freude. Es war ihre erste Testfahrt mit einem elektrisch angetriebenen Fahrrad. Das Hightech-Rad beschleunigte zügig. Es war ein Glücksfall, dass während der Indoor-Testfahrten keine Kollegen aus ihren Büros traten und die Teststrecke querten. Sie wären glatt umgefahren worden.

Ich empfand eine angenehme Vorfreude. Eine Woche lang werde ich dieses Fahrrad testen und meine anderen zwei altmodischen Räder mit gutem Gewissen vernachlässigen. Das ramponierte, robuste Mountainbike und mein rotes Stadtfahrrad, Marke „Strike Bike“. Ich hatte es vor fünf Jahren für 275 Euro gekauft. Viel Komfort hat es nicht.

Das Elektro-Testfahrrad hingegen ist bestens ausgestattet: mit hydraulischen Felgenbremsen, Federgabel, Federsattelstützen, einer Shimano-Kettenschaltung und einem Tretlagermotor. Das Gefährt der Firma Kreidler kostet 2000 Euro, es wiegt 25 Kilo.

Die Sache mit dem Tempo

Die erste Fahrt auf der Straße ist ein Genuss. Das Rad fährt fast wie von allein, es beschleunigt gewaltig. Einmal kurz in die Pedale getreten – der Elektromotor surrt leise und erleichtert die gewohnte Beinarbeit. Es ist ein Gefühl, als schiebe mich ein kräftiger Rückenwind mühelos voran.

Nach wenigen Sekunden zeigt der Computer am Lenkrad die Geschwindigkeit von 25 Kilometer pro Stunde an. Doch was ist das? Der Motor stoppt, jetzt muss ich treten und komme nur mühevoll in diesem Tempo weiter voran.

Später am Telefon klärt mich Werner Forster, E-Bike-Experte und Geschäftsführer von Cycle Union in Oldenburg, auf. 25 Kilometer pro Stunde, das ist die Höchstgeschwindigkeit des Motors, damit das Gefährt nach den Regeln der Straßenverkehrsordnung noch als Fahrrad anerkannt wird. Danach setzt der Motor aus. Es gibt auch elektrische Räder, deren Motor eine höhere Geschwindigkeit erreicht. Dafür braucht man einen Führerschein.

An das Tempolimit des Motors gewöhne ich mich schnell und entscheide mich für die faule Variante. Dann wird eben nur mit 25 Kilometer pro Stunde gefahren. Die zweieinhalb Kilogramm schwere Batterie unter dem Gepäckträger ist leicht abnehmbar und wird an der Steckdose aufgeladen. Bei sparsamer Fahrweise reicht sie für 145 Kilometer. Wer es zügiger mag und im „Speed-Modus“ fährt, kommt mit einer Batterieladung 60 Kilometer weit.

Der Motor gilt als elektronisch intelligent, ein Kraft- und ein Drehzahlsensor passen sich dem individuellen Fahrstil an. Zwölf Unterstützungsstufen sind einstellbar, von zögerlichen 30 bis zu protzigen 250 Prozent, von „Eco“ bis „Speed.“ E-Bike-Händler Werner Forster empfiehlt für den Stadtverkehr die mittlere Tourvariante auf Stufe 2. Für das Treten ohne elektronische Hilfe hat das Rad neun Gänge zum Schalten.

Die brauche ich nicht, ich will nur elektrisch, ich bin der E-Bike-Sprinter, der Pedelec-Pilot: An allen Ampeln führe ich bei Grün nach wenigen Tritten das Feld der Radler an. Das ist mir anfangs peinlich, denn mein Nobelrad erscheint mir wie ein Porsche auf zwei Rädern. Ich spüre ablehnende Blicke aus dem Radlerfeld, Schnösel! An leichten Steigungen überhole ich mit leichtem Tritt die Mitfahrer auf den Fahrradwegen.

Wenn die Euphorie in Apathie umschlägt

Erste Ansätze aufsteigender Arroganz nehme ich ungerührt zur Kenntnis. Ich fahre ein Elektrorad und werde leichtsinnig. Der schnelle Start erfordert hohe Konzentration und häufiges Bremsen. Im Pulk der akkulosen Radler ist der E-Biker ein Drängler und Störer. Polizeioberrat Andreas Tschisch, Verkehrssicherheits-Experte der Berliner Polizei, sagt, motorisierte Zweiräder erzielten eine „deutlich höhere Durchschnittsgeschwindigkeit als normale Fahrräder“. Das werde meist unterschätzt. Die Polizei habe bisher keine konkreten Erfahrungen mit E-Bikes gemacht.

Meine Begeisterung für das elektrische Rad lässt allerdings im Laufe der Woche nach. Die anfängliche Euphorie wandelt sich in Apathie. Der tägliche Transport des schweren Rades in die Wohnung (ich lasse das teure Teil doch nicht im Hof stehen!) erscheint mir immer mühevoller, während der Arbeit muss ich ständig daran denken, dass der Pförtner das angeschlossene Rad im Hof doch bitte gut bewachen möge.

Und: Ich fühle mich noch nicht alt genug, um mich mit Hilfe eines Elektromotors durch die Stadt zu bewegen. Ich bestelle den Spediteur und steige wieder auf mein „Strike Bike“ um. Ich brauche Bewegung, ich will einfach nur treten. Und das von Anfang an.

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