Dass Elektroautos unsexy sind, Elektromobilität unbequem ist, kann Frank Zeeb nicht bestätigen. Es kommt vor, dass andere Autofahrer ihre Handykamera zücken und ihn in seinem Auto auf der Straße fotografieren. In einem Benzin- oder Dieselfahrzeug sei ihm das nicht passiert, sagt Zeeb.

Seit drei Jahren fährt er einen Tesla S. „Ein wunderbares Auto, ich bin begeistert“, schwärmt er. „Drinnen ist es so leise, dass ich problemlos telefonieren kann. Die Technik ist sehr zuverlässig, bislang musste ich nicht einmal in die Werkstatt.“ In seiner Elektro-Limousine gleitet der Vorstandsvorsitzende des Energienetzbetreibers Alliander morgens 20 Kilometer von Charlottenburg nach Adlershof ins Büro in der Rudower Chausee, abends 20 Kilometer zurück. Sein Parkplatz auf Arbeit hat eine Ladebox, „da hänge ich alle zehn Tage das Auto dran“.

Im Winter reicht eine Ladung für 400, im Sommer für 450 Kilometer. „Wenn ich zu Hause das Gefühl habe, dass es wieder so weit ist, nutze ich eine öffentliche Ladesäule in der Nähe meiner Wohnung.“ Fazit: „Daran kann man sich gewöhnen“ – an das Auto und an die Lade-Prozedur.
Doch genau daran zweifeln Autofahrer, die mit einem Verbrenner unterwegs sind. Sie vermissen überzeugende Antworten auf praktische Fragen. Gibt es genug Ladesäulen in Berlin? Kann ich in meinem Eigenheim Ladeboxen installieren lassen? Kurzum: Wenn ich ein Elektroauto hätte – kann ich mir sicher sein, dass die Batterie immer genug Saft hat?

Fragen wie diese beeinflussen die Entscheidung, für welchen Antrieb sich ein Autokäufer entscheidet. Sie tragen außer dem Preis dazu bei, dass es in Berlin wenig Elektro-Pkw zugelassen sind. Anfang dieses Jahres waren es 1668. Gibt es genug Ladesäulen in Berlin? Das hängt von der Sichtweise ab. Ein paar Zahlen: Mitte Mai gab es auf öffentlichen Straßen und Plätzen 154 vom Land geförderte Wechselstrom-Ladestationen. Jede Säule hat zwei Steckdosen – macht 308 insgesamt Ladepunkte.

Hinzu kamen sechs Stationen, die auf Privatgelände liegen, aber rund um die Uhr zugänglich sind, sowie elf Beleuchtungsmasten mit je einer Stromzapfmöglichkeit – das ergibt 23 Ladepunkte. Bei Stationen mit weiteren 20 Steckdosen stand die Umsetzung in der nächsten Zeit bevor. Unterm Strich lag die Summe aber deutlich unter der offiziellen Zielmarke, die bereits für Mitte des vergangenen Jahres 400 Wechselstrom-Ladepunkte vorsah.

Zudem gab es Mitte Mai fünf öffentlich geförderte Gleichstrom-Schnelllader mit jeweils drei Steckdosen – insgesamt 15. Eigentlich sollte es Mitte des vergangenen Jahres 20 solcher Ladepunkte geben. Allerdings: Sechs weitere Gleichstrom-Schnelllader waren in der Vorbereitung.

Kaum Ladesäulen mit Gleichstrom

Doch nicht nur das Konsortium der Firmen Alliander, The New Motion und Allego, das Anfang 2015 den Auftrag vom Senat bekam, betreibt in Berlin Ladesäulen. So können E-Auto-Besitzer auch an den 100 öffentlichen Steckdosen des Energieversorgers Vattenfall Strom tanken. Die 237 Ladepunkte des RWE-Nachfolgers Innogy bieten sich ebenfalls an. Wie es mit ihnen weitergeht, ist jedoch ungewiss. Weil sich Innogy weigert, dem vom Senat geforderten „Berlin-Standard“ umzusetzen und alle Ladekartenanbieter zuzulassen, haben Bezirksämter die Genehmigung zur Nutzung des Straßenlands nicht verlängert. Verkehrszeichen, die Gratis-Parken während des Ladens ermöglichen, wurden demontiert. Innogy klagt vor dem Verwaltungsgericht Berlin.

Bei der Berliner Agentur für Elektromobilität (eMO) schätzt man, dass es in Berlin und Brandenburg insgesamt rund 770 Ladepunkte mit Wechselstrom und 25 mit Gleichstrom gibt. Unter www.plugsurfing.com kann man sich im Internet informieren, wo aktuell Ladesäulen verfügbar sind. Sogar an manchen Tankstellen warten Ladesäulen auf stromhungrige Fahrzeuge. Für Berlin-Touristen hat rund ein Dutzend Hotels Ladestationen aufgestellt. Das Förderprogramm heißt „Sleep & Charge“ – schlafen und auf laden.

Und so lautet das erste Ergebnis: Auch wenn das Senatsprogramm den eigenen Vorgaben hinterher hinkt – niemand muss fürchten, dass er keinen Strom fürs Auto bekommt. „Gemessen an der Zahl der Elektroautos gibt es nicht zu wenige, sondern zu viele Ladesäulen“, sagt Andreas Knie vom Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ). Wie viele Säulen es gibt, sei wichtig – aber nicht so wichtig, wie viele meinen, sagt eMO-Chef Gernot Lobenberg.

300 bis 400 Euro Betriebskosten pro Vierteljahr

„Im Durchschnitt spielen sich vier Fünftel aller Ladevorgänge zu Hause oder am Arbeitsplatz ab, nur ein Fünftel an öffentlichen Säulen.“ Wer in seiner Garage eine Ladestation wünscht, kann sich bei der Elektro-Innung informieren. Kosten: 400 bis 1000 Euro. Auch Lobenberg hat eine „Wallbox“, auf seinem Lichtenrader Grundstück.

Dagegen kostet es rund 10.000 Euro, eine Ladesäule auf der Straße aufzustellen und anzuschließen. Pro Vierteljahr kommen 300 bis 400 Euro Betriebskosten hinzu. Dabei schlagen auch Versicherungsbeiträge zu Buche, denn immer wieder werden Ladesäulen beschädigt – was dazu beiträgt, dass rund ein Zehntel außer Betrieb ist.

Doch es liegt nicht am Geld, dass das Senatsprogramm im Verzug ist. Finanzielle Mittel stehen laut Haushalt ausreichend bereit. In einer zweiten Stufe wären sogar bis 2020 weitere 700 Wechselstrom- und 20 Gleichstrom-Steckdosen möglich, falls es Bedarf gibt. Das Problem ist ein anderes: „Die Genehmigungsverfahren sind kompliziert“, sagt Frank Zeeb. Für die Standorte seien die Bezirksämter zuständig, bei der Suche viele Fragen zu klären – und das kann dauern. Beteiligte berichteten zudem, dass Denkmalpfleger oft Veto einlegen, so geschehen zum Beispiel am Gendarmenmarkt und im Scheunenviertel in Mitte. Schließlich müsse man sich mit dem zuständigen Stromnetzbetreiber einigen, auch dies erfordere Zeit.

„Berlin braucht ein Förderprogramm“

Mobilitätsforscher Knie fordert, dass es einfacher wird, Ladesäulen zu nutzen. „Das Motto muss lauten: Plug and play – einstöpseln und Strom tanken. Heute muss man noch eine Karte haben, und an jeder Ladesäule gelten nur bestimmte Karten, nicht alle.“ Noch wichtiger wäre ein Schwenk in der Verkehrspolitik. Denn die Zahl der Elektroautos werde nur dann spürbar steigen, wenn es für die Förderung der Elektromobilität ein Konzept aus einem Guss gibt.

„Hier muss der Senat endlich durchstarten“, so Knie. „Berlin braucht ein landeseigenes Förderprogramm, wie es in Bayern, Hessen und anderen Bundesländern längst besteht. Das Land muss außerdem die Beschaffungsrichtlinien ändern, damit Bezirke, der Senat und andere Landeseinrichtungen E-Fahrzeuge kaufen dürfen, ohne Ärger mit dem Rechnungshof zu kriegen.“ Knie verlangt auch Privilegien für Elektromobile: „Wer elektrisch fährt, muss kostenlos parken dürfen. So lange es kein konsistentes Konzept gibt, brauchen wir nicht mehr Ladesäulen.“