Berlin - Wenn eine Schienenstrecke wegen Bauarbeiten gesperrt wird und stattdessen Busse fahren, ist das ein Anlass zum Ärgern. Dass ein Schienenersatzverkehr auch positive Folgen haben kann, zeigt das Beispiel von drei Schulfreunden aus Berlin. Ein Schienenersatzverkehr (SEV) auf der U-Bahn-Linie U 6 brachte das Trio auf eine Geschäftsidee, die es nun auch in ihrer Heimatstadt umsetzt. Clever Shuttle heißt ihr Fahrdienst, der in dieser Woche in Berlin den Betrieb aufnimmt – ausschließlich mit Elektroautos. Er funktioniert wie Sammeltaxis: Fahrgäste, die in dieselbe Richtung wollen, nutzen jeweils ein Auto gemeinsam. Motto: Ride Sharing – zusammen fahren. Berlins Taxis droht nun weitere Konkurrenz.

Was hat der SEV auf der U 6 damit zu tun? „2013 traf ich mich mit meinen Freunden Jan Hofmann und Slava Tschurilin zum Grillen“, erzählt Geschäftsführer Bruno Ginnuth. Hofmann pendelte damals zwischen Berlin und Frankfurt am Main. Er ärgerte sich darüber, dass er viel Zeit brauchte, um abends vom Hauptbahnhof zu seiner Wohnung am Checkpoint Charlie zu gelangen, weil auf der U 6 Busse fuhren. Er stieg aufs Taxi um – und stellte fest, dass er nicht der Einzige war, der mit diesem Verkehrsmittel Richtung Kreuzberg unterwegs war. In fast jedem Taxi, das er unterwegs sah, saß allerdings nur ein Fahrgast.

Eine Frage drängte sich auf: Könnte man diesen Verkehr nicht wirtschaftlicher gestalten – billiger für die Fahrgäste, schonender für die Stadt? An jenem Grillabend kamen die Freunde vom Walter-Rathenau-Gymnasium auf die Antwort: Ride Sharing – ein Fahrdienst, der Fahrgäste mit ähnlichen Zielen gemeinsam befördert. Der Name war bald gefunden: Clever Shuttle.

6,5 Kilometer für 5,50 Euro

Am heutigen Mittwoch beginnt in Berlin die letzte Testphase, offiziell geht es am 1. September los. „Mit vier Ford Focus Electric und einem Citroën C-Zero“, so Ginnuth. Fahrzeuge der Marke Nissan Leaf sind bestellt – auch sie fahren mit Strom. Per App kann der Fahrdiensttäglich von 18 Uhr bis 1 Uhr gebucht werden, freitags und sonnabends bis 4 Uhr. Start und Ziel müssen innerhalb des S-Bahn-Rings liegen.

„Zu Beginn werden wir günstiger sein als künftig geplant“, erklärt der 32-Jährige und nennt ein Preisbeispiel: „Eine 6,5-Kilometer-Strecke, zum Beispiel vom KaDeWe zum Kottbusser Tor, würde für eine Person zirka 5,50 Euro kosten. Wenn zwei Personen diese Fahrt buchen, würde der Preis zirka 6,90 Euro betragen“ – knapp 3,50 Euro pro Person. Im Taxi würden für eine solche Strecke fast 17 Euro berechnet.

„Wir beschäftigen überwiegend fest angestellte Fahrer“, sagt Ginnuth. „Aktuell sind es 26, davon sechs in Berlin.“ Die anderen fahren in Leipzig und München, wo es die Elektro-Sammeltaxis bereits seit diesem Frühjahr gibt. Dort werden sie pro Woche für insgesamt rund 600 Fahrten genutzt, bei denen tausend Fahrgäste befördert werden.

Ginnuth: „Wir hätten gern in unserer Heimatstadt angefangen.“ Der Papierkram konnte in Sachsen und Bayern aber schneller erledigt werden. Das Personenbeförderungsgesetz lässt es nicht zu, dass Sitzplätze einzeln „verkauft“ werden, eine spezielle Genehmigung ist erforderlich. In Leipzig und München wurde der Antrag zügig positiv beschieden, in Berlin vergingen rund acht Monate.

Im März 2016 war das Schreiben von Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten endlich da. Aber es enthält Auflagen. So darf Clever Shuttle in Berlin nicht mehr als zehn Autos betreiben. Außerdem dürfen die Batterien nur auf dem Euref-Campus am Schöneberger Gasometer, wo das Unternehmen seinen Sitz hat, aufgeladen werden.

Bahn ist strategischer Investor

Die Deutsche Bahn unterstützt Clever Shuttle als strategischer Investor. Vorstandschef Rüdiger Grube erklärt warum: „Wir haben uns beteiligt, weil Clever Shuttle gerade für Bahnkunden interessant ist, die vom Bahnhof individuell, umweltfreundlich und zu fairen Fahrpreisen zu ihrer Zieladresse gelangen wollen.“ Die Unterstützung ist nötig, denn auf lange Sicht sind keine Gewinne zu erwarten.

In Berlin gibt es zudem Konkurrenz: Allygator Shuttle hat hier bereits einen Ride-Sharing-Dienst etabliert. Um Fuß zu fassen, ist der Tarif sehr niedrig: Ein Kilometer kostet zehn Cent. Uber aus den USA, die unangefochtene Nummer eins auf diesem neuen Markt, plant für Berlin ebenfalls einen solchen Fahrdienst – Uber Pool.

Der Taxi-Verband sieht die Konkurrenz gelassen. „Das Taxi wird ein wichtiger Bestandteil des Berliner Verkehrs bleiben – und wir werden unsere Qualität weiter verbessern“, so der Vorsitzende Detlev Freutel.

„Wir haben keine Angst, auch nicht vor Uber“, sagt Bruno Ginnuth. „Der Markt ist riesig.“ Angst sei ein schlechter Begleiter. „Wenn man Unternehmer ist, erlebt man immer wieder Herausforderungen.“