E-Mobilität: Start-Up Chargery erfindet mobile Ladesäule für Elektroautos

Das Elektroauto ist bekanntermaßen noch nicht das Gefährt, um das sich hierzulande die Kundschaft reißt. Von den etwa 1,2 Millionen Pkw mit B-Kennzeichen haben gerade mal rund 2 100 Autos Magneten und Kupferwicklungen statt Zylinder unter der Motorhaube. Häufigstes Argument der E-Auto-Ablehner: zu geringe Reichweite, zu wenig Lademöglichkeiten.

Dagegen lässt sich tatsächlich nicht allzu viel einwenden. In Berlin gibt es derzeit etwa 400 Ladepunkte. Will einer also sein Stromauto betanken, was eben nicht in ein paar Minuten erledigt ist, steht er rechnerisch mit drei weiteren Konkurrenten im Wettbewerb. In einzelnen Stadtgebieten kann der Ladenotstand noch größer sein.

"Wir können was lostreten"

In Mitte, in der Start-up-City zwischen Rosenthaler Platz und Schönhauser Allee, haben sich drei junge Männer daran gemacht, dieses Problem zu lösen. Chargery heiß das von Christian Lang, Philipp Anders und Paul Stuke gegründete Unternehmen, das Strom auf Bestellung liefern will – zum Auto.

„Wir können was lostreten“, sagt Philipp Anders und hofft, der Elektromobilität auf die Sprünge helfen zu können. Tatsächlich bringt Chargery die Ladesäule zum E-Mobil. Dafür haben die drei einen Fahrradanhänger mit einer Metallbox bestückt, in der sich 24 Lithium-Ionen-Akkus befinden. Wird Strom benötigt, fährt der Stromkurier vor, Ladestecker in die Box, und vier Stunden sind die Batterien des Elektroautos wieder voll.

Drivenow ist ihr Kunde

Im August haben Lang, Anders und Stuke ihre Firma gegründet. Alle drei kommen aus der Mobilitätsbranche. Lang und Anders haben sich bei Audi in Ingolstadt kennengelernt, dort in Strategieabteilungen gearbeitet. Stuke, studierter Maschinenbauer, war zuvor hier in Berlin bei dem US-Unternehmen Local Motors und hat dort den autonom fahrenden Bus Olli mitentwickelt. Dass sie sich für ihren Akku-On-Tour-Dienst für das Fahrrad samt Anhänger entscheiden haben, liegt sie auf der Hand. Denn natürlich sei ihnen die emissionsfreie Fortbewegung wichtig. Zudem könne der Anhänger überall auf dem Gehweg abgestellt werden und benötige keinen Parkplatz, sagt Philipp Lang.

Noch gibt es nur einen Akku-Anhänger. Drei bis fünf Mal rücken sie mit diesem täglich zur Ladetour aus. Ihr Kunde ist Autoverleiher Drivenow, der in Berlin insgesamt 150 elektrische betriebene BMW i3 im Einsatz hat. Bislang musste ein Auto mit fast leerem Akku an die nächste Ladesäule oder BMW-Werkstatt gebracht werden. Jetzt erledigt das Chargery für Drivenow an jedem x-beliebigen Ort. Wie viel das Carsharing-Unternehmen dafür zahlt, verraten sie nicht. „Wir kommen zurecht“, sagt Christian Lang.

In ihrer Werkstatt in der Zehdenicker Straße werden gerade zwei weitere Ladeanhänger aufgebaut. Im Frühjahr soll dann die nächste Generation der mobile Ladesäule startklar sein. Mit ihr wird ein Elektroauto in etwa einer Stunde wieder voll aufgeladen werden können.

Dass ihnen der Markt dafür bald ausgehen könnte, weil sich die Infrastruktur verbessert und neue Stromzapfsäulen entstehen, befürchten die Chargery-Gründer nicht. „Die Lücke zwischen Elektroautos und Ladesäulen wird eher noch zunehmen“ sagt Christian Lang. Er rechnet damit, dass die Zahl der E-Autos schneller wächst als die der Ladepunkte. Entsprechend sieht die Planung für Chargery aus: Ende nächsten Jahres will man 40 Ladeanhänger im Einsatz haben, den Dienst in einer weiteren Stadt anbieten und etwa 15 Mitarbeiter beschäftigen.

Für Greentech Award nominiert

Derzeit verhandeln die Stromkuriere mit drei Firmen, um deren E-Autos zu betreuen. 2019 soll das Privatkundengeschäft folgen. Dann werde es möglich sein, ein Strommobil binnen 20 Minuten zu reanimieren. Geordert wird der Service per App. „Wer ein E-Auto hat, soll sich nicht mehr darum kümmern müssen, wo die Akkus geladen werden“, sagt Lang.

Wenngleich der Preis für die Kunden noch offen ist, so könnte die Geschäftsidee der E-Mobilität tatsächlich helfen. Jedenfalls ist Chargery für den Greentech Award 2018 nominiert. Nun hoffen Lang, Anders und Stuke, bei dem internationalen Umweltpreis unter die ersten drei zu kommen, was ihnen bei der Investorensuche helfen sollte. Im Frühjahr werden sie ihre erste Finanzierungsrunde starten. Ein „niedriger einstelliger Millionenbetrag“ sei nötig.