Berlin - Die E-Scooter-Flotte in Berlin wächst weiter. Von diesem Dienstag an können in der Hauptstadt auch elektrische Tretroller von Bolt gemietet werden. Die türkisgrünen Zweiräder sollen Montagnacht aufgestellt werden, sagte Balthasar Scheder, der bei dem  estnischen Unternehmen für die Mikromobilität in Deutschland verantwortlich ist, der Berliner Zeitung. In der ersten Phase werden es knapp 2.000 E-Scooter sein, die wie in der Branche üblich per App genutzt werden können. Damit steigt die Gesamtzahl dieser Fahrzeuge in Berlin auf über 26.000. Im Verlauf des Jahres will Bolt weitere E-Scooter aufstellen, je nach Nachfrage.

Berlin ist eine von neun deutschen Städten, in denen Bolt von Dienstag an vertreten ist. Die anderen acht sind Potsdam, Nürnberg, Fürth, Hamburg, Frankfurt am Main, München, Stuttgart und Köln. Insgesamt werden rund 15.000 E-Scooter aufgestellt. Bis zum Ende des Jahres will das Unternehmen in Deutschland dann weiter expandieren. Die Zahl der deutschen Städte, in denen Bolt E-Tretroller vermietet, soll auf mehr als 30 wachsen, die Zahl der Fahrzeuge die 30.000-Marke übersteigen. „Es ist die bisher größte Expansion von Bolt in ein einzelnes Land“, sagte Scheder, der zuvor beim Konkurrenten Tier Mobility tätig war.

Fußgängerlobby spricht von „Mobilitätsmüll“

Der Zeitpunkt für den Einstieg in Berlin ist mit Bedacht gewählt. „Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Touristen in Berlin demnächst wieder deutlich steigen wird“, so der Bolt-Manager. „Lockerungen der Corona-Maßnahmen und eine steigende Impfquote tragen dazu bei, dass die Nachfrage nach E-Scootern zunehmen wird.“ Bereits jetzt greifen die Einheimischen verstärkt auf Angebote der Mikromobilität, wozu die kleinen Vehikel zählen, zurück. „Während der Pandemie meiden viele Menschen den öffentlichen Verkehr. Sie nutzen andere Mobilitätsangebote.“

Allerdings ist Bolt nicht der einzige Anbieter. Auf vielen Gehwegen und Plätzen stehen bereits E-Tretroller parat – zum Leidwesen vieler Fußgänger, die sich über die Hindernisse mokieren. Der Fachverband Fußverkehr Deutschland (FUSS) spricht von „Mobilitätsmüll“. Dagegen weisen andere Diskutanten darauf hin, dass die Zahl der in Berlin zugelassenen Autos mit mehr als 1,2 Millionen deutlich höher ist.

Bislang sind in Berlin Lime, Bird, Voi und Tier aktiv – mit 24.500 E-Scootern. „Natürlich ist Berlin ein stark umworbener Markt“, so Scheder. „Doch als größte Stadt Deutschlands spielt Berlin eine wichtige Rolle in unserer Expansionsstrategie.“ Nicht nur, dass die deutsche Hauptstadt nach dem Abklingen der Pandemie wieder eine Touristenmetropole sein wird: Auch viele Einheimische stünden neuen Mobilitätsformen aufgeschlossen gegenüber. Weil manch einer Angst habe, sich im öffentlichen Verkehr mit dem Coronavirus anzustecken, seien Alternativen gefragt.

Bolt
Balthasar Scheder, Deutschland-Chef von Bolt, ist auf Expansionskurs. 

Wie die anderen Anbieter werde Bolt seine Vehikel vor allem in der Innenstadt  offerieren, sagte Scheder. Aber auch in Spandau werden E-Scooter des Unternehmens zu mieten sein. „Zu unserer Strategie gehört, nicht nur in Innenstädten, sondern auch außerhalb des Zentrums und in Randbereichen unsere Fahrzeuge anzubieten.“

Der Bolt-Manager weiß, dass es gerade in Berlin viel Kritik an falsch abgestellten Sharing-Fahrzeugen gibt. Die Nutzer seien dazu verpflichtet, am Ende jeder Fahrt das abgestellte Fahrzeug zu fotografieren und die Aufnahme im Bolt-System zu hinterlegen, sagte er. Um zu verhindern, dass E-Scooter in bestimmten Bereichen abgestellt werden, könnten Parkverbotszonen definiert werden. Bürger können Bolt auf drei Wegen Beschwerden mitteilen: am Kundentelefon, auf der Website und per E-Mail.

Wie berichtet strebt die rot-rot-grüne Koalition an, die Sharing-Branche in Berlin zu reglementieren. Abgeordnete wollen noch vor der Wahl im September das Berliner Straßengesetz novellieren. Der Gesetzentwurf sieht vor, das Aufstellen von E-Scootern, Mietfahrrädern, Carsharing-Autos und anderen Sharing-Fahrzeugen zur Sondernutzung öffentlichen Straßenlands zu erklären. Dafür sind künftig Erlaubnisse erforderlich, die es erst nach einem Vergabeverfahren geben soll. Zudem sind künftig anders als heute Gebühren zu zahlen. Die Branche kritisiert die Pläne und schlägt stattdessen eine Selbstverpflichtungserklärung vor.

Nicht zu verwechseln mit dem Unternehmen von Usain Bolt

„Natürlich sollten neue Angebote nicht totreguliert werden“, entgegnete Balthasar Scheder. „Dass das Anbieten von Sharing-Fahrzeugen als genehmigungs- und gebührenpflichtige Sondernutzung öffentlichen Straßenlandes eingestuft werden kann, ist allerdings nicht neu. Düsseldorf und Bremen haben bereits entsprechende Regelungen getroffen. Wir nutzen Kostenvorteile, weil wir als Anbieter extrem effizient und rentabel sind. Die Fahrzeuge, die wir in Tallinn designen und dann vermieten, stellen wir an einem eigenen Produktionsstandort in China her.“

Bolt wurde 2013 in der estnischen Hauptstadt Tallinn gegründet. Zunächst machte das Start-up aus dem Baltikum unter dem Namen Taxify dem US-Fahrtenvermittler Uber Konkurrenz. Inzwischen ist es außerdem in Osteuropa im Bereich der Mikromobilität tätig. In Afrika lässt Bolt Essen ausfahren. Daimler gehört zu den Investoren des Unternehmens, das nun kräftig expandieren will. „Die große Zahl der Anbieter zeigt, dass Westeuropa ein attraktiver Markt für Mikromobilität ist. Das gilt insbesondere für Deutschland“, erklärt Balthasar Scheder.

Bolt (englisch für Bolzen) sollte nicht mit Bolt Mobility verwechselt werden, dem E-Scooter-Anbieter des Ex-Weltklasse-Sprinters Usain Bolt aus den USA. In Paris gab es bereits einen Namensstreit – bei dem der achtfache Olympiasieger unterlag. Zumindest optisch sind die Fahrzeuge nicht zu verwechseln: Die Elektro-Tretroller von Usain Bolt sind knallgelb.