Berlin - Berlin ist ein Spinnennetz. Nachts jedenfalls, von Satelliten im All aus betrachtet. Das Netz leuchtet gelblich auf der rechten Seite, im Osten, und auf der linken Seite etwas weißer, im Westen. Helle Kleckse sind zu erkennen, in der Mitte zum Beispiel, dort, wo das Brandenburger Tor steht. An diesem Sonnabend um 20.30 Uhr verschwinden einige Kleckse aus dem Stadtbild. Earth Hour ist dann, Berlin knipst für eine Stunde die Lampen aus, an Sehenswürdigkeiten, Bürogebäuden, Privathäusern.

„Die Earth Hour ist in erste Linie eine symbolische Aktion“, sagt Silke Hahn vom World Wide Fund for Nature (WWF), der 2007 die Initiative startete, Sydney machte damals den Anfang. Berlin stieg zwei Jahre später ein. „Uns geht es darum, ein globales Zeichen zu setzen.“ Dafür, dass dringend gehandelt werden muss, um eine Klimakatastrophe abzuwenden. Mehr als 7000 Orte in insgesamt rund 190 Ländern machen mit. In Deutschland beteiligen sich mehr als 545 Städte und Gemeinden. Das ist ein Rekord.

„Eine ermutigende Tendenz“, sagt Silke Hahn. Der Effekt wird sich später zeigen, an der Stromrechnung, das vielleicht auch, aber: „Die Menschen sollen sich über die 60 Minuten hinaus mit dem Thema Klimaschutz beschäftigen und die Initiative ergreifen.“ In Uganda etwa wurde vor einiger Zeit mithilfe von Spenden ein Earth-Hour-Wald angepflanzt, auf den Galapagos-Inseln der Kampf gegen Plastik und in Indien der gegen Holzöfen forciert. Und in Berlin?

In Berlin geht es ums Verdunkeln. Lichtverschmutzung ist ein gravierendes Problem in Großstädten. „Es gibt viele Beispiele für negative Folgen“, sagt Jochen Krautwald, Diplom-Biologe vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND). „In der Stadt sieht man kaum noch Sterne. Auf dem Kurfürstendamm bleiben die Blätter an den Bäumen wegen der starken Lichteinstrahlung länger grün und fallen später.“ Vögel kollidieren mit Wartehäuschen, weil sie der helle Schein anzieht; eine halbe Million verendet jährlich allein in Deutschland nach einem Crash mit Glasscheiben. Die Biomasse an fliegenden Insekten ist in den vergangenen drei Jahrzehnten um mehr als 75 Prozent gesunken.

Auch für den Menschen kann Lichtverschmutzung zur Todesursache werden. Die Wissenschaft hat Zusammenhänge erkannt zwischen einem gestörten Tag-Nacht-Rhythmus und hormonell bedingten Krebsarten wie Tumoren an Hoden, Prostata, Eierstöcken oder Brust. Das Schlafhormon Melatonin spielt dabei eine Rolle. Der Mensch produziert es bei Dunkelheit. Es stärkt das Immunsystem und beugt Krebs vor. Trifft jedoch Licht auf die Netzhaut, ergeht im Körper das Kommando: Produktion einstellen!

Das Bewusstsein für die Gefahren ist allerdings schwach ausgeprägt. „Das Licht im öffentlichen Raum nimmt weltweit exponentiell zu, die Entwicklung ist rasant“, sagt Krautwald. Allerdings: „In Berlin ist die Situation noch nicht so dramatisch wie in anderen europäischen Städten, etwa in Mailand, das schon deutlich stärker auf LED-Lampen bei der Straßenbeleuchtung umgestellt hat.“

Die „Licht emittierende Diode“, LED, ist das Leuchtmittel der Wahl, weil es wenig Strom verbraucht. „Bei einem Austausch maroder Elektroleuchten werden im Regelfall 50 bis 70 Prozent Energie eingespart“, sagt Derk Ehlert von der Berliner Senatsumweltverwaltung. Doch der vermeintliche Vorteil kann sich in einen Nachteil verkehren: Was wenig kostet, wird viel eingesetzt. Rebound-Effekt ist der ökonomische Fachbegriff dafür. In Berlin greift dieser Effekt noch nicht.

Rund 225.000 Straßenlaternen betreibt das Land. „Darunter sind auch die Beleuchtung von Tunneln, circa 200 Anstrahlungen – zum Beispiel an der Siegessäule oder der Gedächtniskirche – und hinterleuchtete Verkehrszeichen“, sagt Ehlert. Nur 44.000 dieser Laternen werden momentan mit LED betrieben.

Doch der verschwenderische Einsatz sparsamer Lampen ist nur ein Teil des Problems. LED-Licht ist kurzwellig, kaltweiß, es strahlt weiter als herkömmliche Lampen, was die negativen Einflüsse auf Mensch und Natur verstärkt. Dabei gibt es eine technische Lösung. In Berlin wird sie erprobt: LED-Lampen mit einer gelblichen Farbtönung. An der Falckensteiner Straße in Kreuzberg läuft ein Pilotprojekt. „Auf der einen Straßenseite stehen Gaslaternen, auf der anderen Laternen mit getönten LED-Lampen“, sagt Biologe Krautwald, „ein Unterschied in der Lichtgebung ist kaum zu erkennen.“

Beim Licht bleibt Berlin eine geteilte Stadt

Die getönten Dioden verbrauchen mehr Energie. Sie kosten mehr als die rund 350 Euro für eine konventionelle LED. Richtig teuer wird es, wenn die Beleuchtung von Gaslaternen imitiert werden und dabei das Erscheinungsbild erhalten bleiben soll. Ausgetauscht wird die gesamte Laterne oder zumindest ihr Kopf. „Aktuell 6600 Euro“, sagt Derk Ehlert von der Umweltverwaltung. „Bei der Umrüstung von Gashängeleuchten entstehen Kosten von 7600 Euro je Standort.“

Von den ehemals 44.000 Berliner Gaslaternen existieren noch 25.000, lediglich 1120 davon im Osten. Beim Licht ist die Stadt auch mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall geteilt. Das gelbliche Licht im nächtlichen Spinnennetz stammt von sogenannten Natriumdampf-Hochdrucklampen, kurz NAV. 70.000 stehen davon in den östlichen Bezirken, nur 14.500 im Westen.

NAV-Leuchten sind besser als die meisten LED, sagt Krautwald. Experten schätzen an dieser Technik die Lichtausbeute bei angenehmen Farbtemperaturen, sie liegt höher als bei der getönten Diode. Energie verbrauchen alle Lampentypen, wobei Berlin zwischen 2012 und 2019 rund 15 Prozent eingespart hat und jetzt 66 Millionen Kilowattstunden für die Straßenbeleuchtung aufwendet. Das dadurch freigesetzte Klimagas CO2:  insgesamt 61.000 Tonnen jährlich.

Ist also die beste Straßenbeleuchtung für Berlin eine, die für immer ausgeschaltet ist? Nein, sagt zum Beispiel die Polizei. Zwar ist es wissenschaftlich nicht bewiesen, dass  helle Straßenbeleuchtung Kriminelle von ihrem Tun abhält. Licht gleich Sicherheit ist demnach nur eine gefühlte Formel, doch zum Schutz der Bürger bleibt hohe Strahlkraft in manchen Bereichen auch während der Nacht erforderlich. Nicht nur auf den Hauptverkehrsadern der Stadt. „Bei Veranstaltungen im Olympiastadion fordert die Polizei ein Schaltsignal an, und in den Straßen im Umfeld des Stadions wird es heller“, sagt Derk Ehlert.

Anderswo in der Stadt wird mit Laternen experimentiert, die je nach Uhrzeit und Verkehr heller oder dunkler strahlen. „Es gibt intelligente Lösungen“, sagt Jochen Krautwald. „Man kann das Licht dimmen. In Wien wurden damit gute Erfahrungen gemacht, ohne dass die Verringerung der Lichtstärke zu Beeinträchtigungen geführt hätte.“

Das deckt sich mit den Erfahrungen, die Berlins Umweltverwaltung gemacht hat. „Kritik an der Lichtfarbe ist sehr selten“, sagt Derk Ehlert. „Der Einsatz von LED-Leuchten in Wohnstraßen, die ihr Licht zielgenau nach unten richten, werden regelmäßig kritisiert. Die Bürger wünschen sie eher eine Straßenleuchte in niedriger Masthöhe, die traditionell rundherum leuchtet.“

Dagegen hat das Bundesamt für Naturschutz grundsätzlich nichts einzuwenden. In einem Leitfaden zur Beleuchtung im öffentlichen Raum heißt es jedoch: „Empfohlen wird, die Abstrahlung in den Himmel für sämtliche Außenbeleuchtungen so gering wie möglich zu halten.“ Kampf den Klecksen im nächtlichen Stadtbild.

Das passt zur Idee der Earth Hour. „Im Logo der Aktion steht ja ganz bewusst: 60+“, sagt Silke Hahn vom WWF. Für 60 Minuten knipst Berlin am Sonnabend das Licht aus, an Sehenswürdigkeiten, Bürogebäuden, Privathäusern. Doch wer weiß: An manchen Stellen der Stadt darf die Nacht vielleicht auch danach das sein, was sie von Natur aus ist – dunkel.