East Side Gallery: „Am besten wäre gar keine Bebauung“

Axel Klausmeier, 48, ist seit 2009 Direktor der Stiftung Berliner Mauer mit den Gedenkstätten an der Bernauer Straße und in Marienfelde, die zum auf viele Orte in der Stadt verteilten („dezentralen“) Gedenkkonzept des Senats gehören. Die rot-schwarze Koalition plant jetzt, auch die East Side Gallery der Stiftung zu überantworten. Die Finanzierung ist aber noch offen.

Herr Klausmeier, wie kann es sein, dass in Berlin Bagger die Mauer einreißen – und keiner weiß davon?

Der Fall East Side Gallery ist irgendwo zwischen Bezirks- und Senatszuständigkeiten verloren gegangen. Es gibt einfach Baugenehmigungen, die älter sind als das dezentrale Gedenkstättenkonzept von 2006, das die verschiedenen Mauer-Gedenkorte in der Stadt beschreibt. Da gibt es dann Kollisionen. Die große Mauerlücke für die O2-World zum Beispiel ist darin enthalten, die für die Brommybrücke und das Hochhaus aber nicht.

Sie sind gewissermaßen der oberste Mauer-Schützer. Wie viele Löcher verträgt denn die Mauer?

Eine Mauer, die immer löchriger wird, verliert als Denkmal natürlich die eigene Botschaft. Sie war ja gerade nicht durchlässig, das war der Kern ihrer Funktion. Bei der O2-World gab es einen immensen Investorendruck, die Mauer zu öffnen. Da haben die Denkmalschützer zähneknirschend klein beigegeben.

Wie sind solche Überraschungen künftig zu vermeiden?

Mein erstes Ziel ist es, in diesem Monat die wichtigen Elemente der verbliebenen Grenzanlagen noch einmal genau aufzulisten. Dabei soll nicht nur ihr Denkmalschutz-Status, sondern auch eine mögliche Gefährdung durch Baugenehmigungen dokumentiert werden.

Was schlagen Sie konkret für die East Side Gallery vor?

Am besten wäre es, wenn der Stadtraum zwischen Mauer und Spree frei bliebe von Bebauung.

Aber auf dem Mauerstreifen besteht Baurecht. Wer das verhindern will, muss zahlen.

Das ist immer eine Frage des politischen Willens. Wir hatten 2004 in der Bernauer Straße im Grunde die gleiche Situation. Auch da gab es Baurecht, auch da schien alles unveränderlich. Und dann ging es doch. Man sollte wirklich in längerfristigen Perspektiven denken: Es geht nicht nur um die Investitionen von heute, sondern um die Frage, was soll dort in zehn oder zwanzig Jahren sein? Wenn man immer mehr Löcher in der Mauer zulässt, verliert der Ort seine Zugkraft als Touristenmagnet. Die Menschen aus aller Welt wollen ja nicht dahin, um sich Häuser am Wasser anzuschauen, sondern um die Mauer zu sehen.

Aber interessieren sich Berliner und Berlin-Besucher in zehn Jahren immer noch für die Mauer?

Wir haben in den vergangenen Jahren einen unglaublichen Besucherzuwachs. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dieser Trend sich umkehrt. Erinnerung braucht Orte – und es wird dort eine faszinierende Erzählung geboten: Die Botschaft der friedlichen Revolution, die den Kalten Krieg beendete. Der Protest an der East Side Gallery zeigt doch, dass sich das Bewusstsein der Berliner im Umgang mit der Geschichte ihrer Stadt gewandelt hat. Das kann man als Erfolg des dezentralen Gedenkstättenkonzepts werten.

Wie teuer wäre es denn, Grundstücke zwecks Gedenken zurückzukaufen?

Es kostet eine Stange Geld, das ist klar. Bisher war die Politik bereit zu investieren: Das Gedenkstättenkonzept hat insgesamt rund 37 Millionen Euro gekostet, davon sind allein 17 Millionen Euro für den Kauf von Grundstücken ausgegeben worden.

Glauben Sie, das gelingt auch an der East Side Gallery? Senatschef Klaus Wowereit winkt doch schon ab und will nur kleinere Lücken als bisher.

Ehrlich gesagt glaube ich zurzeit nicht, dass sich da viel bewegt, weil weder Senat noch Bezirk die Kosten tragen können oder wollen. Aber wenn Bausenator Michael Müller sagt, heute würden wir anders entscheiden, und wenn sich die Leute vor die Mauer stellen, um sie zu erhalten, dann gibt es die berechtigte Erwartung, dass solche Entscheidungen künftig nicht mehr fallen.

Immerhin hat Rot-Schwarz im Kulturausschuss beschlossen, dass die East Side Gallery unter Ihre Verantwortung soll. Was halten Sie davon?

Das ergibt inhaltlich durchaus Sinn, muss aber genau geprüft werden. Denn es müssten dann die entsprechenden Mittel bereit stehen.

Das Gespräch führte Jan Thomsen.