Prof. Dr. Leo Schmidt, Jahrgang 1953, gehört zu den besten Kennern der Berliner Mauer. Als Inhaber des Lehrstuhls für Denkmalpflege an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus (BTU) war er von 2001 bis 2003 maßgeblich verantwortlich für die Erfassung, Beschreibung und Kartierung der noch vorhandenen Mauerreste in Berlin – vom unscheinbaren, rostigen Grenzzaun bis zur East Side Gallery an der Mühlenstraße in Friedrichshain. Auf diesem Gutachten basiert das 2006 vom Senat verabschiedete Berliner Mauerkonzept. Die East Side Gallery müsse als einzigartiges bauliches Dokument der Teilung erhalten werden, fordert der Wissenschaftler.

Herr Professor Schmidt, wie ist Ihnen zumute, wenn der Bagger Stücke aus der East Side Gallery zerrt? Blutet das Herz oder wahren Sie den professionellen Abstand des Denkmalschützers?

Beides. Ich bin mit dem Thema Berliner Mauer seit 1997 wissenschaftlich befasst und habe schon einiges erlebt, was die Ignoranz gegenüber diesem Bauwerk angeht. Damals galten wir als Spinner, als wir Denkmalschutz für die Reste der DDR-Grenze gefordert haben. Aber in den letzten Jahren ist man sich in der Stadt eigentlich bewusst geworden, welchen historischen Wert die Mauer hat, die Berlin 28 Jahre lang teilte.

Es gibt an der früheren innerdeutschen Grenze noch einige andere erhaltene Mauerabschnitte. Welche Rolle spielt die East Side Gallery im Vergleich?

Sie ist mit ihrer Länge von rund rund 1,3 Kilometern, ihrem Erhaltungszustand, ihrer Lage in der Hauptstadt und natürlich mit den 1990 aufgebrachten Bildern, die den Fall der Mauer feiern, einmalig und unersetzlich.

Immerhin gibt es erstaunliche Demonstrationen für den Erhalt der East Side Gallery. Wobei nicht klar ist, ob es um das Denkmal oder um Freiflächen für Club-Halligalli geht.

Nach allem, was ich wahrnehme, scheint das Gespür der Demonstranten für den Wert dieses Denkmals deutlich größer zu sein als beispielsweise das von Walter Momper, der in bornierter Weise gesagt hat: die East Side Gallery sei doch „nur“ Hinterlandmauer. Dies ist die Sichtweise eines West-Berliners, die völlig ignoriert, dass die so genannte Hinterlandsicherungsmauer und das gestaffelte System auf dem Grenzstreifen für die Ost-Berliner das eigentliche Fluchthindernis darstellten. Die glatte Betonmauer zum Westen hin war dagegen sozusagen nur eine Sichtblende.

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Was ist an der East Side Gallery-Mauer zu sehen, was man etwa in der Gedenkstätte Bernauer Straße nicht sehen kann?

Das Mauerstück zwischen Friedrichshain und Kreuzberg ist in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich. Es ist, bedingt durch die damalige Verkehrssituation in Ost-Berlin, eine der wenigen Stellen, an denen Ost-Berliner direkt an die Hinterlandsicherungsmauer herankamen.

Spielte die Tatsache eine Rolle, dass die Protokollstrecke von Mitte zum Flughafen Schönefeld dort entlang führte und die SED-Führung gern eine optisch angenehme Grenze wollte?

Sicherlich, denn das Bild, das die Mauer politisch und propagandistisch vermitteln sollte, war für die SED seit Beginn der Teilung 1961 immer sehr wichtig, nach Osten und nach Westen. Es änderte sich über die Jahre sehr.

In welcher Weise?

Walter Ulbricht hat 1961 bewusst in der Mitte der Stadt die groben, brutal aussehenden Hohlblock-Steinmauern errichten lassen, obwohl seine Militärs lieber Stacheldrahtverhaue wollten, die nicht so einfach per Leiter zu überwinden sind. Aber Ulbrichts Botschaft war: Eine Mauer ist etwas Dauerhaftes, die bleibt. In den siebziger Jahren, als die DDR sich um internationale Anerkennung bemühte, gab es auf Geheiß der SED-Spitze einen regelrechten „Relaunch“ des Mauer-Designs, oft mit den bekannten glatten, eher unauffälligen Fertigelementen der „Grenzmauer 75“. Es sollte aussehen wie eine „ganz normale Staatsgrenze“.

Lassen sich die herausgenommenen Teile wieder in die East Side Gallery einsetzen – und wäre diese Rekon-struktion nach der reinen Lehre des Denkmalschutzes zulässig?

Die baldige Rückführung der Teile in die East Side Gallery wäre technisch machbar. Und die Wiederherstellung des Originalzu-standes am originalen Ort wäre sicherlich auch denkmalpflegerisch kein Problem. Wenn man allerdings erst nach Jahren den Originalzustand rekonstruieren würde, wäre das fragwürdig, weil die Lücke dann schon selbst museal wäre.

Sie waren gerade bei einer Fachtagung in Los Angeles. Was sagen Ihre internationalen Kollegen?

Ich war beim Getty Conservation Institute, bei einer Tagung zur Denkmalpflege an Objekten der Nachkriegsmoderne. Sämtliche anwesenden Kollegen aus aller Welt wussten genau, was hier in Berlin an der East Side Gallery vorgeht, viele sprachen mich darauf an.

Wie war die Reaktion?

Die haben gelacht, aber es war dieses ungläubige Erstaunen von Leuten, die einer denkmalpflegerischen Katastrophe zugucken und sich sagen: Was ich da sehe, kann eigentlich gar nicht wahr sein.

In der Welt weiß man den Wert des Mauer-Denkmals eher zu schätzen als hier?

Das ist schon lange so, seit den 90er-Jahren. Als wir in Berlin die Grenze noch weghaben wollten, fragten die Touristen schon: Where is the wall? Und wenn ich heute mit meinen Studenten aus dem Ausland spreche, dann steht die East Side Gallery mit dem Bild des durchbrechenden Trabi für sie als ein Symbol für Befreiung schlechthin.

In Berlin wurden unter anderem die frühere Stalinallee und das Hansa-Viertel als Unesco-Weltkulturerbe vorgeschlagen. Wäre die East Side Gallery nicht die bessere Idee?

Ich habe Kollegen in der internationalen Denkmalschutz-Organisation ICOMOS schon seit 2001 immer wieder gefragt: Was würdet ihr davon halten, die Reste der Berliner Mauer zum Unesco-Weltkulturerbe zu erklären? Die Reaktion war ganz eindeutig: Wenn ihr Deutschen es nur endlich vorschlagen würdet! Das würde sofort akzeptiert.

Hätte ein solch belastetes Denkmal eine Chance gegen schöne Schlösser und Parks?

Unbedingt! Die Unesco will schon lange mehr solche politische Denkmäler wie die Mauer in die Weltkulturerbeliste aufnehmen. Schlösser, Kirchen und Tempel gibt es dort schon genug. Das weiß ich unter anderem aus meiner Gutachtertätigkeit für ICOMOS. Die East Side Gallery wäre für einen Platz auf der Weltkulturerbeliste prädestiniert. Im Moment wird gerade die sogenannte Tentativliste für Deutschland neu erstellt, also die nationale Vorschlagsliste für die Welterbeanträge, die dann über die nächsten 15 Jahre abgearbeitet wird. Berlin sollte den Vorschlag „Berliner Mauer“ über die Bundesregierung an die Unesco herantragen, vielleicht gemeinsam mit Brandenburg, wo ein Großteil der Mauer verlief.

Ihre Kollegen von der Denkmalpflege in Berlin haben die schrittweise Zerstörung der East Side Gallery offenbar widerstandslos hingenommen. Wie kann das passieren?

Man kann die Schuld jetzt nicht allein bei den Denkmalschützern abladen. Jedes Bundesland hat die Denkmalpflege, die es verdient, das heißt: die Denkmalpflege, die man bereit ist auszuhalten. Die Politik ist bei uns tendenziell nicht mehr bereit, starke Persönlichkeiten als Landeskonservatoren auszuhalten, hat auch oft die früher fachlich unabhängigen Landesämter für Denkmalschutz in die Verwaltung integriert und auf Linie gebracht. Es gibt zwar immer noch gute und mutige Leute meines Fachs in den Verwaltungen, aber sie können nicht mehr ohne Weiteres öffentlich agieren und warnend ihre Stimme erheben. Eines der Ergebnisse sehen wir jetzt am Beispiel East Side Gallery.

Das Interview führte Thomas Rogalla.