Berlin - Seit 14 Uhr haben sich wieder Tausende Menschen an der East Side Gallery versammelt, um gegen den Teilabriss der Mauer zu demonstrieren. Am Montag sollen die Abrissarbeiten an der Mauer weitergehen.

Der Protest verlief friedlich, sogar Familien mit Kindern waren anwesend, manche knipsen Fotos von der Mauer, andere hatten Plakate dabei. "Niemand hat die Absicht Luxuswohnungen zu errichten" oder "Was kostet Geschichte" steht auf ihnen geschrieben. Viele ausländische Medienvertreter kamen ebenfalls. Die britische Tageszeitung „The Guardian“, der Fernsehsender „BBC“ oder die „Los Angeles Times“ informierten Leser und Zuschauer auf ihren Webseiten und auch via Twitter über den Streit an der Spree. Die Aktion sollte noch bis zum Abend dauern.

Auch der 1. Vorsitzende der Künstlerinitiative East Side Gallery Kani Alavi war wieder anwesend. Er hat angekündigt, sein Bundesverdienstkreuz zurückzugeben, wenn Teile der Mauer abgerissen werden. Die Auszeichnung würdigt Kani Alavis großen Einsatz für das Entstehen der East-Side-Gallery, deren Erhalt und die Sanierung 2009. "Ich bin enttäuscht und fühle mich hintergangen. Der Abriss wurde schon 2008 genehmigt, das wurde nicht kommuniziert. 2009 wurde noch mal 2,5 Millionen Euro in die Sanierung der East Side Gallery gesteckt", sagte der Künstler. Die Künstlerinitiative will jetzt schwarze Leinwände bemalen und diese verkaufen. "Als Erinnerung an diesen schwarzen Tag." Damit sollen eventuelle Gerichtskosten zur gedeckt werden.

Das Bündnis "East Side Gallery Retten" hat bei seiner Online-Petition schon mehr als 50.000 Unterschriften gegen den Abriss gesammelt.

Auch Michael Braun (CDU) kam am Nachmittag zur East Side Gallery. Auch er setzt sich für den Erhalt der East Side Gallery ein. "Ich glaube, dass hier noch ein Kompromiss ausgehandelt werden kann. Wenn die Teile der Mauer nur wegen der Brommy-Brücke abgerissen werden - die braucht kein Mensch", so Braun.

Thierry Noir, der ein Stück der East Side Gallery bemalt hat und seit 1982 in Berlin lebt, sagte: "Es ist einmalig, wie einig sich hier alle sind. Ich denke, dass sich Investoren und Politik dem nicht entziehen können. Man kann nicht an einem ehemaligen Todestreifen Wohnungen bauen. Die Stadt darf sich so nicht weiterentwickeln."

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Einen jungen Mann, der in Berlin als Grafikdesigner arbeitet, regt vor allem die Respektlosigkeit gegenüber dem Bauwerk auf. "Erst das Tacheles, dann die East Side Gallery, was kommt danach?", fragte er.

Auch eine Jurastudentin ist fassungslos: "Es kann doch nicht alles abgerissen werden. Wer eine geschichtslose Stadt will, soll sie woanders bauen."

Lutz Leichsenring, Sprecher des Verbandes Clubcommission fordert einen sofortigen Baustopp - also eine Moratorium, das der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit durchsetzen soll.

Am Nachmittag hat sich auch Franz Schulz, Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, zu dem Abriss geäußert. "Ich bin froh, dass so viele Leute heute hier demonstrieren. Wir brauchen den Druck der Straße, um die Bebauung des Gebietes zu verhindern", sagte er. Dieser Druck habe ihm im Herbst gefehlt, als Schulz ein Austauschgrundstück vom Liegenschaftsfond wollte. Finanzsenator Ulrich Nußbaum habe das abgelehnt. "Demonstrieren sie weiter, weil der Finanzsenator nur durch den Druck der Straße zum vernünftigen Handeln gezwungen werden kann", forderte Schulz.

Am Freitag hatte ein Teilabriss an dem Mauerstreifen begonnen. Demonstranten hatten die Arbeiten aber gestoppt. Grund für die geplante Versetzung einzelner Mauerstücke sind Bauvorhaben. Der künstlerisch bemalte Betonwall wird in nahezu jedem Berlin-Reiseführer als historische Sehenswürdigkeit gewürdigt. (mit dpa)