Der nächste Rekord steht kurz bevor. Im November wird in Tegel der 20-millionste Passagier in diesem Jahr abgefertigt, erfuhr die Berliner Zeitung aus Flughafenkreisen. 2015 könnte die Zahl der Fluggäste auf dem letzten innerstädtischen Airport weitere Höhen erklimmen – was den Anliegern weiteren Lärm bescheren würde.

Denn in Tegel könnte es einen prominenten Neuzugang geben: Easyjet. Das Luftfahrtunternehmen mit den meisten Fluggästen in Schönefeld erwägt, nach Tegel auszuweichen. Für die Zeit, in der die Schönefelder Nordbahn saniert wird, „müssen wir alle Optionen prüfen“, sagte Thomas Haagensen, Geschäftsführer von Easyjet Deutschland, der Berliner Zeitung. „Dazu gehört möglicherweise auch, Tegel anzufliegen.“

Wie berichtet will die Flughafengesellschaft FBB die nördliche Start- und Landebahn in Schönefeld sanieren. „Der Start ist mit Beginn der Sommerflugplanperiode Ende März 2015 vorgesehen“, teilte das Unternehmen mit. Von vier bis fünf Monaten Bauzeit ist die Rede, auch von Ausgaben in Höhe von rund 45 Millionen Euro.

Lange Wege, hohe Kosten

So lange die Bauarbeiter am Werk sind, sollen die Flugzeuge die künftige Südbahn des Flughafens BER nutzen – so lautet der offizielle Plan. Doch dieser Plan hat Tücken, vor allem für die Airlines, die mit niedrigen Flugpreisen werben und von den Flughafenbetreibern besonders kostengünstige Abfertigungsverfahren einfordern. Dazu gehört, dass die Flugzeuge nur kurz am Boden sind, bevor sie wieder starten und Geld verdienen – länger als 25, 30 Minuten sollte der Aufenthalt nicht dauern.

Die BER-Südbahn liegt weit vom Schönefelder Fluggastterminal entfernt. Die Flugzeuge müssten kilometerweit rollen, bis die Passagiere aussteigen können, vorm Start stünde dann erneut ein langer Rollweg an. Diese Strecken würden viel Zeit kosten – und damit Geld, hieß es.

„Die mögliche Sanierung der Nordbahn würde tatsächlich einen negativen Einfluss auf unseren Flugbetrieb haben“, bestätigte Easyjet-Deutschlandchef Haagensen. Zwar hat die Flughafengesellschaft für ihren Plan noch keine Genehmigung. Zuständig ist die Oberste Luftfahrtbehörde Berlin-Brandenburg, die berücksichtigen muss, dass Ende März 2015 noch nicht alle Anwohner im Lärmbereich der BER-Südbahn Schallschutz haben werden – obwohl die Schönefelder Fluglärmkommission dies gefordert hat. Trotzdem müsse Easyjet jetzt schon mal vorsorglich alle Möglichkeiten untersuchen, so Haagensen – auch die vorübergehende Tegel-Nutzung.

In Flughafenkreisen sah man die Ankündigung der drittgrößten Berliner Airline noch relativ entspannt. Ob es wirklich einen Umzug geben wird, stünde noch nicht fest. „In Tegel sind schon viele Slots besetzt. Zu den Zeiten, die dort während des Sommerflugplans noch verfügbar wären, wäre es schwer, einen wirtschaftlich tragfähigen Betrieb aufzubauen.“ Anders gesagt: Für einen Newcomer wäre es schwierig, einen Betrieb mit kurzen Wendezeiten, wie Easyjet ihn braucht, hinzubekommen.

Postflüge bleiben wohl in TXL

Anwohner, die im Lärmbereich des wichtigsten Berliner Flughafens leben, sehen die Überlegungen von Easyjet dagegen wenig relaxed. Krach drohe nun auch zu Tageszeiten, in denen der Flugbetrieb heute noch abebbt, sagte Rolf-Roland Bley von der Initiative Bürgerinnen und Bürger gegen das Luftkreuz auf Stadtflughäfen. „Die Anwohner sollen immer neue Steigerungen des Flugverkehrs verkraften.“ Dabei hätten sie jetzt schon darunter zu leiden, dass die Fluggesellschaften wegen der steigenden Nachfrage immer größere und lautere Maschinen einsetzen. „Wenn der A 330 startet, ist das ein Lärm wie im Krieg“, erzählte Bley.

Auch die nächtlichen Postflügen nerven, sagte er. Und sie werden trotz einer Neuausschreibung wohl in Tegel bleiben. Denn derzeit könne nur die Air Berlin, die Tegel (TXL) als Drehscheibe nutzt, die Anforderungen an einen stabilen Betrieb erfüllen. Die Post verlangt, dass in Tegel und in Stuttgart jeweils zwei Flugzeuge stationiert sind, davon je eines als Reserve, wenn das andere ausfällt. In Schönefeld gebe es keine Airline, die das gewährleisten könnte, so Bley.

Also bleibt es laut im Himmel über Berlin-Tegel – mit Sicherheit bis 2017, denn vorher wird der Flughafen BER wohl nicht fertig.