Mitschnitt der extra einberufenen Pressekonferenz: Landrat Daniel Kurth (SPD) und Sozialdezernentin Yvonne Dankert. 
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EberswaldeDer Fall eines verwahrlosten Mädchens sorgt seit Anfang der Woche für Schlagzeilen. Vor allem die Frage, warum die Behörden erst so spät eingriffen, obwohl das Jugendamt das Problem lange kannte?

Am Wochenende war bekannt geworden, dass das Jugendamt in Eberswalde (Barnim) im Dezember ein vernachlässigtes fünfjähriges Mädchen und seine zwei Geschwister aus der Familie holen musste und in staatliche Obhut genommen hat. Es hieß, das Kind habe allein auf sich gestellt leben müssen und habe zwei Jahre lang kein Tageslicht gesehen.

Solche Fälle sind immer eine Gratwanderung.

Daniel Kurth (SPD), Landrat von Barnim

Letzteres wollte Landrat Daniel Kurth (SPD) bei einer Pressekonferenz am Montag nicht bestätigen. Doch auch am Dienstag war das ganze Ausmaß der Schädigung des Kindes nicht bekannt, da der Bericht des Krankenhauses noch nicht vorliegt, in dem das Kind ab 20. Dezember behandelt wurde. Der Landrat räumte ein, dass die Familienhelferin zu lange gewartet habe. „Aber solche Fälle sind immer eine Gratwanderung“, sagte er.

Keine akute Gefährdung

„Es wäre besser gewesen, den Gang vor Gericht früher zu suchen“, sagte am Dienstag der Sprecher der Kreisverwaltung Oliver Köhler. Die Verwaltung betonte aber, dass keine akute Gefährdung für Leib und Leben bestand. „Das Kind wurde nicht mit einem Rettungswagen aus der Familie geholt“, sagte er.

Der Fall wurde dem Jugendamt im Juli 2017 bekannt, dort arbeiten vier von 30 Mitarbeitern im Kinderschutz. Grundsätzlich ist es so, dass die Familie in Deutschland ein besonders geschützter Raum sei, sagte Köhler, in den der Staat nicht einfach hineinregieren dürfe. Deshalb wird bei einem Hinweis zuerst versucht, mit der Familie zu reden und zu prüfen, ob die Vorwürfe stimmen. „Der Gesetzgeber setzt bei der Hilfe für Familien immer zuerst auf Kooperation“, sagte er. Das Ziel sei, das Vertrauen der Eltern zu gewinnen, quasi „einen Fuß in die Familie zu bekommen“, um sich die Zustände dort anschauen zu können und – wenn nötig – Hilfe anzubieten. „Wenn wir mit der Polizei die Tür aufbrechen, ist jegliches Vertrauen dahin.“

Es geht um ein möglichst langfristige Kooperation, denn nur recht selten werden Kinder aus den Familien genommen. In Eberswalde gibt es jedes Jahr 800 Hinweise ans Amt. Nur in 15 Prozent werden die Kinder vom Staat in Obhut genommen.

So wie in diesem Fall, bei dem alle Kinder in Obhut kamen. Die Eltern hätten über Monate nicht kooperiert. Dann beschloss die Fallkonferenz des Amtes, dass das jüngste Kind zwangsweise einem Arzt vorgestellt wird – wegen Anzeichen von Unterernährung sowie Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten. Dazu war eine Gefahrenmeldung nötig – und ein Gericht musst es genehmigen.

Warum aber wurden die Eltern nicht angezeigt? „Jugendämter verstehen sich nicht als Ermittlungsbehörde“, sagte Köhler. „Es ist üblich, dass sie keine Anzeige erstatten.“

Auch wenn es irritiert: Die Jugendämter verzichten auf Anzeigen, um die später oft nötige Arbeit mit den Eltern nicht zu gefährden. Sie gehen davon aus, dass Krankenhäuser oder Kitas Anzeigen erstatten.

"Ein Kind ist dafür nie verantwortlich, egal welche Eigenschaften es hat“

Anne K. Liedtke, Fachpsychologin für Rechtspsychologie, sagte, dass sie über den konkreten Fall natürlich nichts sagen könne. Aber es gebe einige grundsätzliche Faktoren bei Vernachlässigungen. Es gibt viele Formen der Vernachlässigung: ein Kind nicht zu beaufsichtigen, die Nahrung vorzuenthalten oder es sprachlich oder erzieherisch zu vernachlässigen. „Statistisch gesehen, werden mehr Jungs als Mädchen vernachlässigt und auch misshandelt“, sagte sie. In diesem Fall ist das Opfer allerdings ein Mädchen. „Als Schutzfaktor gilt oft auch, wenn das Kind das Erstgeborene ist. Das heißt: Jedes weitere Kind hat einen höheren Risikofaktor.“ Das könnte hier zutreffen, weil das Mädchen das jüngste von drei Kindern ist.

Grundsätzlich gibt es einige Risikofaktoren – auf Seiten der Eltern und der Kinder. Bei Eltern kommt es öfter zu Vernachlässigungen, wenn die Kinder rasch nacheinander geboren werden, wenn die ökonomische Situation schwierig ist oder die Familie sozial isoliert lebt – und wenn die Eltern eine eigene Vernachlässigungserfahrung haben.

Eltern verstehen nicht unbedingt, dass ihr Verhalten falsch ist

„Aber das muss nicht sein. Emotionale Vernachlässigung zum Beispiel findet in allen Schichten statt und kann auch gravierender sein, als nichts zu Essen zu bekommen“, sagte Psychologin Liedtke. Ein weiteres Problem sei, dass Eltern, die damit groß geworden sind, nicht unbedingt kapiert haben müssen, dass ihr Verhalten problematisch ist.

In diesem Fall wurde nur ein Kind stark vernachlässigt, die anderen nicht so stark. Was könnte es dafür für Gründe geben? „Es gibt immer auch Risikofaktoren aus der Beziehungsdynamik der Eltern“, sagte die Expertin. „Wenn zum Beispiel Kinder aus unterschiedlichen Beziehungen stammen. Oft wird ein Kind aus der Beziehung mit dem aktuellen Partner besser behandelt.“

Als Risikofaktoren auf Seiten der Kinder gelten, ob sie verhaltensauffällig sind, ob sie bockig sind oder spucken und beißen oder ob sie als Schwarzes Schaf gelten. Weitere mögliche Punkte sind, ob die Schwangerschaft schwierig war oder ob es ein Schreikind ist. „Meist ist es nicht nur ein Faktor“, sagte Anne K. Liedtke. „Meist reichen auch nicht zwei Faktoren.“ Es komme meist einiges zusammen. „Vor allem natürlich auf Seiten der Eltern. Denn ein Kind ist dafür nie verantwortlich, egal welche Eigenschaften es hat.“