Berlin - Beim Deutschen Muskpreis Echo war alles schon mal größer. Das ging schon mit der Menge der Fans vor dem Palais am Funkturm los, die am Donnerstagabend eher übersichtlich wirkte. Und dann diese seltsame Gästeparade. Vox (der Sender überträgt den Echo dieses Jahr) hat offenbar allen Sendergesichtern einen Einberufungsbefehl geschickt und sie an die Echo-Front geworfen. Sogar der Choleriker, der in der Garten-Reality-Soap „Ab ins Beet“ den Bagger bedient, gehörte zu den Prominenten auf dem roten Teppich des Deutschen Musikpreises.

Internationale Stars scheinen sich nur noch versehentlich zum Echo zu verlaufen. So hätte die schrille Beth Ditto, die von einem Konzert am Vorabend im Kreuzberger Lido übriggeblieben war, die Aufmerksamkeit fast für sich allein gehabt. Wenn da nicht die Lochmann-Brüder („Die Lochis“) gewesen wären, die in der Kategorie Band Pop national nominiert waren, was angesichts ihres erschütternden musikalischen Schaffens traurig macht. Die Youtube-Jungs lösten nämlich die schrillsten Kreischer vor dem Palais am Funkturm aus.

Marius Müller-Westernhagen konnte in diesem Jahr besonders entspannt zur Echo-Verleihung gehen, die am Donnerstagabend in der Messehalle neben dem Palais am Funkturm zelebriert wurde. Es war nämlich schon vorher klar, dass sich am Ende alle von ihren Sitzen erheben würden, um ihn zu feiern. So ist das nun mal Brauch bei Auszeichnungen für das Lebenswerk.

Die Deutsche Phono-Akademie ehrte den 68-Jährigen als „deutschen Rock-Pionier, dessen Musik Generationen von Fans tief geprägt hat und bis heute begeistert.“ Die Gastgeber erwähnten seine besonders große Bandbreite, die „energiegeladene Rocksongs und mitreißende Stadion-Hymnen ebenso wie sensible Balladen und witzige Milieustudien“ umfasst. 

Udo Lindenberg gewann schon 1992 bei der ersten Echo-Verleihung den Preis für sein Lebenswerk. Und bewies anschließend, dass er ihn nicht als Aufforderung (miss-)verstand, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Seine größten Chart-Erfolge kamen nämlich später. Am Rande vom Echo 2017 erzählte er: „Die dachten damals, der Junge macht es nicht mehr so lange.“ Er ahnt, warum die Veranstalter damals Panik bekamen, mit dem Preis für ihn zu spät zu kommen: „Mein Zustand war wegen bestimmter Substanzen auch wirklich nicht gut.“

Lindenberg gewann den ersten Echo des Abends in der Kategorie Künstler Pop national und stritt ab, dass das für ihn langsam zur Routine wird: „Immer ist es wie das erste Mal.“ Er sang diesmal in der Echo-Show gemeinsam mit Wolfgang Niedecken, Johannes Oerding, Henning Wehland und Daniel Wirtz seinen Song „Einer muss den Job ja machen“ in einer Friends-Version. Xavier Naidoo & Sasha teilten sich die Echo-Moderation. Wie ihnen das gelungen ist, lässt sich bei der um 24 Stunden versetzten Ausstrahlung am Freitagabend ab 20.15 Uhr auf Vox begutachten.

In der Kategorie Hip-Hop/Urban gewannen die Beginner. Jan Delay scherzte in seiner kurzen Dankesrede in Anspielung darauf, dass die Beginner bisher vom Echo ignoriert wurden: „Wenn Udo vorhin meinte, es ist immer wie das erste Mal - es ist das erste Mal!“ Der Schlager-Echo ging an Andrea Berg, mit dem für soziales Engagement wurde die Initiative Viva con Agua geehrt. Der Echo Volkstümliche Musik ging an Andreas Gabalier, der für den Hit des Jahres an Drake feat. WizKid & Kyla für „One Dance". 

Udo Lindenberg durfte sich auch den Echo in der Königskategorie Album des Jahres abholen, Ina Müller gewann als Künstlerin Pop national, AnnenMayKantereit gleich doppelt (Band Pop national und Newcomer national), auch Rag'n'Bone Man - der mit dem Superhit „Human“ - freute sich über zwei Trophäen (Newcomer international und Künstler international), die Broilers siegten in der Kategorie Rock national, Alle Farben bei Dance national, der Kritikerpreis national ging an die Beginner und erinnerte Jan Delay  an die vielen miesen Kritiken, die sie bekommen haben.

Jan Böhmermann schickte pünktlich zur diesjährigen Verleihung aus Köln seinen garstigen Kommentar zum Deutschen Musikpreis. Er arbeitete sich in einem 22-minütigen Video, das in der ZDF-Mediathek zu finden ist, am Echo-nominierten Max Giesinger und seinen Pop-Poeten-Kollegen ab und warf ihnen vor, Teil einer zynischen Industrie zu sein. Böhmermann verband das mit einem Experiment, mit dem er den Echo 2018 crashen will. Er ließ fünf Schimpansen im Gelsenkirchener Zoo aus banalen Textbausteinen einen deutschen Popsong schreiben, nahm ihn auf und ließ daraus ein Video machen. Und nun fordert er seine Fans auf, dieses Lied „Jim Pandzko feat. Jan Böhmermann: Menschen Leben Tanzen Welt“ massenhaft zu kaufen und zu klicken, damit es für den nächsten Echo nominiert werden muss. Weil es Böhmermann ein ganz besonderes Vergnügen wäre, wenn fünf Schimpansen mit dem Künstlernamen Jim Pandzko 2018 den Echo gewinnen würden.

Campino: „Böhmermannsches Zeitgeistgeplapper“

Max Giesinger ging mit der Schmähung souverän um. Am Rande der Echo-Verleihung bewies er Coolness: „Ich finde das witzig. Jan Böhmermann ist einer der großen Kabarettisten unseres Landes. Wenn man von dem auseinandergenommen wird, ist das fast schon eine Ehre.“ Auch vom sängerischen Talent seines Parodisten ist Giesinger überzeugt: „Wenn ich mal eine Doppelbuchung habe, werde ich ihn fragen, ob er einspringen will.“ Deutlich drastischer äußerte sich Campino von den Toten Hosen, der erst von „Böhmermannschem Zeitgeistgeplapper“ redete und dann nachlegte: „Lieber uncool sein als ein cooles Arschloch, das nicht in der Lage ist, sich konstruktiv einzubringen.“