Kreativer Protest: Zwei als Echsen verkleidete Demonstranten auf dem Rosa-Luxemburg-Platz.
Foto: dpa/Jörg Carstensen

Berlin-MitteDie Stimme der Vernunft nennt sich Rosa Raven, trägt eine pinkfarbene Kunsthaarperücke und eine riesige rosafarbene Sonnenbrille. Die junge Frau stellt sich als Sprecherin des Bündnisses „Reclaim Club Culture“ vor, das hier „für Solidarität und gegen Nazis“ demonstrieren will.

„Wir sind die mit der Vernunft, weil wir das Virus nicht leugnen, uns aber fragen, warum man Erdbeerpflücker für die Saisonarbeit einfliegen kann, nicht aber Flüchtlinge aus Lagern mit unwürdigen Bedingungen“, sagt sie. Die Club-Culture-Leute sind am Sonnabend die ersten, die mit ihrer Kundgebung am Alexanderplatz beginnen. Insgesamt sind 20 Demos unterschiedlicher Gruppen angemeldet. Es könnte also ein ganz normales Berliner Wochenende werden. Doch die Pandemie fordert neue Regeln ab.

Rosa Raven nennt sich diese Demonstrantin. Sie sei „die Stimme der Vernunft“, sagt sie.
Foto: dpa/Christophe Gateau

In der Pandemie ist das Demonstrationsrecht eingeschränkt. Derzeit dürfen maximal 50 Leute an einer Kundgebung teilnehmen. Die Polizei achtet an diesem Wochenende genau darauf, dass das eingehalten wird. Bilder wie jene vom letzten Wochenende sollen sich nicht wiederholen. Da waren die Beamten von der Zahl der Teilnehmer überrumpelt worden und hatten nicht genug Kräfte, um die Vorgaben durchzusetzen. Schließlich mussten sie sogar tatenlos zusehen, wie die Protestierer den Brunnen der Völkerfreundschaft am Alexanderplatz erklommen. An diesem Sonnabend ist er abgesperrt, drumherum haben sich Polizisten postiert.

Vor Primark stehen mehr Menschen

Sie sind an diesem Wochenende mit 1 000 Beamten im Einsatz und man merkt schnell, dass sie sich diesmal das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen. Für jede Demo wird mit rot-weißem Absperrband ein eigener Bereich abgeteilt. Nur hier dürfen sich die Teilnehmer versammeln. Nicht mehr als 50, das sehen die Regeln des derzeit eingeschränkten Demonstrationsrechtes vor. Kurz vor Beginn der Kundgebung der Club Culture haben sich genau 37 Demonstranten eingefunden. Vor Primark und Galeria Kaufhof stehen mindestens dreimal so viele Menschen Schlange.

Hinter dem Absperrband sind auch deutlich mehr. Polizisten fragen immer mal wieder, warum er oder sie jetzt hier steht. Die meisten wissen nicht recht, was sie sagen sollen. Weil man halt mal gucken möchte? Die Beamten bitten darum weiterzugehen. Die meisten bleiben trotzdem stehen und werden ermahnt, den Mindestabstand von anderthalb Metern einzuhalten. Wenig später sieht man, wie zwei Polizisten zur Begrüßung ihre Fäuste zusammenstoßen. Es ist vieles widersprüchlich in diesen Zeiten.

Am anderen Ende des Platzes zeichnet eine junge Frau mit dunkler Sonnenbrille Kreuze auf den Asphalt. Mit einem Zollstock misst sie den Abstand dazwischen. Hier findet später die zweite Kundgebung statt, die unter dem Motto „Für die konsequente Einhaltung des Grundgesetzes und gegen Rassismus und Diskriminierung“ angemeldet ist. Sind das jetzt eher Linke oder Rechte oder Virusleugner? Einer der Organisatoren trägt eine Taucherbrille und erläutert dazu lediglich, dass der Begriff Querfront negativ belegt sei.

Querfront – das ist das Schlagwort, das die sogenannten Hygiene-Demos prägte, die an den vergangenen Sonnabenden am Rosa-Luxemburg-Platz stattgefunden haben. Daran beteiligten sich Menschen aus der linken Szene über Verschwörungstheoretiker bis hin zu dem ehemaligen RBB-Moderator Ken Jebsen, der heute fordert, die Regierung aus dem Amt zu fegen – eine Querfront eben.

Mit ihrem Outfit haben sich viele der Demonstranten besondere Mühe gegeben.
Foto: Berliner Zeitung/Andreas Klug

Doch an diesem Sonnabend ist es fast völlig still auf dem Rosa-Luxemburg-Platz. Die Polizei hat ihn mit Eisengittern weiträumig abgesperrt. Durchgelassen werden nur vereinzelt Menschen und Journalisten, die sich ausweisen. Sie erleben Kunstperformances ohne Publikum. An der einen Ecke vor der Volksbühne demonstrieren „Echsen gegen Nazis“, an der anderen stehen einige Aliens und geben Interviews. Es sind Schauspieler der Gruppe Grandroue. Einer von ihnen trägt ein schwarzes Ganzkörperfell und eine schwarze Brille. Unmöglich zu erkennen, wie alt er ist. „Wir sind von der NGO, der Neuen Galaktischen Ordnung und wollen gegen den ganzen Unsinn demonstrieren“, sagte er und meint damit die „Hygiene-Demos“ der vorangegangenen Sonnabende.

Ein Alien im Paillettenkleid

Auf dem Treppenabsatz spielt ein Alien mit grüner Gesichtsmaske und silbernem Paillettenkleid leise auf einem Synthesizer. Weil es sonst ruhig ist, werden die Töne über den ganzen Platz getragen und geben der Szenerie etwas Unwirkliches. Eine junge Frau mit blau gemalten Gesicht trägt gelbe Kontaktlinsen, die ihren Augen etwas Raubtierhaftes geben. Dennoch wirkt sie eher schüchtern und möchte ihren Namen nicht sagen. Der Mann neben ihr nimmt seine Alienmaske ab. Er heißt Udo und arbeitet als Programmierer. „Es wirkt alles durchorganisiert“, sagt er mit Blick auf die Polizisten im Hintergrund. „Mir kommt es fast wie eine Choreografie vor.“

Die Polizei setzt diese Choreografie an allen Demo-Orten um: Absperrgitter geben nur kleine Einlässe frei, die Menschen müssen einzeln hindurch. Am Rosa-Luxemburg-Platz sind viele deswegen sauer. Eine Frau steht mit einem Einkaufwagen und einem Plakat auf der Straße und beschwert sich lauthals. Gegen was sie protestiert, ist unklar, weil das Plakat auf dem Kopf steht. Im Großen und Ganzen ist die Stimmung jedoch friedlich. Die meisten Menschen stehen vor den Gittern und gucken unschlüssig. Es ist ein bisschen so, als ob die meisten auf der Suche nach ihrer Demo mehr Zeit verbringen als auf der Demo selbst. Vielleicht genügt es ihnen auch, einfach mal wieder unter Leuten zu sein. Eine Frau ist als Erdbeere verkleidet und trägt ein Schild auf dem Rücken. „Kinder brauchen Freunde“, steht darauf. „Für die komplette Öffnung der Schulen.“

Während am und um den Alexanderplatz und an der Volksbühne in kleinen Grüppchen protestiert wird, füllt sich die Wiese vor dem Reichstag mit einigen Hundert Menschen. Hier steht der Vegankoch Attila Hildmann, der seit geraumer Zeit vor den Machenschaften einer korrupten Elite warnt, die er aber auch am Sonnabend nicht näher benennt. Er hatte eigentlich zu einem „Spaziergang“ aufgerufen, der am Großen Stern starten sollte. Aber nun ist er mit Oliver Pocher verabredet und das geht natürlich vor.

Comedian Oliver Pocher (links) spricht vor dem Reichstag mit Koch Attila Hildmann.
Foto: dpa/Jörg Carstensen

Pocher fräst in Begleitung von mehreren behelmten Polizisten über die Wiese. Erst führt er ein Gespräch mit einem buntbemalten Indianer, der sich zig Länderflaggen auf die Weste genäht hat und „allgemein für Pluralismus“ ist. Dann steuert er mit zur Begrüßung erhobener rechter Hand auf Hildmann zu, der sich sichtlich freut. Vor zig Kameras beginnen Pocher und Hildmann ein recht höfliches Gespräch. Pocher bringt darin den Satz unter, dass er vegan gar nicht so schlecht finde. „Man kann das machen, aber dabei auch die Fresse halten“, sagt er und man kann sich jetzt durchaus vorstellen, dass der kleine Zusammenschnitt ihm für die nächste Sendung genügen könnte. Dann fragt er Hildmann, was es mit dessen Ansicht über Bill Gates auf sich habe. Hildmann kann gerade noch sagen, dass Bill Gates gewissermaßen hinter allem steckt, da unterbricht der Einsatzleiter das Gespräch. Die Leute stehen jetzt dicht an dicht, um das Gespräch der beiden Promis zu verfolgen, von der Einhaltung der Abstandsregeln kann keine Rede mehr sein. Pocher verschwindet in einer Polizeieskorte so schnell, wie er aufgetaucht ist.

Schwer zu sagen, wer Attila Hildmanns Anhänger sind

Es ist schwer zu sagen, wie viele der rund 300 Menschen auf der Wiese vor dem Reichstag wirklich Anhänger der Thesen von Attila Hildmann ist. Gut möglich, dass viele gekommen sind, um einfach mal zu gucken. Das Wetter ist gut und viel ist in Berlin derzeit ja gerade wirklich nicht los.

Es ist aber genauso schwer zu sagen, was die Thesen von Attila Hildmann eigentlich genau sind. Er sagt, dass er nicht leugnet, dass es das Coronavirus gibt. „Aber es wird benutzt, um euch alle einzusperren“, ruft er den Anhängern zu. Auch Hildmanns Demo findet in einem abgesperrten Bereich statt. Einige Menschen haben sich im Schneidersitz auf dem Boden niedergelassen. Mit der Presse wollen sie nicht reden. Ein Ehepaar zeigt sich zugänglicher. Beide haben Staniol-Kugeln um den Hals, als Anspielung darauf, dass sie als Aluhut-Träger verlacht werden. Der Mann sagt, dass er als Quigong-Lehrer arbeite und glaube, dass die Maßnahmen gegen das Virus viel zu strikt gewesen seien. Doch Gegenmeinungen zu ihrem Kurs würde die Regierung nicht zulassen. „Viele Menschen haben Angst“, sagt er. Das Gespräch wird beendet, als die Polizei die Veranstaltung wegen Missachtung der Abstandsregeln auflöst.

Der Microsoft-Gründer Bill Gates und seine Stiftung stehen im Zentrum vieler Verschwörungsmythen.
Foto: AFP/Tobias Schwarz

Angst und Verunsicherung hat auch Canan Bayram am Sonnabend gespürt. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete ist die Demonstrationen mit dem Fahrrad abgefahren. Man habe gemerkt, dass sich die Polizei auf keinen Fall so vorführen lassen wollte wie in der vergangenen Woche. „Die Strategie ging offenbar auf“, sagte sie. Sie hatte den Eindruck, dass viele Platzverweise ausgesprochen wurden und offenbar auch Menschen gezielt aus der Menge gezogen wurden, die man schon von den Demos in den vergangenen Wochen kannte. „Diese Null-Toleranz-Strategie hat offenbar viele überrascht.“

Gegen 18 Uhr wird auch auf dem Alex durchgegriffen. Niemand wird mehr auf den Platz gelassen. Vor dem Bahnhof Alexanderplatz stauen sich die Massen. Eine Frau trägt ein Pappschild, das für Grundrechte und gegen den Impfzwang wirbt. Sie findet die Frage, was sie mit Impfzwang meine, „unfassbar naiv“. Aber wem soll so ein Zwang dienen? „Das weiß ich auch nicht genau“, sagt die Frau. „Aber wahrscheinlich will die Pharmaindustrie, die mit der Politik unter einer Decke steckt, so ihr dickes Geschäft machen.“

Behelmte Polizisten drängen die Menge in Richtung Rotes Rathaus ab, Menschen mit Handys und zahlreiche Kamerateams filmen. Mehrere Männer schreien im Chor „Lügenpresse – auf die Fresse!“ Diese Parole kennt man von Neonazi-Aufmärschen. Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes, hat kürzlich davon gesprochen, die Proteste könnten „zu einem wirklich ernsthaften Problem werden“. Die Berliner Verfassungsschützer teilen diese Besorgnis nicht. Sie rechnen damit, dass bei der allmählichen Rückkehr in den Normalbetrieb das Corona-Thema für Rechtsextremisten und Reichsbürger an Bedeutung verlieren werde. Die Demos der nächsten Wochen werden es zeigen.