Es ist ein milder Abend und für den Absacker geht’s mit einem Späti-Bier auf eine Bank im gegenüberliegenden Park. Kurz darauf kommt eine Gruppe Jugendlicher dazu, die laut aufgedrehte Musik aus einem ihrer Handys kündigt sie frühzeitig an. Ihre Musikauswahl ist überraschend vielfältig, von schnulzigem Pop aus den 1980ern dreht sie eine Schleife zurück in die 70er und pendelt sich schließlich Anfang der 90er ein: „Pump up the Jam“.

Neuere Stücke gehören nicht zum Repertoire, was ja irgendwie Hoffnung gibt, dass Jugendliche der Vergangenheit gegenüber ziemlich aufgeschlossen sind. Mit den Anstrengungen und Sorgen ihrer Generation wirkt die Gruppe aus dem Park dagegen weniger vertraut. Die schnell geleerten Flaschen werfen sie zwar immerhin nicht ins Gebüsch, dafür landen sie auf dem sandigen Rondell vor den Sitzbänken. Vielleicht macht Fridays for Future abends einfach Pause.

Im mitgebrachten Einkaufswagen schieben sich ein paar der Jungs herum. Sie sind vernünftig genug, sich damit nicht in übermütigen Stunts die Treppe runterzuschubsen. Von all den albern konstruierten Begriffen, die jedes Jahr zu angeblich angesagten Jugendwörtern gewählt werden, ist nichts zu hören, dafür aber in inflationärem Gebrauch: „Digga!“ Damit beginnen sie jeden Satz und beenden, nur zur Sicherheit, zusätzlich jeden zweiten, „echt, Digga“. Der vom Wort „Dicker“ abgeleitete Begriff, mit dem vor allem in Hamburg umgangssprachlich Freunde angesprochen werden, ist uralt, was seine gegenwärtige Beliebtheit unter Jugendlichen fast so erstaunlich macht wie ihr Musikgeschmack. Was im Norden charmant klingt – eben gerade, weil es dort gar kein exklusiver Jugend-Slang ist –, büßt hier im Park wegen der überstrapazierten Nutzung zwar etwas von seinem liebevollen Flair ein – irgendwie netter als „Alter“ ist es trotzdem.

Die Gang wirkt angenehm harmlos. Halbstark, aber harmlos. „Ich mag nicht seine Musik, ich mag einfach sein’ Charakter“, sagt ein Mädchen, als ein paar der Jungs gerade austreten sind. Und obwohl man meinen könnte, Johnny Depp wäre für die Kids ein alter weißer Mann, sind sie über den Ausgang seines Gerichtsprozesses hoch erfreut. Sogar Politik spielt kurz eine Rolle, verliert aber gegen den zirkulierenden Schnaps. Am Telefon wird mit Freunden verhandelt, welche Gruppe zur anderen stößt. Die Verlierer stehen fest, die Jugendlichen setzen sich in Gang. Den Einkaufswagen nehmen sie mit, die Flaschen bleiben liegen. Bevor sie aufbrechen, hinterlassen sie ein großes Rätsel. „Ich hab Milch gefunden“, ruft einer von ihnen. Und ganz ehrlich: Keine Ahnung, was das bedeuten soll.