Anlässlich eines Eco-Mobility-Festivals im Mai 2015 sollen die etwa 20 000 Bewohner des Helmholtzviertels in Prenzlauer Berg komplett auf ihre Autos verzichten und sich nur mit Elektromobilen fortbewegen. Die etwa 3 500 im Viertel registrierten Fahrzeuge müssen die Bewohner auf Sammelplätzen außerhalb des Gebietes abstellen. So sieht es ein Konzept vor, das Jens-Holger-Kirchner (Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung, am Dienstag früh den Mitgliedern des Bezirksamtes Pankow vorstellen wird. Die Beteiligten erwarten eine heftige Debatte, denn so einfach wird es für Kirchner nicht sein, das ungewöhnliche Ökoprojekt durchzusetzen.

Seit einem Jahr plant der Stadtrat das Festival intern. Die Idee stammt vom Städtenetzwerk für Umweltschutz Iclei. Die Organisation hat im September 2013 das weltweit erste Festival dieser Art in der Millionen-Stadt Suwon in Südkorea organisiert. Unter dem Motto „Eine Nachbarschaft, ein Monat, keine Autos“ verzichteten die 4 300 Bewohner eines Wohnviertels auf ihre Autos. Die Bewohner sollten den ökomobilen Lebensstil ausprobieren, sie fuhren nur mit Elektrorädern und Elektroautos. Mehr als eine Million Besucher kamen. Das Projekt hat über neun Millionen Euro gekostet.

Straßencafés auf Parkplätzen

Im vergangenen Jahr suchten die Festival-Macher einen geeigneten Ort in Deutschland, um auch in Europa für Elektromobilität zu werben. „Sie suchten nicht in München und in Frankfurt, sie suchten in Berlin“, erzählt Kirchner und schlug auch gleich den Prenzlauer Berg als Experimentierfeld vor. Die Mobilität der Bewohner dort sei, so Kirchner, „sehr fortschrittlich“, viele nutzen Fahrrad, Bus und Bahn. Zudem schreibt er den Bewohnern eine „hohe Affinität für Neues“ zu. Ein Unternehmen bereitet das Festival bereits vor und eröffnet ein Info-Büro in der Schliemannstraße.

Kirchner hat bisher folgendes geplant: Etwa 600 Carsharing-Elektroautos sollen für die Anwohner zur Verfügung stehen, Autokonzerne können ihre Elektroautos präsentieren, die Straßenbahnlinie 12 fährt häufiger, Hybridautos sind als Taxis unterwegs, den Müll holt ein Elektro-LKW ab. Wer das zahlen soll, ist noch nicht geklärt. Die leeren Parkplätze im Viertel werden zu Straßencafés und zur Bühne. Diskussionsrunden und Workshops sind geplant. „Ich bin frohen Mutes“, sagt Stadtrat Kirchner. Im Internet wird das Ökofest schon angekündigt.

Doch derzeit steht noch gar nicht fest, ob es je realisiert wird. Denn im Bezirk halten etliche Kirchners Vorhaben für unangemessen, das Ganze sei eine Nummer zu groß, heißt es. Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) hält die Idee für „aberwitzig“ und spricht von einer „Zwangsbeglückung für das Helmholtzplatz-Quartier“.

„Wer ohne Not einen Monat lang massiv in den Alltag von tausenden Anwohnern und Hunderten Gewerbetreibenden eingreift, schadet einem gut gemeinten Vorhaben. In dieser Form wird das nicht stattfinden“, sagt Köhne. Im Bezirksamt werde es mit Sicherheit keine Zustimmung für dieses Projekt geben. Doch die Zustimmung seiner Kollegen braucht Kirchner. Im Alleingang ist so ein Vorhaben nicht zu schaffen.

Im Bezirksparlament gibt es Widerspruch. „Das ist die falsche Botschaft, die Leute einen Monat lang ohne ihre Autos zu lassen“, sagt der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Roland Schröder. Am Dienstagabend stellt Kirchner sein Projekt im Verkehrsausschuss vor. Dessen Vorsitzender Wolfram Kempe (Linke) sagte, er sei bisher von einem Straßenfest ausgegangen. Das wäre ein diskutierenswerter Ansatz in einem überschaubaren Rahmen gewesen. „Doch in dieser Dimension ist das Irrsinn.“

Kirchner hat sein Projekt schon mit dem Senat abgestimmt. In der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hält man das Vorhaben für „interessant und begrüßenswert“, sagt Sprecherin Petra Rohland. Der Bezirk sei aber allein für Organisation und Finanzierung zuständig.

Die Bewohner rund um den Helmholtzplatz wissen noch nicht, was sie womöglich im Mai 2015 erwarten wird. „Die Initiatoren müssen da noch viel Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Jens Oliva von der Betroffenenvertretung Helmholtzplatz. „Da ist noch viel Ärger zu erwarten.“ Die Bewohner sollten dem ökologischen Anliegen des Projektes offen entgegentreten.