Jeder denkt nur noch an sich, auch im öffentlichen Personennahverkehr.
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BerlinEr also auch. Schade eigentlich. Es geht um diesen ansonsten sehr freundlichen Mann aus dem Hinterhaus. Gar nicht freundlich ist es aber, dass er sein Fahrrad im Hof gern an der Stelle anschließt, wo es zur Kellertreppe geht. Wer in den Keller will, müsste erst das Rad wegtragen. So ein Egoist.

Es scheint manchmal so, als nähmen solche Formen der Gedankenlosigkeit zu. Als würden manche Leute nicht allzu viel über ihr Handeln nachdenken, sondern einfach gedankenvergessen ihr Ding machen.

Bei uns in der Gegend sitzen ein paar Leute in ihrem Hinterhof gern abends am Feuer. Sie schwatzen laut, trinken und lassen es sich gut gehen. Das ist in Ordnung. Ein Ausdruck von Lebensfreude. Leider löschen sie hinterher das Feuer nicht. Die Glut glimmt die ganze Nacht vor sich hin, und es stinkt. Niemand kann das Fenster auflassen. Alle Versuche, die Leute davon zu überzeugen, einfach einen Eimer Wasser in die Glut zu schütten, sind bislang gescheitert. Egoisten eben.

Oder am Wochenende im Wald. Auf einem Weg spazieren überraschend viele Leute in kleinen Grüppchen. Zwei Frauen mit Hunden kommen ihnen entgegen. Doch die Frauen leinen ihre Hunde nicht an. Ein Hund, ein kleiner dicker mit flacher Schnauze, springt vergnügt am Bein einer Spaziergängerin hoch. Die Besitzerin, eine freundlich lächelnde Dame, sagt: „Der tut wirklich nichts.“ Die Spaziergängerin sagt: „Doch, er macht mit seinen Pfoten meine Hose dreckig.“ Die Besitzerin entschuldigt sich nicht etwa, sondern gibt einen besonders schnippisch klingenden Zischlaut von sich. Egoisten eben.

Dann in der S-Bahn: Einer älteren Frau ist anzusehen, dass sie sich zwischen den Leuten unwohl fühlt. Sie zieht ihre rote Maske bis unter die Augen, drückt sich in ihre Sitzecke und stellt ihre Tasche so ab, dass sich niemand neben sie setzen kann.

Man muss ihre Angst nicht teilen, man kann sie sogar übertrieben finden. Aber man muss ihr auch keinen Vorwurf machen. Sie fürchtet sich halt. Der Mann ihr gegenüber sieht ihre ängstlichen Augen und blockiert mit seinem Rucksack ebenfalls den Sitz neben sich.

Ein Mann steigt ein. Jung, groß, kräftig. Seine weiße Maske zieht er nicht über die Nase. Findet er bestimmt uncool. Er will unbedingt auf die Bank gegenüber von der Frau mit der roten Maske. Doch der Mann dort will seinen Rucksack nicht wegnehmen. Er zeigt auf das Schild mit der 1,5-Meter-Abstands-Regel und sagt: „Nehmen Sie sich doch bitte einen anderen Platz. Ist doch noch genug Platz.“ Der Coole mit der weißen Maske sagt: „Halt die Klappe. Ich will diesen Platz hier.“

Der Mann räumt seinen Rucksack nicht weg, da will der andere den Rucksack vom Sitz werfen. Männergehabe. Bevor die Sache handgreiflich wird, steht die ängstliche Frau mit der roten Maske auf und schleicht davon. Der junge Mann mit der weißen Maske setzt sich auf ihre Bank, und zwar so breitbeinig, dass er alle beiden Sitze blockiert. Egoist.