Kurz vor zwölf Uhr am Donnerstag beginnt die Musik. Leise Töne, die der Wind über die nahen Wiesen im Naturschutzgebiet Berlin-Malchow trägt. Ein aufgeregter Chor aus etwa 40 Schülern singt: „Das Ufer der Zukunft weckt das Verlangen, sich hier zu öffnen, zu offenbaren, zu dir zu stehen.“ Auf einer braunen Stute mit Blüten im Schweif kommt eine Frau im langen blauen Kleid geritten. Ihr Ziel: der vielleicht romantischste Heiratsantrag dieses Herbstes.

Bereits seit Monaten plante Musiklehrerin Christine K. diesen Tag. Der Tag, an dem die 33-Jährige ihrer Freundin und Lehrerkollegin Nadine P. die Frage aller Fragen stellen will. Vor allen Augen, vor allen Schülern, allen Kollegen – der ganzen Stadt.

Sich nicht zu verstecken, das war schon immer Christine K. Motto. Offen geht die Mutter zweier kleiner Kinder mit ihrer Homosexualität um. Und damit ist sie längst nicht allein. Täglich werden in allen Ecken der Stadt und der Republik glückliche Hochzeitsanzeigen geschaltet, seit die Politik mit dem Gesetz zur „Ehe für alle“ den Weg für die Hochzeit gleichgeschlechtlicher Paare frei gemacht hat.

Historische Gesetzesänderung

Das Gesetz gilt seit 1. Oktober, und weil dies ein Sonntag war, öffnete extra das Rathaus Schöneberg, damit dort die bundesweit erste Ehe für alle geschlossen werden konnte. In Tempelhof-Kreuzberg adoptierte wenige Tage später ein schwules Paar erstmals ein Kind.

Es war eine historische Gesetzesänderung, bei der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Juni – anders als die Abgeordneten der SPD, Grünen und Linken – mit „Nein“ votierte. Schon vor einem Vierteljahrhundert stürmten Lesben und Schwule an einem Aktionstag erstmals die Standesämter, um gegen die Diskriminierung zu protestieren. Nur haben sie mit der Ehe für alle die volle Gleichstellung in der Ehe erstritten. Bis zur bahnbrechenden Entscheidung durften Schwule und Lesben nur eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen.

„Ich war nie der Beziehungstyp“

Im Juni, als die Politik sich anschickte, den Weg frei zu machen, steckt Christine K. gedanklich längst in den Vorbereitungen. Sie will Nägel mit Köpfen machen. Alle sollen wissen, dass sie ihre Nadine liebt: für ihre Geradlinigkeit, für ihren Witz,. „Ich war nie der Beziehungstyp“, sagt sie. „Aber bei Nadine war mir sofort klar, das ist sie.“ Christine K. schreibt ein Liebeslied für ihre Freundin. Nach der Zeugnisausgabe, vor den Sommerferien erzählen die beiden Frauen in ihren Klassen von ihrer Beziehung.

„Gerüchte gab es sowieso schon“, sagt Christine K. Mit dem offenen Bekenntnis wollten sie ein Zeichen setzen und auch Schüler ermutigen, sich zur eigenen Homosexualität zu bekennen. Die meisten Schüler an der Schule wie auch Kollegen und Schulleitung sehen den Schritt positiv und stehen hinter den beiden Frauen.

Gemeinsam zum Siegeszug bereit

Doch Nadine erfährt nichts von Christine Plänen für den großen Tag. Christine weiht ihre Schüler ein und bittet sie, beim Antrag für den festlichen Rahmen zu sorgen. 40 Freiwillige organisieren den romantischen Überraschungsmoment. Sie schmücken eine nahe gelegene Brücke im Park mit Girlanden und Luftballons, machen sich fein, besorgen langstielige rote Rosen und studieren den Song ihrer Lehrerin ein, den sie mit Trommeln und Gitarren begleiten.

Eine Kollegin lockt derweil Nadine P., die noch immer nichts ahnt, unter einem Vorwand in den Park neben der Schule. Und dann kommt Christine K. geritten – wie eine Amazone. „Nadine P., möchtest du meine Frau werden?“, fragt sie . Das Ja geht im lauten Jubel der Gäste fast unter. „Gemeinsam zum Siegeszug bereit“ heißt es in Christines Song. Und dieser Moment ist für sie wie ein kleiner Sieg: über Engstirnigkeit, Konventionen und Barrieren.

So ganz glauben kann es Nadine P. noch nicht. Sie guckt auf den Verlobungsring an ihrem Finger. Und dann ihrer Verlobten in die Augen. „Im nächsten Sommer wird geheiratet“, strahlt Christine K. Die hat natürlich schon jetzt einen genauen Plan, wie alles laufen soll.