Karl Kreile (59) und Bodo Mende (60) haben Geschichte geschrieben. In Berlin ist am Sonntag die bundesweit erste gleichgeschlechtliche Ehe geschlossen worden. Vor rund 100 Freunden und Angehörigen wurden die beiden Männer im Rathaus Schöneberg getraut. Damit wurde die „Ehe für alle“ eingeläutet, die im Sommer vom Bundestag beschlossen worden war und am 1. Oktober in Kraft getreten ist.

Schwule und lesbische Paare können nun genau wie heterosexuelle Paare mit allen Rechten und Pflichten heiraten. Acht weitere gleichgeschlechtliche Paare wollten diesen Schritt am Sonntag in Berlin wagen oder ihre Lebenspartnerschaft in eine Ehe umwandeln lassen. Kreile und Mende, die ihre Nachnamen behalten, trugen sich nach der Trauung ins Goldene Buch des Bezirks Tempelhof-Schöneberg ein.

Die „Ehe für alle“ sei ein „Meilenstein zur vollen rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller am Freitag. „Dieser Tag ist Anlass, der Lesben- und Schwulenbewegung und all denen, die sich seit vielen Jahren für die Öffnung der Ehe eingesetzt haben, zu gratulieren“. Er freue sich, „dass wir gerade in unserer Stadt die erste gleichgeschlechtliche Eheschließung erleben.“

„Es war höchste Zeit, dass Deutschland sich endlich in die Reihe der 24 Länder gesellt, in der die gleichgeschlechtliche Ehe, zum Teil seit Jahren, möglich ist“, erklärte Staatssekretärin Sabine Smentek.

LSVD: Reform des Abstammungs- und Familienrechts ist notwendig

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) sieht die „Ehe für alle“ als einen Schritt zu einem gerechteren und demokratischeren Deutschland. „Nun wird es darum gehen, aus der gesetzlichen Gleichstellung auch eine gelebte Akzeptanz im Alltag zu machen“, sagte das Vorstandsmitglied Gabriela Lünsmann am Freitag.

Im Nachgang fordert der Verband die schnelle Gleichstellung von Kindern, die in gleichgeschlechtlichen Ehen geboren werden. Eine notwendige Reform des Abstammungs- und Familienrechts müsse zum Kindeswohl „die gesamte gelebte Familienvielfalt rechtlich anerkennen.“

Neben dem Standesamt im Bezirk Tempelhof-Schöneberg öffnet an diesem Sonntag nur das Standesamt Kreuzberg. Acht Paare geben sich dort das Ja-Wort. Einem davon spendieren die Berliner Grünen-Fraktionsvorsitzenden Antje Kapek und Silke Gebel öffentlich eine Hochzeitstorte, die um 11 Uhr überreicht wird - zuvor durften sich Paare darauf bewerben.

Erste Trauung in Lichtenberg erst am 14. Oktober 

Weitere Trauungen homosexueller Paare gibt es ab der kommenden Woche in ganz Berlin - in manchen Standesämtern wie Neukölln oder Treptow-Köpenick bereits ab Montag, anderswo später. In Lichtenberg steht die erste Trauung erst am 14. Oktober ins Haus. Einen großen zusätzlichen Andrang hätten die Standesämter jedoch nicht zu verzeichnen, meldeten viele Bezirke auf Anfrage.

„Eine größere Nachfrage nach neuen gleichgeschlechtlichen Ehen wird indes nicht erwartet, da die rechtlichen Wirkungen mit Ausnahme der Adoptionsmöglichkeiten bereits auch in der Vergangenheit gleichgestellt waren“, teilte etwa das Bezirksamt Neukölln mit.

Aus dem Standesamt Steglitz-Zehlendorf hieß es, die Terminsprechstunde sei ohnehin bis Ende November „mit Terminen aller Eheschließungsarten ausgebucht“, zusätzliche Kapazitäten gebe es nicht. Zuletzt war in Berlin die Zahl der Standesbeamten von rund 120 auf 150 aufgestockt worden. (dpa)