Das denkmalgeschützte Schankhaus der ehemaligen Bockbrauerei.
Foto: Berliner Zeitung/ Gerd Engelsmann

Berlin-KreuzbergDie Schwiebusser Straße ist ein kurzes Sträßchen im Süden von Kreuzberg – zwischen dem monumentalen Zollamt und einem alten Brauereigelände. Im rostigen Zaun vor der ehemaligen Bockbrauerei mit ihrem Schornstein und dem historischen Schankhaus hängen seit Wochen weiße und rosafarbene Schleifen, die Nachbarn zu Worten eingeflochten haben, zu Worten wie Wut! Trauer! Zorn!

Das Gelände, auf dem die Bauwert AG etwa 240 Wohnungen bauen möchte, ist   weiträumig abgeriegelt. Und damit auch der Tatort. Das Opfer liegt mit zerbrochenen Gliedern im historischen Schankgarten. Seit dem 9. November. Es darf nicht entfernt werden. „Wegen der laufenden Ermittlungen“ bestätigt das Amt auf Nachfrage. Eine Anwohnerin aus der Fidicinstraße habe die Polizei alarmiert. Es sei bereits ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet. Es dürfe nichts verändert werden, bis die Untersuchungen abgeschlossen sind.

Und so liegt er da, ein Symbol für den uralten Kampf zwischen Mensch und Natur: der Ahorn. Stammumfang: 2,60 Meter; geschätzte Höhe: 15 Meter; geschätztes Alter: 180 Jahre. Eine Genehmigung zur Fällung ist nie erteilt worden. Auch die Baumfäller hatten keinen Auftrag vom Bauherrn erhalten, der Baum sei„versehentlich“ gefallen.

Mitte des 19. Jahrhunderts gepflanzt, im Herbst 2019 gefällt: der Ahorn. 
Foto: Dieter Peters

Der Tat verdächtigt wird naturgemäß der Bauherr: Jürgen Leibfried und seine Bauwert AG. Sie kämpfen schon lange um die Baugenehmigung auf dem Grund zwischen Schwiebusser- und Fidicinstraße.

Nun, nach fünf Jahren, nach vielen öffentlichen Sitzungen im Kreuzberger Rathaus und vielen hinter verschlossenen Türen, stehen die Verhandlungen vor dem Abschluss. Die Entscheidung über den Bauvorbescheid wird bald erwartet. Details sind nur wenige bekannt, aber sicher ist: Am Ende dieser Geschichte steht ein neues Wohnviertel.

Die Leute zogen in Massen hinaus

Am Anfang dieser Geschichte steht der Ahorn, gepflanzt zu einer Zeit, als die Stadt noch weit unten an der Spree lag und hier oben zwischen Feldern Windmühlen standen. 1820 betritt Georg Leonard Hopf aus der Pfalz die Szene; ein Mann, der, ähnlich wie 150 Jahre später Bauunternehmer Jürgen Leibfried aus München, nach Berlin kommt, um sein Glück zu machen.

Hopf arbeitet in der Habelschen Weinhandlung an der Leipziger Straße als Fassbinder, steigt schnell zum Kellermeister auf, heiratet nach dem frühen Tod des Meisters die traurige Witwe und übernimmt den Betrieb. Als das Gespräch in der Schankstube auf das bayerische Bier kommt, von dem man erzählt, es sei um vieles besser als das säuerliche Weißbier Berlins, behauptet Hopf: Das kann ich auch! Und braut in einem alten Waschkessel das erste Bockbier Berlins.

Wenig später kauft er Land und zwei Mühlen auf den Tempelhofer Bergen und eröffnet eine Brauerei mit Schanklokal. Als er im Mai 1840 das erste Bockbier ausschenkt, strömen die Berliner „in Massen hinaus zum Halleschen Tor auf den kahlen Tempelhofer Berg, um das neue, unbekannte, köstliche Naß“ zu trinken.

Der Schriftsteller Willibald Alexis (1798–1871) schwärmt im Morgenblatt für gebildete Leser: „Es gefiel den Leuten so gut, dass sie nicht wieder aus dem Hause fortzubringen waren. Andere sah man den Heimweg anstatt nach dem Halleschen Thore in gerade umgekehrter Richtung“ antreten, wieder andere soll man „am Morgen in den Gräben gefunden haben“.

Die sandige Gegend war nichts wert

Der Biergarten allerdings gleicht einem „wüsten Stück Ödland mit ein paar Bretterbuden“, wie eine ausländische Zeitung spottet. Also pflanzen die Hopfschen Erben Bäume am Rand des Feldweges, der heute Schwiebusser Straße heißt. Unter ihnen einen Ahorn und einige Eiben. Fünf dieser Eiben standen vor kurzem noch. Sie wurden gefällt. Trotz eines Antrages auf Anerkennung als Naturdenkmal, der bereits 2017 beim Senat eingereicht wurde – wo er liegen blieb. Unbearbeitet. 33 Monate lang. Nun ist keine Spur mehr von den Eiben zu sehen, sie verschwanden samt Wurzeln. Der Ahorn liegt noch. Ein Mahnmal.

Als der Brauunternehmer Georg Leonard Hopf auf den Berg zog, war die sandige Gegend nichts wert, die Straßen im Hobrechtschen Bebauungsplan waren noch namenlos. Heute ist die Scholle – im Hobrechtplan mit seinen durchnummerierten Straßen zwischen der 22. und der 23. Straße gelegen – Gold wert. 40 Millionen Euro, so munkelt die Nachbarschaft, habe die Bauwert AG für die 13.000 Quadratmeter bezahlt.

An die Öffentlichkeit drang von dem Verkauf zunächst nichts. Man fürchtete den Protest der Kreuzberger, die sich auf dem Brauereigelände eingerichtet hatten mit Theatern, Werkstätten, Trommelgruppen und Tanzschulen. Weinhändler füllten die alten Bierkeller mit Beaujolais und Merlot, sogar eine Segelschule war auf dem Berg gestrandet. Hopfs Brauerei war eines der letzten Rückzugsgebiete für Kreuzberger Kreative und Kleingewerbe.

Kaum wurde die Nachricht vom Verkauf der Brauerei publik, hängte man Flugblätter an Wände und Haustüren und lud zu einem „Informationsabend im Wasserturm“ ein.

So solllte der Pocketpark samt angrenzender Neubauten aussehen. 
Foto: BAUWERT AG

Am 25. April 2016 war der Turm so voll wie lange nicht, vielleicht auch wegen des stadtbekannten Investors, der durch den Kauf des Freudenberg-Areals in Friedrichshain die Berliner Presse nachhaltig beschäftigt hatte, und der es später sogar in die internationalen Schlagzeilen schaffte, als sein Neubau in Mitte beinahe die Friedrichswerdersche Kirche zum Einsturz brachte. Als der Moderator des Informationsabends gleich zu Beginn der Veranstaltung fragte, ob „jemand vom Freudenberg-Areal anwesend“ sei, erhob sich ein Mann mit Goldbrille und Halbglatze.

Die Irritation war groß, als klar wurde, dass kein Mitglied der Bürgerinitiative die Bühne betrat, sondern der Investor persönlich.

Man wollte ihn des Turmes verweisen, schließlich habe die Einladung den Mietern, nicht den Investoren gegolten. Doch mit 45 zu 42 Stimmen wurde entschieden: Der Mann erhält zehn Minuten Redezeit.

Leibfried behauptete damals, „nur das Beste für Alle“ zu wollen. Alle dürften bleiben, sämtliche Verträge würden erneuert. „Nur da, wo die flachen Betonbauten sind, werden wir Wohnungen bauen. Berlin braucht Wohnungen. So einfach ist das.“

„Dann baue ich eben Gewerbe“

Doch so einfach war das nicht. „Wenn Sie die Betongebäude abreißen, betrifft das ja auch die Trommelschulen. Die sind da seit 25 Jahren. Und die haben jetzt die Kündigung!“, ließen Anwesende verlauten. In den hinteren Reihen standen die ersten auf und gingen: „Ich habe dieses Geschwafel jedes Mal gehört, wenn einer von denen hier was kaufte. Am Ende machen sie, was sie wollen. Und am Ende sind alle Kreuzberger verschwunden. So einfach ist das.“

Aber Leibfried war dadurch nicht zu erschüttern. Nur einmal geriet er aus der Fassung, als gefragt wurde, woher er eigentlich seinen Optimismus nehme. Er müsse doch wissen, dass sich der Bezirk gegen den massiven Wohnungsbau aussprechen werde. „Wie können Sie da so selbstbewusst von 250 Eigentumswohnungen sprechen?“, fragte der Anwohner. „Aber am 28. Januar wurde doch beschlossen, eine Flächenplannutzungsänderung zugunsten eines Wohnungsbaus durchzusetzen“, sagte Leibfried. Als die Versammelten dies in Zweifel zogen, stotterte er: „Ich habe das schwarz auf weiß“ und durchwühlte seine Herrenhandtasche. Doch seine Zeit war inzwischen vorbei, man verwies ihn des Saales. Grußlos ist der Investor dann gegangen.

Ein Jahr später, anlässlich einer öffentlichen Versammlung im November 2017, reicht er edle Holztäfelchen durch die Zuschauerränge im großen Saal des Rathauses an der Yorckstraße, kleine Kunstwerke, auf denen Innenansichten hübscher Wohnungen zu sehen sind. „6,50 den Quadratmeter, das ist doch was“, warb er. Aber die Kreuzberger auf ihren billigen Rängen sind unerbittlich: „So viel Geld hab ick nich, Herr Leibfried, det is mir zu ville.“

Auch beim Baustadtrat hat der Investor wenig Erfolg. Die Grünen sind sich einig, die Brauerei als Gewerbestandort zu erhalten. Sie sind für eine Umwidmung des Mischgebiets in ein reines Gewerbegebiet. Doch Leibfried ist nicht zu erschüttern. Später, auf dem Flur des Rathauses, zeigt er sich trotzig: „Dann baue ich eben Gewerbe. Ich habe genug Anfragen, zum Beispiel von der Allianz. Was meinen Sie, was dann in Kreuzberg los ist, wenn die da ihre Türme hinsetzen.“ Doch stattdessen plant er in den folgenden Monaten   weiter Eigentumswohnungen und legt neue Pläne vor, die ungeachtet der Einwände seitens Politik oder Denkmalschutz auf dichten Wohnungsbau zielen.

Etwa 50 Prozent der Fläche sind laut Bauwert AG vermietet.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Einer der Denkmalschützer soll seinem Ärger über das Verhalten des Investors in kleiner Runde mit den Worten Ausdruck verliehen haben: „Herr Dr. Leibfried, was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?“ Der Investor bleibt unbeeindruckt: „Ich bestehe auf die Einhaltung der von mir geplanten Baumasse.“ Zum damaligen Zeitpunkt waren das knapp 30000 Quadratmeter Wohn- und Gewerbefläche.

Da sich der Bauherr hartnäckig über die Gebote der Politik hinwegsetzte, verbot der Bezirk im Jahr 2017 bis auf weiteres jegliche bauliche Veränderung des Geländes. Eine trügerische Stille breitete sich aus. Denn während draußen alles stillstand, wurde drinnen, hinter verschlossenen Türen, womöglich eifrig verhandelt, kamen Bauherr und Politik, Investor Jürgen Leibfried und Baustadtrat Florian Schmidt, einander näher.

Monatelang drangen keine Nachrichten über die Verhandlungen nach außen, Anfragen der Bürgerinitiativen blieben unbeantwortet, obwohl Schmidt öffentlich gerade noch erklärt hatte, es sei „wichtig, neue Strukturen der Mitgestaltung zu schaffen, statt der vorherrschenden Scheinbeteiligung“.

Trotz dieser Bekundungen wirkte es so, als wollte man die Sache unter sich ausmachen. Ohne die Kreuzberger. Auch das zunächst geforderte Bebauungsplanverfahren, das eine Bürgerbeteiligung vorschreibt, war vom Verhandlungstisch. Lediglich der Forderung einiger Kreuzberger nach mehr Denkmalschutz hatte man nachgegeben. Denn das Areal zeugt auch von den Verbrechen der Nationalsozialisten.

„Hier unten war auf 3835 Quadratmetern eine der größten geheimen Waffenschmieden der Nazis in Berlin. Eine unterirdische Produktionsstätte, in der Menschen aus ganz Europa Zwangsarbeit leisten mussten“, sagt Karin Dittmar von der Initiative Denkmalschutz Bockbrauerei. Ihrer Forschung und Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass 70 Prozent der denkmalgeschützten Nazikeller erhalten bleiben. Leibfried habe so viel wie möglich abreißen wollen, um Platz für Tiefgaragen und Wohnungen zu gewinnen.

Die Keller sind gerettet, aber die Bäume sind verloren. Obwohl der Ahorn wegen seines Alters und seiner Größe geschützt war und obwohl beim Senat schon seit langem ein Antrag zum Schutz der Eiben vorlag. Anders als der Senat, der hartnäckig schwieg, reagierte Leibfried prompt auf die Bedenken der Naturschützer und präsentierte in einem Bauplan vom Herbst 2017 dort, wo der Ahorn stand, den sogenannten Pocket-Park. Im nächsten Entwurf allerdings fehlte dieser Minipark schon wieder, und im Oktober 2019 verkündete dann auch der grüne Baustadtrat Florian Schmidt: „Die Fällung der Bäume muss hingenommen werden.“ Wenige Tage danach wurden die Motorsägen angeworfen. „Was ist das nur für ein grüner Baustadtrat?“, fragt Karin Dittmar von der Denkmalschutz-Initiative. „Sieht tatenlos zu, wie 180 Jahre alte Bäume gefällt werden, und bestellt die Fotografen, wenn er in der Bergmannstraße drei Primeln pflanzt.“

Während der Park aus dem Plan verschwunden ist, ist die Baumasse weiter gewachsen. Auf eine Anfrage der Linkspartei an Schmidt, wie viele Wohnungen denn nun entstehen würden, antwortete dieser im März 2018, die Baumasse wurde „gegenüber dem Ursprungsentwurf (…) auf ca. 40.000 Quadratmeter Brutto-Geschossfläche erhöht“. Schmidt zufolge wies bereits der letzte Vorbescheid eine Brutto-Geschossfläche von 36.000 Quadratmetern aus. Auf die Frage, wie das Verhältnis von Gewerbe zu Wohnraum aussehe, wusste der Baustadtrat keine Antwort: „Die Nutzungsverteilung sowie die Anzahl an Wohnungen ist aus dem Konzept nicht genau ablesbar.“

Historische Ansicht: der alte Biergarten.
Foto: FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum

Sicher ist nur, dass eine Mischung aus Gewerbe und Wohnungen sowie eine Kita entstehen werden, dass aber ein Großteil der Baumasse aus Eigentumswohnungen besteht. Der

Anteil an günstigen Mietwohnungen ist nicht mehr als ein „soziales Feigenblatt“, wie Heinz Kleemann vom Berliner Mieterverein es formuliert.

Bislang ist von 30 preisgebundenen Kleinwohnungen die Rede und von 50 Studentenwohnungen ohne Preisbindung. Das sind – die aktuellen Zahlen zugrunde gelegt – etwa fünf Prozent der Baumasse. „Eine Frechheit“, sagt der Vertreter des Berliner Mietervereins.

Enttäuscht werden auch die Initiatoren der Gesprächsrunde im Wasserturm sein, die seit Jahren die Gretchenfrage stellen: Wem gehört Kreuzberg? Die Trommeln sind verstummt, die Weinhändler haben die Lager geräumt, die Segelschule die Segel gestrichen. Von 30 Mietern sind bereits 20 verschwunden.

Baubeginn vermutlich im Jahr 2021

Am Ende dieser Geschichte wird irgendwann der Ahorn aus dem Weg geräumt werden. Ende des Jahres soll der endgültige Bauantrag eingereicht werden. Dann rollen die Maschinen an.

Und irgendwann wird dort, wo einst im Schatten eines Baumes ein Biergarten war, ein großer Betonblock stehen. Daneben wird das historische Schankhaus mit seinen Zinnen und Giebeln zu einem Zwerg schrumpfen, selbst der Schornstein wird plötzlich klein wirken neben der knapp 200 Meter langen und 27 Meter hohen Front an der Schwiebusser Straße, die mit fünf und sechs Stockwerken noch über das Zollamt – einen Monumentalbau der Nazis – hinausragen wird.

Die Bäumchen in den Computerzeichnungen der Architekten wirken wie Fremdkörper zwischen den Quadern aus Glas und Beton, die dicht aneinandergedrängt um jeden Zentimeter und um jeden Cent kämpfen. Für den Ahorn aber ist dieses Ende der Geschichte vielleicht nicht das Schlechteste: Er hätte sich in der Gegend ohnehin nicht mehr wohl gefühlt.