Berlin - An der Wand des früheren Warenhauses für US-Militärangehörige ist das Bildnis eines Mannes aufgesprayt; halb Mensch, halb Elefant. Er hat eine lange, rote Mohrrübennase, viele Zahnlücken, Bartstoppeln, trägt Klamotten wie ein Sträfling und einen roten Stern an der Mütze. Vom Teufelsberg im Grunewald wurde zwischen 1961 und 1992 der Funk- und Fernmeldeverkehr der Staaten des Warschauer Pakts belauscht. Die Field Station Berlin war während des Kalten Krieges eine der wichtigsten Spionagestationen in Europa. Und es ist vorstellbar, dass die dort Stationierten ähnliche Monster-Fantasien hegten, wie sie der unbekannte Sprayer Jahre danach auf der Wand verewigte.

Planen flattern im Wind

Seit dem Abzug der Amerikaner und der Briten vor 21 Jahren sind die markanten Gebäude mit den weißen Kuppeln, den Randoms, verwaist. Die Kunststoffplanen sind zerschlissen und flattern im Wind, ein Großteil der Häuser ist verfallen, teilweise wurden Gebäude abgerissen. Überall sind Graffiti zu sehen, Birken und anderes Grün wuchern auf dem früheren Militärgelände, das offiziell nur bei Führungen oder angemeldeten Kunstaktionen (mit anschließenden Partys) betreten werden darf.

Dass letztere wohl nicht selten stattfinden, ist nicht nur an Sofas und Sesseln zu sehen, die die Kreativen auf den Berg gebracht haben, um sich dort etwas Aufenthaltsqualität zu schaffen. Eine Badewanne ist randvoll mit Flaschen, ein großes Schild verlangt, das Pfandgut dort ordentlich zu sammeln.

Eigentlich aber ist der Teufelsberg derzeit eine Investruine in Privatbesitz – Pläne für Wohnungsbau und Hotelnutzung zerschlugen sich ebenso wie der Bau einer „Friedensuniversität“ der Maharishi-Weltfriedensstiftung und des US-Filmregisseurs David Lynch. Während Naturschützer die Erhebung – nach neuesten Messungen mit 120,1 Metern die höchste der Hauptstadt – am liebsten wieder renaturieren wollen, gibt es inzwischen ernsthafte Bestrebungen, dort eine Erinnerungsstätte an den Kalten Krieg einzurichten.

Auch vier Absolventen der Technischen Universität (TU) favorisieren eine Denkmalnutzung des ehemaligen Spionage-Stützpunktes. Katharina Beckmann, David Derksen, Robert Haesecke-Diesing und Florian Leitner haben im postgradualen Masterstudiengang Denkmalpflege dazu eine gemeinsame Abschlussarbeit geschrieben. Jetzt ist daraus auch ein Buch geworden, mit dem Titel „Field Station Berlin. Geheime Abhörstation auf dem Teufelsberg“.

Zu erfahren ist nicht nur, wie Hitlers Lieblingsarchitekt Albert Speer im Grunewald die Hochschulstadt der geplanten Welthauptstadt Germania errichten wollte. Nur Teile der Wehrtechnischen Fakultät wurden zwischen 1937 und 1940 realisiert – auf dem Teufelsberg. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser mit Trümmern der zerstörten Stadt Berlin aufgeschüttet, von 1954 bis 1956 sogar auch als Müllkippe genutzt.

Das beste Essen aus der Teufelsküche

Wenige Jahre später wurde der Berg, der aus dem Hauptberg und dem niedrigeren Drachenberg besteht, zum Wintersportgelände umgebaut – mit Sprungschanzen, Skihängen und Rodelbahnen. Schon in den 1950er-Jahren nutzten aber auch Einheiten der Britischen Armee Teile des Trümmerberges für militärische Zwecke, mit einer mobilen Anlage überwachten sie den Luftverkehr von und nach Berlin.

1961 begannen Gespräche über eine gemeinsame Nutzung des Teufelsbergs zwischen den britischen und den US-Streitkräften, ein Jahr später bekamen die Amerikaner die Kontrolle über das Gelände. Rund 1 200 bis 1 500 Personen arbeiteten in der Field Station, die überwiegende Mehrheit waren Angehörige des US-Militärs. Viele von ihnen waren Linguisten, die die Sprachen der Warschauer-Pakt-Staaten beherrschten. Die Berliner kannten zwar die markanten Kuppeltürme als Bestandteil der Stadtsilhouette, aber kaum jemand wusste genau, wie es auf dem Gelände wirklich aussah. Es war schließlich alles „for eyes only“, streng geheim.

Das Autorenteam zeigt nun die Grundrisse der Gebäude und beschreibt die Nutzungen der einzelnen Häuser und Türme sowie die Ausbaustufen des Nato-Horchpostens, der schließlich wie das ganze West-Berlin von Warschauer-Pakt-Land umgeben war. Hin und wieder schildern die Autoren auch mal eine interessante Nebensächlichkeit: So hatte die Küche der Messe der Field Station Berlin den Ruf, das beste Essen der US-Army zu servieren.

Das Autorenteam nutzte für seine Recherchen Gespräche mit Zeitzeugen und verschiedene Archive. Auch im Nachlass des DDR-Staatssicherheitsdienstes wurde es fündig. Denn natürlich wussten auch die Spione Ost ziemlich gut Bescheid darüber, was ihre Berufskollegen West so tun.

Field Station Berlin, Edition Berliner Unterwelten, 143 S., 19,90 Euro.