Berlin - Wenn Hermann Barges genug hat vom Leben in der engen Stadt, dann kommt er hierher. Er läuft über das Feld, so lange, bis er in der Weite angekommen ist, bis der leere Raum ihn umschließt. Bis er den kühlen Wind im Gesicht spürt und sein Blick sich in der Ferne verliert. Die Weite verändert den Menschen, sagt Barges. Ein Arzt hat ihm das mal erklärt. Die Augenmuskeln entspannen sich, wenn der Blick an nichts mehr hängenbleibt. „Auf einmal sehen die Leute ganz anders aus, wie nach einer kleinen Kur.“

Bei Barges scheint die Kur gerade nicht zu funktionieren. Er steht im Wind, badet in der Weite, aber sein blasses Gesicht unter der schwarzen Schirmmütze bleibt angespannt. Mit der schmalen Brille, die weit vorne auf seiner Nasenspitze sitzt, sieht er aus wie ein müder Rabe.

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Um ihn herum wogt das Wiesenmeer, die Nachmittagssonne taucht das Feld in ein fahles Licht. Wie eine riesige Scheibe aus Gras und Beton erstreckt sich die Tempelhofer Freiheit bis zum Horizont, wo die Stadt beginnt. Berlin wirkt von hier aus gesehen wie eine Stadtkulisse. Wie eine urbane Attrappe, die um das Feld herum gebaut ist. „Wer einmal hier gestanden hat, der versteht, dass man am besten alles so lässt, wie es ist“, sagt Barges.

Nachtblauer Anzug, weißes Hemd

Christoph Schmidt steht am Fenster des Sitzungsraums in der ersten Etage des ehemaligen Flughafen-Hauptgebäudes. Er blickt auf das Feld, das hinter einem hohen Metallzaun liegt. Von hier aus sieht die Freiheit gleich ganz anders aus.

Schmidt ist hanseatisch groß gewachsen, trägt einen nachtblauen Anzug und ein weißes Hemd. Er sagt, er sei enttäuscht. „Wissen Sie, es hätte hier so viel entstehen können.“ Seine Augen tasten suchend den Raum ab, als müsste es doch noch irgendetwas geben, das seine Stimmung verbessert. Man merkt ihm an, dass er es nicht gewohnt ist, enttäuscht zu sein. Dass die Dinge normalerweise laufen, wie er es will.

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Wahrscheinlich ist Schmidt deshalb Landschaftsplaner geworden. Genau wie Barges, der Mann vom Wiesenmeer. Die beiden ringen miteinander, seit fast zwei Jahren schon. Barges, 62 Jahre alt, Vorsitzender der Bürgerinitiative „100% Tempelhofer Feld“, die dafür kämpft, dass auf dem alten Flughafen alles bleibt, wie es ist. Und Schmidt, 44 Jahre alt, Geschäftsführer der landeseigenen Grün Berlin GmbH, die aus dem Feld einen schicken Park machen soll.

Aber eigentlich geht es längst nicht mehr um Baumpflanzungen oder Grüngürtel. Es geht in Tempelhof um etwas Grundsätzliches, darum, wem die Stadt gehört. Den Planern vom Senat? Oder den Leuten von der Straße? Den Investoren oder den Kleingärtnern? Es ist ein Lehrstück der Demokratie, ein symbolischer Kampf, der für vieles steht, was gerade in Berlin passiert. Ob im Mauerpark oder in den letzten besetzten Häusern, ob am Wassertisch oder am Spreeufer, es ist immer dieselbe Frage: Wir oder die?

Dreihundert Hektar großes Wiesenmeer

Vor vier Jahren wurde der Flughafen Tempelhof stillgelegt, seitdem ist das ehemalige Rollfeld die größte innerstädtische Freifläche der Welt. Mehr als dreihundert Hektar groß ist das Wiesenmeer, das seit Mai 2010 für alle zugänglich ist. Jeden Tag kommen die Menschen aus den umliegenden Vierteln, aber auch aus weit entfernten Teilen der Stadt zu Tausenden hierher, mit Fahrrädern, Rollerblades, Lenkdrachen und Fußbällen.

An manchen Wochenenden sind es 50.000, die hier Sport machen, grillen, Punkrock spielen, im Gras liegen. 1,6 Millionen Besucher waren es allein im Jahr 2011, in diesem Jahr werden es noch mehr sein. Zwischen Wiesenmeer und Landebahnen haben Anwohner Gemüsegärten angelegt und Blumen gepflanzt, sind ein Skulpturenpark und eine kleine Kinderstadt entstanden. So ist die Tempelhofer Freiheit zum größten Spielplatz der Republik geworden.

Die Begeisterung, mit der sich die Menschen das Gelände in Tempelhof aneignen, hat alle überrascht. Eigentlich sollte das struppige Feld nur eine Übergangslösung sein, bis der neue Park gebaut ist. Aber wie so oft in Berlin sind die Übergangslösungen die besten. Wer sich noch an die letzten Konzerte im Palast der Republik erinnert, der mag erahnen, welche Stimmung an einem warmen Sonnabendnachmittag auf der Tempelhofer Startbahn herrschen kann. Gerade weil hier nicht alles schön und begradigt ist, weil der Asphalt rau sein kann und die Wiese stachelig. Weil die Welt hier draußen noch ziemlich echt aussieht.

Es ist ein Experiment, die Stadt hat das Feld geöffnet, die Menschen nutzen es. Ohne Masterplan, ohne Machbarkeitskonzept, ohne Umweltverträglichkeitsstudien. Es passiert einfach, und es scheint so, als wären die Bürger von ihrem eigenen Tun berauscht. Sie wollen ihr Feld nicht mehr hergeben. Wir, nicht die, sagen sie.

„Wir müssen auf die Menschen hören“

Das hat sogar der Regierende Bürgermeister verstanden und stellt sich schnell zum Volk dazu. Kürzlich hat er die vom Senat in Auftrag gegebene Parkplanung gestoppt. „Wir müssen auf die Menschen hören“, sagt Wowereit, der von seinen Leuten auch „der Schmetterling“ genannt wird, weil er spürt, wenn der Wind sich dreht.

Der Tempelhofer Rebell Hermann Barges kommt aus der Lüneburger Heide, aus Lüchow-Dannenberg, um genau zu sein. Er ist da zwar schon früh weg, aber er hat mitbekommen, wie es war in den Siebzigerjahren, als die Errichtung des Atomendlagers Gorleben die ruhige, heile Welt erschütterte, in der er aufgewachsen war. Vielleicht hat ihm das die nötige Widerspenstigkeit gegeben, die Kraft, die nötig ist, um sich gegen mächtige Projekte zu stemmen.

Er kommt aus einer Hugenottenfamilie, der Vater, die Großväter und Urgroßväter waren Gärtner. Seit fünfhundert Jahren buddelt die Familie Barges in der Erde herum. Hermann, der älteste Sohn, ist so groß geworden. Mit Sand unter den Fingernägeln, im Wind, in der Weite. Er macht eine Gärtnerlehre, studiert Landschaftsentwicklung in Berlin. Aber am meisten interessieren ihn die Menschen, deren Lebensumfeld gestaltet werden soll. Wie gelingt es, Bürger an ihrer Heimatpflege zu beteiligen? Wie muss eine Stadt organisiert sein, die ihre Bewohner ernst nimmt? Diese Fragen haben von Anfang an seine Arbeit bestimmt.

Kein Müll, keine Gewalt

Barges wohnt in der Weisestraße in Neukölln, nur ein paar Hundert Meter vom alten Flughafen entfernt. Als das Rollfeld für die Anwohner geöffnet wurde, ist auf einmal das passiert, was er immer wollte. Weil die Leute ganz von allein gekommen sind, um den neuen Lebensraum zu besetzen. „Das ist so wunderbar zu sehen, was die Natur aus so einem Ort gemacht hat. Und wie sich dann die Menschen dort ausprobieren.“ Barges sagt, es gebe auf dem Feld keinen Müll und keine Gewalt. „Das zeigt, dass die Stimmung hier besonders ist.“ Deshalb will Barges, der Landschaftsentwickler, hier am liebsten gar nichts mehr entwickeln.

Christoph Schmidt kommt aus der Nähe von Oldenburg, 1988 geht er nach Berlin, um eine Gärtnerlehre zu machen. Er studiert Landschaftsarchitektur und Projektmanagement. Ihn interessiert, wie man Immobilien und Landschaften zusammen denken kann. Er plant die Infrastruktur der Hamburger Hafencity, bevor das Angebot aus Berlin kommt, die landeseigene Entwicklungsgesellschaft zu übernehmen.

„Das Wiesenmeer ist nicht genug, denn das ist ja schon da“, sagt Schmidt kurz nach seinem Dienstbeginn vor vier Jahren. Er will die Ränder des Feldes verkaufen und mit hochwertigen Immobilien bebauen lassen. Parallel dazu sollen die öffentlichen Parkflächen entstehen. Schmidt denkt an einen künstlichen Badesee, an Restaurants, an Sportplätze, Baumgürtel, Spazierwege auf aufgeschütteten Deichen, einen Himmelsspiegel, auf dem man im Winter Eislaufen kann und einen sechzig Meter hohen Kletterfelsen. Kosten: 61,8 Millionen Euro.

Schmidt ist ehrgeizig, er will demonstrieren, dass man private Bau- und öffentliche Freiflächen im Verbund entwickeln kann, zusammen mit den Investoren. Sein Plan ist das Gegenteil von dem, was Barges will.

Lobby-Planer gegen Hinterwäldler

Barges nennt Schmidt später einen Lobby-Planer. Schmidt nennt Barges einen Hinterwäldler. So führen sie ihren Kampf.

In Christoph Schmidts Besprechungsraum hängen großformatige Pläne vom neuen Park an der Wand. Schmidt erklärt, wie er sich das alles vorgestellt hat. Das Zusammenspiel von Weite und Nähe, von Ruhe- und Aktivitätszonen. Was er sagt, klingt vernünftig, ausgewogen und durchdacht.

Schmidt sagt, sie hätten immer wieder die Bevölkerung befragt und die Bedürfnisse der Menschen seien klar gewesen: Wasser, Spielplätze, Sportanlagen, Schatten und Gastronomie. Das war die Grundlage für seinen Plan. „Wir haben sechstausend Anwohner befragt, die Bürgerinitiative kriegt gerade mal zweihundert Leute zusammen. Die drücken jetzt der Mehrheit ihren Willen auf“, sagt Schmidt. Dann steht er stumm da, schüttelt den Kopf, als könne er das alles immer noch nicht fassen.

Aus den Besucherbefragungen weiß Schmidt, dass nur wenige Alte, Migranten und Familien mit kleinen Kindern zur Tempelhofer Freiheit kommen. Es gibt keine Spielplätze, keine Bänke, keinen Schatten. „Wenn alles so bleibt, dann gehört diese riesige Fläche künftig den gesunden Erwachsenen deutscher Herkunft zwischen 25 und 45 Jahren, die den Luxus der Weite genießen, und die anderen müssen sehen, wo sie bleiben.“ Das ist für Schmidt elitär, das findet er ungerecht. Seine graublauen Kapitänsaugen flackern kurz auf vor Erregung, dann hat er sich wieder im Griff.

„Unser Feld bleibt unbestellt“

Ein paar Tage später, an einem Sonntagnachmittag, steht Hermann Barges auf der Landebahn, ganz in der Nähe der Gemüsegärten. Er hält ein Mikrofon in der Hand und blinzelt ins Sonnenlicht. Um ihn herum drängen sich ein paar hundert Demonstranten. Sie tragen Transparente, auf denen „Unser Feld bleibt unbestellt“ und „Keine Macht den Spekulanten“ steht. Es ist die erste Demonstration der Bürgerinitiative auf dem Tempelhofer Feld. Man spürt die neuen Kräfteverhältnisse, den Flügelschlag des Schmetterlings.

Auf einem kleinen Podest steht eine Gruppe reifer Damen und Herren, die sich die „High Fossilitys“ nennen und im Chor „Get up, stand up“ brüllen. Die Menschen wiegen sich im Rhythmus der Musik. Barges ruft ins Mikrofon, der Designer-Park sei gescheitert. Berlin werde sich nicht dem Druck des Geldes beugen. Die Leute klatschen. So einfach kann Revolution sein.

Aber warum eigentlich? Warum hat Barges gewonnen und nicht Schmidt? Was ist da passiert?

Schmidt versucht ein Lächeln, das auf halbem Wege verrutscht und ihn noch ein wenig trauriger aussehen lässt. Dieser kernige, kluge Mann mit seinem kühlen Planer-Deutsch, der es gewohnt ist, die Welt zu zonieren und zu arrondieren und zu parzellieren, muss erst mal tief Luft holen.

Dann erzählt er die Geschichte eines langsamen Verrats, der schon im Spätsommer 2011 begann, als der Senat ihn bat, den Konflikt mit den Gegnern des neuen Parks nicht anzuheizen, sich zurückzuziehen, unauffällig zu bleiben. Still. Es ging um die Wahl des Abgeordnetenhauses, Wowereit hatte Angst vor Konflikten, wollte keine Stimmen verlieren. 1,6 Millionen Feldbesucher können 1,6 Millionen Wähler sein.

Noch ein Problem-Flughafen

Auch später, als die Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU liefen, konnte Schmidt seine Parkpläne nicht offensiv vertreten. „Wir durften nicht sagen, was wir vorhatten und mussten den anderen das Feld überlassen. Das war fatal.“

Barges und seine Leute nutzten die Situation, mobilisierten die Medien, machten Stimmung. Schmidt verlor die Kontrolle. „Der Senat bekam Angst, weil der Eindruck entstand, die Menschen wollen gar keinen neuen Park.“ Die Stimmung kippte.

Wowereit fand auf einmal, dass Schmidt zu viel Geld ausgibt. „Ist doch schon grün hier“, sagte der Regierende, als er mal zu Besuch nach Tempelhof kam.

Letztlich fatal für Schmidt war dann die Sache mit dem anderen Flughafen. Als Schönefeld zum Skandal wurde, flatterte der Schmetterling endgültig davon. „Nicht noch ein Problem-Flughafen“, stöhnten die Leute im Senat. „Der Park war nicht mehr durchsetzbar“, sagt Schmidt.

So geht sie, die Geschichte vom Wiesenmeer. Letztlich hat wohl nicht nur die Freiheit, sondern auch die Angst gesiegt. Letztlich haben wohl Schmidt und Barges Recht, jeder auf seine Weise.

Barges organisiert jetzt eine Volksabstimmung, damit das Feld für immer bleibt. Schmidt wird noch ein Wasserbecken anlegen und ein paar Bäume pflanzen. Irgendwann werden sich die Beiden vielleicht wiedersehen. Weil die Geschichte vom Wiesenmeer noch lange nicht zu Ende ist.