Vor einigen Jahren noch wäre es eine Sensationsmeldung gewesen: Herzog und de Meuron, das berühmteste Schweizer Architekturbüro, planen in Berlin. Stars! Und dann noch auf dem zur Legende gewordenen Grundstück des Tacheles. Sie sollen die einstige Einkaufspassage, die die Oranienburger und die Friedrichstraße miteinander verband, wieder zum Leben erwecken.

Am Wochenende war es eine Meldung neben anderen. Denn hier zu bauen, ist ein großes Wagnis. Nicht einmal das Talent der Wertheim-Familie, die die Passage nach dem ersten Bankrott 1912 erwarb, konnte ihr zu Leben verhelfen. Auch ein modernistischer Umbau in den 1920ern half nicht; so konnten sich in den 1930ern hier NS-Organisationen billig einnisten. Bomben und DDR-Verfallspolitik zerstörten den Bau, 1990 wurde die Ruine „instandbesetzt“ als Avantgarde-Kunstprojekt, das heute in wirklich jedem Berliner Reiseführer steht. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Avantgarde weitergezogen ist.

Stars, um den Denkmalschutz zurückzudrängen

Auch die Jagdfeld-Gruppe ist an diesem Grundstück gescheitert, hat verkauft. Für den neuen Besitzer soll es nun Herzog und de Meuron reißen. Das Architektenbüro entwarf die Allianz-Arena in München und die Hamburger Elbphilharmonie – möglicherweise interessiert dieser Formenreichtum die Investoren tatsächlich, sie werden auch die vorzüglichen Münchner Passagen an der Theatiner-Kirche kennen.

Aber wir sind abgebrühter geworden. Denn der Starkult wird von Investoren gezielt eingesetzt, um Bebauungsregeln auszuweiten, den Denkmalschutz zurückzudrängen, noch mehr Nutzung auf die Grundstücke zu stapeln sowie maximal hohe Preise zu erzielen. Siehe die Berliner Projekte des Büros Graft, Daniel Libeskinds und jetzt eben die ersten Pläne für das Tacheles-Gelände. Immer wieder heißt es: Sie wollen doch diesen Weltstar nicht vor den Kopf stoßen.

Radikal und unsentimental

Herzog und de Meuron gehören zweifellos zu den außergewöhnlichsten Architekten Europas. Sie sind Tüftler, erforschen meist genau den Geist der Orte, an denen sie bauen. Sie sind romantische Spätmodernisten, fetischistisch, was die Materialwahl angeht, verliebt in mythisch aufzuladende Formen.

Gleichzeitig sind sie radikal unsentimental. In San Francisco haben sie ohne viel Federlesens das legendäre alte Museum im hispano-amerikanischen Stil, schwer geschädigt durch Erdbeben, aber wiederaufbauenswert, beseitigt zugunsten eines Neubaus. Auch dort spielte das Star-Argument eine erhebliche Rolle beim Überzeugen der städtischen Gesellschaft. Sehen wir also genau hin, was geschehen soll an jener legendären Ecke von Friedrich- und Oranienburger Straße. Aller Voraussicht nach wird es aufregend.