Der Zug fährt nicht los und keiner weiß warum. Alle sind drin, der Bahnsteig gähnt. Die angekündigte Abfahrtszeit auf der Anzeigentafel ist lange vorüber. Das Paar am Nebentisch kümmert es nicht. Sie machen es sich nett. Bestimmt gehören sie zu den Leuten, die immer gleich am Anfang der Fahrt essen. Nicht nur, wenn der Zug nicht losfährt.

Der Rucksack, den die Frau auszupacken beginnt, ist nämlich einer von denen, aus denen man viel mehr rausholen kann als reinpassen dürfte. Rein optisch. Ein Zugmahlzeitprofirucksack. Wer so einen hat, nimmt die Sache ernst und das bedeutet auch, dass man in Ruhe isst. Auch wenn man nur bis Wolfsburg fährt.

Das Ei ist der Tram-Döner des ICE

Die Frau holt heraus: Bananen, Apfelschnitze in einer Tupperdose, Blechkuchen mit Streuseln drauf, bereits geschnitten, auch in einer Tupperdose, in Butterbrotpapier gewickelte Stullen, ein Glas Würstchen, Eier. Natürlich Eier. Ältere Ehepaare im Zug essen immer Eier. Ich habe noch nie ein Ehepaar im Zug eine größere Mahlzeit verzehren sehen ohne Ei-Gang. Als ob es Teil des Ehegelübdes sei, ab einem gewissen Alter, sagen wir: Ende 50, Eier im Zug zu essen. Obwohl sie riechen. Das Ei ist der Tramdöner des ICE.

Nachdem sie alles malerisch auf dem Tisch arrangiert hat, folgen Gedeck und Getränk. Besteck, abwaschbare Plastikteller, zwei Becher. Eine Thermoskanne. Und natürlich Küchenkrepp. Richtig gefaltet geht das als Serviette durch und die Frau hat es drauf, das Falten. Als hätte sie gewusst, wann der Zug sich in Bewegung setzt, kann pünktlich mit dem sanften Rucken die Mahlzeit beginnen. „Guten Appetit, mein Lieber“, sagt sie und wickelt eines der Brote aus. „Lass es Dir schmecken.“ Er greift nach einer Küchenkreppserviette und legt sie säuberlich über seine Oberschenkel. „Du auch, Herz.“ Dann wird gegessen.

Die Sache mit dem Dotterkrümel

Lange sagen sie nichts. Nicht, weil sie sich nichts zu sagen hätten, glaube ich. Sondern weil sie jetzt eben erst einmal essen. Es ist ein routiniertes Schweigen, ein Schweigen, das zur Zugmahlzeit gehört wie das Ei. Das er übrigens im Ganzen isst, indem er mit spitzem Mund kleine Stücke abbeißt, sie hingegen geschnitten, auf dem Käsebrot.

Als er fertig ist, nimmt er die Serviette von seinem Schoß und tupft sich den Mund ab. Ein Dotterkrümel widersetzt sich der Säuberung und bleibt im Bart hängen. „Schatz. Tupf nochmal... nein, die andere Seite... ja, jetzt ist er weg.“ Sie lächelt wie jemand, der das häufig sagen muss und es gerne tut. Er fragt: „Was war es denn? Wieder der Dotter, wie immer? Wie damals?“ „Ja“, sagt sie. „Wie immer. Wie damals.“

Der Blick, den die beiden danach austauschen, hat etwas Verschwörerisches. Sie denken beide an dasselbe, das ist offensichtlich. Und sie denken gerne daran. Liebe ist, wenn ein Dotterkrümel im Bart eine beglückende Erinnerung ist.

Unsere Autorin Barbara Weitzel ist zu Gast in der Lesung "Frauen" mit Franziska Hauser, Susanne Schirdewahn und Kirsten Fuchs, am 23. Juli um 20 Uhr in der Lesebühne "Des Esels Ohr" (DEO), Saarbrücker Str. 24 (Haus C, ganz oben), Prenzlauer Berg.