Beinahe zehn Jahre hat es gedauert: Am 2. September wird ein bekannter DDR-Wirtschaftswissenschaftler, Historiker und Publizist gewürdigt: Jürgen Kuczynski (1904–1997). Dann bekommt eine kleine, unscheinbare Grünfläche an der Pistoriusstraße in Weißensee seinen Namen. Eine Gedenktafel wird dann dort an ihn erinnern.

Kuczynski lebte von Anfang der 50er Jahre bis zu seinem Tod in einer großen Villa in der Parkstraße, ganz in der Nähe. In dieser Villa befand sich einst seine große Familiensammlung mit 70000 Büchern und 35000 Zeitschriften, gesammelt über sechs Generationen. Es ist die bedeutendste Privatsammlung Deutschlands, heute steht sie, gegliedert wie einst in der Villa, in der Zentralen Landesbibliothek in der Breiten Straße.

Eine Gruppe engagierter Kollegen, Freunde und politischer Anhänger des kommunistischen Gelehrten hat es geschafft, die öffentliche Würdigung Kuczynskis in Berlin durchzusetzen. „Es gab eine lange politische Diskussion über eine nicht einfache Biografie“, sagt Pankows Bezirksbürgermeister Mathias Köhne (SPD). Unter anderem ging es um die Frage, ob man jemanden derart ehren könne, der in der DDR so viele staatliche Auszeichnungen erhalten habe. Die DDR-Führung hatte Kuczynski den Nationalpreis verliehen, den Vaterländischen Verdienstorden und so manch andere hohe Auszeichnung.

Günstling Honeckers

Tatsächlich war Kuczynski ein, wie Kritiker ihn nannten, „linientreuer Dissident“ und ein, wie er selbst sagte, „Günstlings Honeckers“. Er genoss die daraus resultierenden Vorteile und beschrieb seine politische Widersprüchlichkeit aber auch so, dass sich die Zahl seiner Orden und die seiner Parteistrafen die Waage gehalten hätten. Wegen seiner kritischen Haltung wurde er 1958 aus der Volkskammer ausgeschlossen.

In der DDR wurde sein Buch „Dialog mit meinem Urenkel“ zum Bestseller. Kuczynski hatte es 1977 geschrieben, durfte es aber erst 1983 veröffentlichen – wegen seiner kritischen politischen Betrachtungen über die Zustände in der DDR, über Bürokratie, fehlende Demokratie, Meinungsfreiheit und Schönfärberei. Kuczynski war einer der wenigen Einzelgelehrten der DDR und einer der produktivsten. Er schrieb über 4000 Texte zu Ökonomie, Geschichte, Soziologie und Kultur, darunter mehrbändige Reihen. In seinen Texten ging es um Geschichte, Wirtschaftslehre, den Untergang des Kapitalismus und den Sieg des Sozialismus. Er schrieb Wirtschaftsanalysen, Krisenberichte und beriet die DDR-Regierung. Den Glauben an eine bessere sozialistische Welt verlor er auch nach der Wende nicht, gab aber freimütig zu, sich in Bezug auf den Zeitpunkt des Untergangs des Kapitalismus wohl geirrt zu haben.

Im Jahr 2007, zu seinem 10. Todestag, schlugen frühere Weggefährten Kuczynskis vor, einen Platz in Weißensee nach ihm zu benennen. Im Bezirk schlug man Ende 2009 geeignete Flächen vor. Dann ging es um eine öffentliche Kommentierung seines Wirkens.

Die gibt es nun auch, und es scheint alles geklärt: Der Karikaturist Harald Kretzschmar schuf eine Vorlage für eine Gedenktafel aus Kupfer, auf welcher Name und Lebensdaten Kuczynskis stehen. „Er war ein verschmitzter Mensch“, sagt die Wirtschaftshistorikerin Gretchen Binus. Die 79-Jährige hatte einst bei Kuczynski promoviert. Sie gehört zum Kreis der Unterstützer, die 8400 Euro für die Tafel gesammelt haben.

Etwas entfernt von der kupfernen Tafel wird eine Infotafel an der Fassade vom Frei-Zeit-Haus hängen, wie Politiker sie zur historischen Bewertung gefordert haben. Kuczynski habe eine „stets optimistische Grundhaltung zum sozialistischen Experiment nach 1945 auf deutschem Boden“ gehabt, steht darauf. Die einen knüpften daran „das Prinzip Hoffnung“, „für die anderen galten seine Beiträge als Beschwichtigung der schwierigen Lebensverhältnisse in der DDR und dem Machterhalt des Staates.“