Istanbul -

Am 26. Januar wird vor der 10. Strafkammer für Schwerverbrechen im Justizpalast von Istanbul-Kartal der Prozess gegen Ayhans Brüder Mutlu und Alpaslan Sürücü beginnen. Das Verfahren sollte ursprünglich bereits im Oktober eröffnet werden. Den Brüdern wird Mord und unerlaubter Waffenbesitz vorgeworfen.

Der jüngste Sürücü-Bruder Ayhan war 2006 in Berlin nach dem Jugendstrafrecht zu neun Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden. Nach Verbüßung der Strafe wurde er noch am Tag seiner Entlassung im Sommer 2014 in die Türkei abgeschoben – wegen fehlender „plausibler Reue“, wie es im Ausweisungsbeschluss hieß.

„Ihr Verhalten führt zu dem Schluss, dass Sie auch zukünftig nicht willens und bereit sind, sich in die hiesige gesellschaftliche und verfassungsmäßige Ordnung zu integrieren“, wurde Ayhan Sürücü in dem Beschluss bescheinigt. Er darf nie wieder nach Deutschland einreisen.

Ayhan Sürücü lebt seither in Istanbul zusammen mit seinen zwei älteren Brüdern und betreibt mit ihnen einen Köfte-Imbiss. Die Brüder waren 2006 in einem ersten Prozess in Berlin aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden, doch hatte der Bundesgerichtshof das Urteil ein Jahr später wieder aufgehoben. Da sich Alpaslan und Mutlu nach Istanbul abgesetzt hatten, kam aber es zunächst zu keinem neuen Verfahren, um das sich die Berliner Justiz in der Türkei bemühte.

Die Staatsanwaltschaft schrieb die Brüder international zur Fahndung aus, doch die Türkei überstellte die Gesuchten trotz politischen Drucks nicht an die deutsche Justiz, weil sie ihre Staatsbürger grundsätzlich nicht ausliefert. Sie strengte aber zunächst auch kein eigenes Strafverfahren an. Die Berliner Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren deshalb 2008 ein.

Im Jahr 2013 begannen die Istanbuler Strafverfolger mit eigenen Ermittlungen, nachdem sie, wie die Zeitung Hürriyet schreibt, erst 2012 die Akten aus Berlin erhalten habe. Die Anklageschrift des Istanbuler Staatsanwalts Faruk Sarioglu vom März 2015 umfasst zehn Seiten. Darin wird den zwei Brüdern vorgeworfen, dass sie die Pistole für den Mord besorgten und die Tat gemeinsam geplant hätten.

„Man kann nicht verstehen, warum die türkische Justiz vorher nichts unternahm“, sagt der Berliner Abdulrahim Vural. Vural, der von zwei Schwestern der Ermordeten zu Rate gezogen wurde, hatte bereits im November 2009 Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft in Istanbul wegen Mittäterschaft beim Mord an Hatun Sürücü gestellt.

„Jahrelang habe ich nichts gehört, bis der Prozess nun endlich stattfindet“, sagt er. Er begrüße dies sehr und habe Vertrauen in die türkische Justiz. „Dass der Prozess überhaupt stattfindet, ist ein gutes Vorzeichen. Deshalb gehe ich davon aus, dass er auch zu einem guten Ergebnis kommen wird.“

Der Prozess wird nun auf der asiatischen Seite Istanbuls stattfinden, wo die drei Brüder leben. Das Gerichtsgebäude im Bezirk Kartal ist einer von drei riesigen Istanbuler Justizpalästen mit jeweils hunderten von meist kleinen Verhandlungssälen, in denen nur Platz für höchstens zwanzig Zuhörer ist. Die Anwältin der Angeklagten hat sich bisher nicht geäußert.