Wenn in der Szene der professionellen Magier die Nachricht von einer ganz besonders spektakulären Illusion die Runde macht, kommt es auf Schnelligkeit an.

Wer jetzt besonders flott ausreichend viel Geld bietet, der kann in den kommenden Jahren den Applaus einheimsen. So hörte David Copperfield, dass die Ehrlich Brothers aus Deutschland einen Trick entwickelt haben, bei dem ein Kern eingepflanzt wird, aus dem vor den Augen des Publikums in Zeitraffer ein Orangenbaum wächst. Chris Ehrlich erinnert sich: „Diese Illusion wollte Copperfield uns abkaufen, er rief dafür persönlich bei uns an.“ Was ihn und seinen Bruder in helle Aufregung versetzte: „Copperfield war schließlich der Star unserer Kindheit. Er ist einer der Gründe, warum wir uns in diese Kunst verliebt haben.“ Es sprach einiges dafür, dem Altmeister den Trick zu verkaufen. Der Vater der beiden zaubernden Brüder war dagegen: „Wenn der Trick so gut ist, dass Copperfield ihn haben will, müsst ihr damit auf Tour gehen!“

Die Veranstalter in Deutschland reagierten auf das Angebot einer Zaubershow zunächst ablehnend. Chris Ehrlich erinnert sich: „Wir bekamen lauter Absagen mit der Begründung, Zauberei funktioniere nicht. Und standen schließlich vor der Entscheidung: sein lassen oder selbst organisieren.“

Wenn sie sich damals für die Hasenfuß-Variante entschieden hätten, gäbe es die aktuellen Tournee der Ehrlich Brothers nicht, die von Oktober 2014 bis Mai 2015 beeindruckende 116 Shows lang ist und die beiden am 10. Januar für zwei Zusatzshows in die O2-World nach Berlin führt (Tickettelefon 0180 500 41 59).

Angefangen hatte alles mit einem in der Zeit vor Computern, Tablets und Smartphones mal sehr verbreiteten Weihnachtswunsch: Andreas, der vier Jahre ältere Bruder von Chris Ehrlich, hatte auf seinen Wunschzettel „Zauberkasten“ geschrieben. Wochen vor dem Fest entdeckte er das ersehnte Präsent in einem Schrank und begann, immer wenn die Eltern nicht zu Hause waren, die Tricks zu üben. Bruder Chris erzählt: „So konnte Andreas am Heiligen Abend schon die Hälfte der Tricks und unsere Eltern glaubten, ein Wunderkind vor sich zu haben.“

Studium zur Beruhigung

Die Brüder hatten Glück, denn ihre Eltern erwischten zufällig einen guten Zauberkasten. Es gibt viel Schrott auf diesem Gebiet: „Viele kennen ja das Gefühl: In der Beschreibung liest sich der Trick wie das achte Weltwunder, aber leider funktioniert er live nicht.“ So etwas kann einem die Lust an der Zauberei gründlich vermiesen. „Bei meinem Bruder hat der Zauberkasten ein Fieber entfacht, das auch bald auf mich übergesprungen ist.“ Dass sich beide Brüder an Unis einschrieben und Andreas sogar vier Semester Mathematik und Sport auf Lehramt studierte, geschah wohl hauptsächlich zur Beruhigung der Eltern. In der westfälischen Provinz wird man nicht einfach so Zauberkünstler. Andreas betrieb sein Studium anfangs sogar ernsthaft. Chris war an der Uni, wo er sich für Romanistik und Anglistik angemeldet hatte, von Anfang an eine Karteileiche. Er machte stattdessen eine Ausbildung zum staatlich geprüften Pyrotechniker: „Dazu bin ich über mein Faible für Rammstein, das man unserer Show auch ansieht, geraten.“

Auf die Bandbreite ihrer Show – vom Verbiegen von Bahnschienen zu Rammsteinmusik bis zum poetischen Moment, in dem ein Baum wächst – ist Chris Ehrlich stolz. Er fühlt sich dem Publikum damit nah. „Zauberer leben häufig in ihrer eigenen Welt. Aber mit irgendwelchen Zahlen-Kunststücken erreicht man das Publikum nicht.“ Einen Lieblingstrick mag er nicht benennen: „Viele Illusionen sind uns ans Herz gewachsen, weil wir sie von der ersten Idee bis zur Bühnenreife selbst entwickelt haben, was manchmal mehr als zwei Jahre dauert.“ Gebastelt und ausprobiert wird in einer 1 000-Quadratmeter-Halle in Bünde, wo die Ehrlich Brothers elf fest angestellte Mitarbeiter haben. Auf Tournee gehen sie mit 31 Leuten, darunter auch ein Koch: „100 Tage Fast Food wäre nicht gut.“

Am Anfang ihrer Zaubererkarrieren waren Andreas und Chris Ehrlich solo unterwegs. Im Jahr 2000, so erinnert sich Chris, hat er in Neukölln mal einen Wettbewerb gewonnen. „Seit 2001 arbeiten wir als Brüder gemeinsam. Ein riesiger Vorteil: Man kann sich nach der Show mit einer sehr vertrauten Person austauschen, die einen nicht bescheißt.“

Ob ihnen die ewige Reiserei, nicht langsam lästig wird? Träumen sie von einem festen Haus, in dem sie bis zum Erreichen ihres Zauberer-Rentenalters auftreten können? Chris Ehrlich wehrt ab: „Das reizt uns gar nicht! Wir stehen darauf, das Rock’n’Roll-Feeling zu leben und jeden Tag in einer anderen Stadt zu sein.“ Auch ein längeres Gastspiel in Las Vegas spielt in den aktuellen Planungen der Brüder keine Rolle: „Das ist ein großes Haifischbecken. Da steckt man in der Wüste von Nevada, weit weg von Mama und Freunden.“ Weil man allerdings niemals nie sagen und sich immer alle Optionen offen halten soll, erteilen die Ehrlich Brothers dem Ort auf der Welt mit den meisten großen Magier-Shows keine endgültige Absage, sondern schieben diese Karrierestation nur hinaus: „Las Vegas kann noch warten.“