Ich bin ihm bis in alle Ewigkeit dankbar“, hat Anna Gutman, geborene Boros, in den 60er-Jahren in Briefen an den Berliner Senat bekannt. Ihrem Retter, dem aus Ägypten stammenden Arzt Mohamed Helmy, der sie vier Jahre lang in seiner Laube in Buch vor den Nazis versteckte, hat sie das 1969 bei einem späten Wiedersehen auch persönlich sagen können.

Ein damals aufgenommenes Foto zeigt die Beiden auf einer Hollywood-Schaukel unter rotem Sonnenschutz: In der Mitte der Ägypter mit seiner deutschen Frau Emmy zur Rechten und mit Anna, seinem Schützling von einst, zur Linken, neben ihr Tochter Carla. Aber es gingen noch Jahrzehnte ins Land, bis auch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem von diesem außergewöhnlichen Fall erfuhr.

Medaille und Zertifikat

Sie hat 2013 Mohamed Helmy posthum als „Gerechten unter den Völkern“ anerkannt, das erste Mal, das einem Araber eine solche Ehrung zugesprochen wurde. Nur mochte zunächst niemand aus dessen ferner Verwandtschaft in Ägypten die Einladung zu einer Feierstunde in Israel annehmen.

Jetzt findet die Zeremonie doch noch statt und zwar an diesem Donnerstag in der Akademie des Auswärtigen Dienstes in Berlin. Dort wird der israelische Botschafter in Deutschland, Jeremy Issacharoff, dem Großneffen Helmys Medaille und Ehrenzertifikat überreichen. Nasser Kutbi, ein 81-jähriger Medizinprofessor aus Kairo, hat sich bereit erklärt, zu kommen. Weil er sich noch gut erinnere, wie harmonisch einst Juden, Moslems und Christen in Ägypten zusammenlebten. Mithin ein würdiger Vertreter seines couragierten Onkels.

Hilfe für jüdische Freunde

Mohamed Helmy war 1922 zum Medizinstudium nach Berlin gegangen und hatte anschließend als Urologe im Robert-Koch-Institut gearbeitet. Als nach Hitlers Machtergreifung seine jüdischen Kollegen gefeuert wurden, machte er kein Geheimnis darauf, wie wenig er von der NS-Rassenideologie hielt. Eingestuft als „Nicht-Arier“ geriet Helmy selber unter den Druck des Regimes. Die Nazis untersagten ihm, seine deutsche Verlobte zu heiraten.

1938 verlor auch Helmy seinen Job, später wurde er in Arrest geschickt, aber wegen seiner angeschlagenen Gesundheit wieder freigelassen. Das alles hielt ihn nicht ab, jüdischen Freunden zu helfen. Nach Beginn der Deportation von Juden aus Berlin im Oktober 1941 brachte Helmy kurz entschlossen die 21-jährige Anna Boros in seiner Gartenhütte in Sicherheit.

Sein Mut rettete vier Familienmitgliedern das Leben

Die Laubenkolonie in Buch am Randes Berlins diente ihr bis Kriegsende als Versteck. Die Gestapo hatte ihn mehrfach im Verdacht. Wenn die Lage besonders brenzlig wurde, besorgte er Anna für einige Tage einen Unterschlupf bei Freuden, denen er sie als Cousine aus Dresden vorstellte. Zur Tarnung trug sie ein Kopftuch und gab sich als Ehefrau eines Moslems aus.

Auch ihrer Familie verschaffte der ägyptische Arzt zusammen mit der Berlinerin Frieda Szturmann, die ebenfalls vor vier Jahren von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt wurde, eine Zuflucht. 1944 wurden Annas Mutter und der Stiefvater allerdings geschnappt. Unter dem brutalen Verhör gestanden sie, Helmy sei ihr Helfer. 

Der bewies Nervenstärke und ließ Anna auf der Stelle aus der Laube holen. Sie konnte fürs erste bei Frieda Szturmann unterschlüpfen, die sich auch um die Großmutter der Boros kümmerte, bis die Luft wieder rein war. Helmy hatte für den Fall, dass die Polizei ihm auf die Schliche kommen sollte, vorsorglich einen Brief von Anna in der Tasche, wonach sie bei einer Tante in Dessau wohne. Dank seinem Mut und seiner Umsicht überlebten alle vier Familienmitglieder den Holocaust.

Spurensuche im Archiv

Nach dem Krieg emigrierte Anna Boros in die USA und nahm den Ehenamen Gutman an. Helmy, der endlich seine Verlobte Emmy, die Liebe seines Lebens, heiraten konnte, blieb bis zu seinem Tod 1982 in Berlin. Erst 2012 erhielt die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem Hinweise eines Berliner Ehepaars, das bei Nachforschungen über ein Wohnhaus in der Krefelder Straße auf einen ägyptischen Arzt gestoßen war, der Juden gerettet haben solle.

Die Spurensuche führte anschließend zu alten Briefen im Archiv des Berliner Senats. Die Geschichte zog Kreise. Schließlich meldete sich Carla, die Tochter der längst verstorbenen Anna Boros-Gutman aus USA. „Es ist nicht nur meine Mutter, die Dr. Helmy gerettet hat. Auch wir, ihre drei Kinder und sieben Enkelkinder verdanken ihm unser Leben.“