Köln - „Jetzt hör auf zu spielen und deck bitte den Tisch!“ Für manche Kinder gehört dieser Satz zur Tagesordnung. Sie haben schon früh feste Aufgaben im Haushalt übernommen. In anderen Familien aber müssen die Kinder bis ins Teenageralter keinen einzigen Finger krumm machen. Das ist fataler als man glauben würde, sagt der Kinderarzt Dr. Rupert Dernick.

Denn durch Alltagstätigkeiten lernen Kinder entscheidende Fähigkeiten, die sie später dringend brauchen können. 

Warum ist es so wichtig, dass Eltern ihre Kinder im Alltag einspannen?

Rupert Dernick: Das ist vor allem für die psycho-emotionale Entwicklung der Kinder wichtig. Kinder, die im Alltag gute Erfahrungen machen, sind resilienter, also widerstandsfähiger, als andere Kinder.

Wenn ein Kind sich selbst das Brot schmieren oder den Tisch decken kann, dann empfindet es sich als selbstwirksam. Es merkt also, dass es kleine Hürden bewältigen und etwas zur Gemeinschaft beisteuern kann, dass es sein Leben in die Hand nehmen kann.

Hat das auch Einfluss auf das spätere Leben der Kinder?

Dernick: Ganz klar. Wenn einem von Anfang an zugetraut wird, selbst auf das Leben Einfluss zu nehmen, dann kann man auch als Erwachsener besser eigene Lebensentscheidungen treffen. Eine Studie fand heraus, dass der größte Einflussfaktor für ein erfolgreiches Erwachsenenleben nicht der IQ des Kindes oder etwa die Schulbildung der Eltern ist, sondern die Frage, in welchem Ausmaß die Kinder mit drei bis vier Jahren in Haushaltstätigkeiten miteinbezogen wurden.

Kinder, die früh im Haushalt helfen, werden also später erfolgreicher?

Dernick: Ja. In dem Sinne, dass sie ein zufriedenes, selbstbestimmtes Leben führen. 

Was können Kinder durch solche Alltagstätigkeiten lernen?

Dernick: Ein gutes Beispiel ist das selbstständige Anziehen. Es ist sozusagen das „Bauch-Beine-Po-Training“ für die kindliche Entwicklung. Es fördert das Körpergefühl, die Ausdauer, das Gleichgewicht und die Feinmotorik. Beim Socken zusammenlegen, dem so genannten Socken-Memory, lernen Kinder wiederum, genau hinzuschauen, zu vergleichen und das motorisch umzusetzen. Hat die Socke breitere Streifen als die andere? Was gehört zusammen? Sie üben zählen und Mengen einzuschätzen. Beim Tischdecken lernen sie räumliche Anordnung. Beim Spülmaschine ausräumen verstehen sie, dass man Sachen am besten wiederfindet, wenn man sie an ihren festen Platz stellt. So etwas hilft dann auch später, wenn sie ihre eigene Schultasche in Ordnung halten müssen.

Was erfahren sie auf zwischenmenschlicher Ebene?

Dernick: Die Idee ist ja, dass die Eltern die Haushaltstätigkeiten mit ihren Kindern zusammen machen. Dadurch wird die Interaktion gefördert. Wichtig ist, dass Eltern den Kindern etwas zutrauen. Dass Kinder Verantwortung tragen und spüren dürfen, dass sie ein wichtiger Teil des Familiensystems sind. Ich habe neulich einen Fünfjährigen gesehen, der alleine Brötchen geholt hat. In seinem Gesicht war so viel Stolz. Ich finde, dieses Erlebnis müssten doch alle Kinder haben dürfen.

Und sie lernen auch ganz praktische Dinge, oder?

Dernick: Natürlich. Es ist gut, wenn man schon gelernt hat, seine Wäsche selbst zu waschen, bevor man auszieht. Und zwar nicht erst als Teenager. Wenn Eltern einem Kind so etwas erst beibringen wollen, wenn es 16 ist, stoßen sie eher auf Widerstand. Ganz anders bei den ganz Kleinen. Sie haben Lust, zu lernen. Sie wollen teilhaben und alles mitmachen, in die Schuhe der Großen schlüpfen. Kinder haben einen natürlichen Forscherdrang, den man einfach nur laufen lassen kann. Sie fördern sich damit ja eigentlich selbst. Wenn man sie lässt.

Ab welchem Alter sollte man die Kinder mit einbinden?

Dernick: Im Alter von zwei bis vier imitieren die Kinder gerne das, was die Eltern tun. Hier sollte man die Kinder spielerisch einfach machen lassen, ohne ein Resultat zu erwarten. Die Kinder zeigen mit ihrem Interesse, wo ihre Lernbereitschaft ist. Wollte es schon immer mal sein Brot selbst streichen oder den Tisch decken?

Im Alter von vier bis sechs Jahren können Kinder auch lernen, mal Dinge zu tun, auf die sie keine Lust haben. Oder motiviert und unterstützt von den Eltern Herausforderungen annehmen. Dann können Kinder auch später in der Schule leichter damit umgehen, wenn sie mal unliebsame Aufgaben erledigen müssen.

Sind Kinder von heute so eigenständig, wie sie ihrem Alter nach sein müssten?

Dernick: Auf der einen Seite gibt es Kinder, denen zu wenig zugetraut wird, weil die Eltern mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind. Die werden dann eher vor der Glotze geparkt. Dann gibt es eine große Menge von Eltern, die im Prinzip alles richtig machen, die den Kindern genug zutrauen. Und am anderen Ende der Skala sind die Eltern, die überbehüten, das Kind von allen Gefahren fernhalten und es zu allen Kursen tragen, damit es dort von anderen gefördert wird.

Alle Eltern wollen, dass ihr Kind eigenständig wird. Was machen viele Mütter und Väter falsch?

Dernick: In einer Studie haben wir Eltern nach den Gründen gefragt, warum ihre Kinder nicht im Haushalt geholfen haben. Als häufigste Begründung gaben viele an, dass es einfach schneller geht, die Dinge alleine zu erledigen. Natürlich muss man dem Kind am Anfang Dinge erklären und Zeit investieren. Wenn man die Arbeiten danach aber zusammen erledigen kann, geht es schneller.

Das zweitwichtigste Argument der Eltern war: Es hat sich noch nicht ergeben, das Kind dazu anzuleiten. Viele Eltern haben einfach nicht daran gedacht, Kinder so einzuspannen. Und dass es wichtig sein könnte, dass Kinder lernen, die Spülmaschine auszuräumen. Deshalb versuche ich seit Jahren intensiv, Familien zu vermitteln, dass sie ihre Kinder am Leben teilhaben lassen sollen.

Haben manche Eltern auch Angst, die Kinder alleine kleine Erledigungen machen zu lassen?

Dernick: Natürlich ist es in bestimmten Wohngegenden oder in riesigen Supermärkten nicht ratsam, das kleine Kind einfach alleine gehen zu lassen. Die Eltern müssen eben schauen, was zumutbar ist. Und manchmal reichen auch kleine Aufgaben. Wenn Eltern einfach vor dem Bäcker stehen bleiben und das Kind alleine reingeht und die Brötchen holt. Oder im Supermarkt alleine in die Reihe nebenan geht, um die Marmelade zu holen.

Was passiert, wenn Kindern alles abgenommen wird und sie keine Eigenständigkeit lernen?

Dernick: Aus meiner 20-jährigen Praxiserfahrung weiß ich, dass sich ständiges Verwöhntwerden später auch in bestimmten Symptomen zeigen kann. Dass es einen Zusammenhang geben kann zwischen einem unselbständigen Vierjährigen und dem Grundschulkind, das sich nicht konzentrieren kann. Und dann auch zum pubertären Kind, das Probleme mit Adipositas oder Drogen bekommt.

Vielen Dank für das Gespräch.