Ein goldener Riss im Boden auf dem Breitscheidplatz erinnert als Teil eines Mahnmals an die Opfer des Anschlags vom 19. Dezember 2016. Die Route des Fahrers, der mit einem Kleinwagen auf der Einkaufsmeile nahe der Gedächtniskirche am Mittwoch durch eine Menschenmenge fuhr, liegt in Sichtweite zum Ort des Gedenkens an den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt. Der Attentäter Anis Amri riss damals mit dem von ihm absichtlich in die Menschenmenge gesteuerten Lastwagen 13 Menschen aus ihrem Leben.

Der Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz war am Abend des 16. Dezember mit Besuchern gefüllt. Die Menge drängte sich vor den Ständen.

Amri erschoss den Lastwagenfahrer

Der Terrorist Anis Amri hatte einige Stunden zuvor einen mit 25 Tonnen Baustahl beladenen Sattelzug in seine Gewalt gebracht. Der polnische Fahrer Lukasz Urban war seit dem späten Nachmittag telefonisch nicht mehr erreichbar. Die Ermittler gehen davon aus, dass Amri den Fahrer erschossen hat, als dieser auf dem Beifahrersitz saß. Amri bestieg dann den Sattelzug und steuerte ihn in Richtung Westberliner Innenstadt.

Die Feststimmung auf dem Breitscheidplatz endete kurz nach 20 Uhr mit einem Knall. Amri steuerte den Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt. Er fuhr mit dem 25-Tonner 70 bis 80 Meter durch die Menge und zerstörte dabei Verkaufsstände. Eine durch den Aufprall verursachte automatische Notbremsung verhinderte eine schlimmere Katastrophe. Der Sattelzug kam auf der Budapester Straße zum Stehen. Amri stieg aus der Fahrerkabine. Er nutzte das Chaos nach dem Anschlag, um vom Tatort zu entkommen. Es gelang ihm die Flucht von Berlin nach Italien. Dort eröffnete der Tunesier am 23. Dezember bei einer Ausweiskontrolle in Mailand das Feuer auf die Polizei und wurde von den Beamten erschossen.

Attentäter benutzte auch in Nizza Lastwagen

Menschen rannten einige Monate zuvor am französischen Nationalfeiertag am 14. Juli auf der Promenade des Anglais in Nizza um ihr Leben. Der Attentäter steuerte auch in Nizza einen Lastwagen in die Menschenmenge. Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) bekannte sich zu dem Anschlag. Sie stand 2016 im Zenit ihrer Macht. Der IS kontrollierte ein Territorium im vom Bürgerkrieg zerrissenen Syrien und im Irak. Tausende Kämpfer aus unterschiedlichen europäischen Ländern zogen in das sogenannte Kalifat, um sich der Terrormiliz anzuschließen.

Die Organisation war in der Lage, den Westen und besonders Europa mit einer Serie von professionellen Terroranschlägen anzugreifen. Der Westen reagierte militärisch auf die Bedrohung, und von 2016 an griff der IS zu einer neuen Strategie. Statt Terrorkommandos loszuschicken, hetzte er Sympathisanten dazu auf, Anschläge mit alltäglichen und kaum zu kontrollierten Werkzeugen zu begehen. Sprengstoff und Kugeln wurden durch Messer und Lastwagen ersetzt. Der IS bekannte sich auch zum Anschlag auf dem Breitscheidplatz.

Amri galt in Italien als „Gefährder“

Der Tunesier Anis Amri nutzte die Wirren des Arabischen Frühlings 2011 zur Flucht nach Europa. Er fiel den Behörden bereits in Italien als „Gefährder“ auf. Amri zog weiter nach Deutschland und beantragte 2015 zunächst in Freiburg, dann auch an anderen Orten Asyl. Er benutzte dafür unterschiedliche Identitäten. Auf die Ablehnung seines Antrags im Juni 2016 folgte keine Abschiebung, weil Passersatzpapiere fehlten. Den deutschen Behörden waren seine Kontakte zu salafistischen Kreisen bekannt.

Ein 2018 eingesetzter Bundestagsuntersuchungsausschuss monierte im 2021 veröffentlichten Abschlussbericht Mängel beim Informationsaustausch zwischen Behörden und einen zu wenig koordinierten Umgang mit Gefährdern. Versäumnisse im Umgang mit Amri hätten für sich genommen nicht schwer gewogen, im Zusammenspiel aber schon. Sicherheitsbehörden erhielten nach dem Anschlag mehr Mittel, Staatsanwälte konnten nun verschiedene Verfahren gegen Gefährder in eine Hand nehmen. Die Gedenkstätte an der Gedächtniskirche für die Opfer vom 19. Dezember 2016 gibt es seit 2017. Eine weitere Tragödie hat sich nun in unmittelbarer Nachbarschaft abgespielt.