Ermittler Andreas Winkelmann fährt selbst gerne Auto. Er sagt, junge Leute können heute ganz einfach an hochmotorisierte Fahrzeuge mit 500 und mehr PS kommen. Dabei wäre es einfach, dies zu verhindern.
Foto: Volkmar Otto

Berlin Am Abend des 30. August knallte ein hochmotorisierter BMW bei einem sogenannten Stechen in einen Kleinwagen. Eine Frau und ihre Tochter wurden schwer verletzt. Der mutmaßliche Fahrer wurde am Freitag verhaftet. Der Fall landete zunächst bei Andreas Winkelmann. Der Erste Oberamtsanwalt ist seit Anfang 2018 zuständig für die Bearbeitung verbotener Kraftfahrzeugrennen. 1500 Verfahren verzeichnete er seitdem. Winkelmann erklärt, warum es so viele Stechen in der Stadt gibt, wer die Raser sind und wie man illegale Rennen stoppen könnte.

Berliner Zeitung: Herr Winkelmann, wann wurden Sie das letzte Mal geblitzt?

Andreas Winkelmann: Vor zwei Jahren. Da bin ich mit 58 Kilometer pro Stunde erwischt worden. Erlaubt waren 50. Ich bin eigentlich nicht der Schnellfahrer, eher jemand, der für andere zu langsam unterwegs ist. Meine Frau schimpft deswegen immer mit mir.

Und wie sieht es mit Punkten in Flensburg aus?

Als junger Kerl bin ich mal bei Rot über eine Ampel gefahren. Ein Polizist hat das gesehen. Das machte drei Punkte, die einzigen, die ich je bekommen habe.

Sie sind also fast vorbildlich. Wie lange fahren Sie schon Auto?

Seit 1983.

Damals waren Sie 18 Jahre jung. Wollten Sie auch ein schnelles Auto fahren?

Ich war genauso verrückt wie die Jungs heute und meinte, dass ich eine tolle Karre haben müsste.

Was war das für ein Gefährt?

Ein Golf 1. Den habe ich zusammen mit meinem Vater, der KfZ-Schlosser ist, perlmuttweiß lackiert. Dann kam ein Spoiler dran und all so ein Quatsch, den man natürlich nicht braucht.

Sind Sie mit dem Auto Rennen gefahren?

(lacht) Das konnte man gar nicht mit so einem Wagen, der 50 PS hatte. Der war wie ein Rasenmäher, fuhr höchsten 140 Kilometer pro Stunde – und das auch nur bergab und mit angelegten Ohren. Da hat man gar nicht daran gedacht, Rennen zu fahren. Das ist der Unterschied zu heute.

Wie meinen Sie das?

Die Jungs in diesem Alter können heute in den Besitz von Fahrzeugen kommen, die die zehnfache PS-Zahl von meinem Golf 1 und noch mehr haben. So ein hochmotorisiertes Auto gibt es schon für 200 Euro am Tag.

Wie ist das möglich?

Ganz einfach. Die großen Autovermieter geben zwar solche Fahrzeuge nur an Leute ab, die mindestens 25 Jahre alt sind. Und sie schauen in der Regel auch, wie lange sie schon einen Führerschein haben. Aber es geht auch preiswerter und mit weniger Kontrolle. Tippen Sie nur mal den Mercedes AMG C63 bei Google ein. Der hat 510 PS und ist das von Rasern meist verwendete Fahrzeug. Bei ebay-Kleinanzeigen vermieten kleinere Anbieter solche Fahrzeuge für Hochzeitsfeiern und andere Festivitäten – für relativ wenig Geld. Und diese Vermieter schauen meist nicht aufs Alter oder das Ausstellungsdatum des Führerscheins.

Andreas Winkelmann ist Chef einer Spezialabteilung, die in Fällen von illegalen Autorennen ermittelt. Dabei werden digitale Daten, die aus den Fahrzeugen stammen, immer wichtiger. Entnommen werden sie beispielsweise aus dem Airbagsteuergerät (vorn im Bild). 
Andreas Winkelmann

ist Erster Oberamtsanwalt der Amtsanwaltschaft Berlin. Die Amtsanwaltschaft ist vor allem zuständig bei Ermittlungen zu kleineren Delikten, die am Amtsgericht angeklagt werden und wo die Straferwartung unter vier Jahren Haft liegt. Seit der Gesetzesänderung leitet der 55-Jährige die  Spezialabteilung 31, in der sich insgesamt neun Dezernenten mit den Ermittlungen zu illegalen Autorennen und Alleinrasern befassen. Die Gesetzesänderung trat mit dem neuen Paragrafen 315 d am 13. Oktober 2017 in Kraft. Er sieht, wenn der Tod eines Menschen verursacht wird, eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren vor. 

Geht das wirklich so einfach?

Ich zeige es Ihnen. Schauen Sie (zeigt auf seinen Bildschirm), hier kostet ein AMG C63 nur 149 Euro pro Tag. Den können Sie mieten, ich zitiere, egal für welche Feste oder einfach nur zum Cruisen.

Aber das Angebot stammt aus Rüsselsheim.

In Berlin gibt es ähnliche Schnäppchen: In Steglitz wird das Auto für 199 Euro angeboten.

Viel Geld für einen 18-Jährigen.

Nicht, wenn drei junge Männer zusammenlegen. Sie zahlen dann noch die Kaution, die sie zurückbekommen, und los geht es. Jeder darf mal ans Steuer. Und wenn sie dann auf Gleichgesinnte treffen, dann endet die Fahrt oftmals in einem verbotenen Autorennen.

Passiert so etwas häufig in Berlin?

Leider ja, obwohl verbotene Autorennen keine Ordnungswidrigkeit mehr sind und die Täter nicht mehr nur mit 500 Euro und einem Monat Fahrverbot davonkommen – wenn nichts passiert ist. Das Gesetz wurde nach dem sogenannten Kudamm-Raser-Fall, bei dem ein unbeteiligter Autofahrer starb, geändert. Seit dem 13. Oktober 2017 sind solche Rennen Straftaten, die, wenn sie glimpflich verlaufen, mit Geldstrafen oder Freiheitsentzug von bis zu zwei Jahren geahndet werden können. Das gilt übrigens auch, wenn jemand allein rast. Seitdem haben wir in Berlin 1500 Verfahren gegen bekannte und unbekannte Täter geführt.

Gibt es einen aktuellen Fall?

Die gibt es viele. Gerade habe ich die Anklage gegen einen 26-jährigen Mann vertreten, der sich im Januar, ohne einen Führerschein zu haben, das Fahrzeug seiner Verlobten geschnappt hat. Er ist Polizisten in Marzahn aufgefallen, weil er bei Rot über die Kreuzung fuhr. Sie haben ihn gestoppt und zur Rede stellen wollen. In dem Moment hat der junge Mann Gas gegeben und ist wie ein Verrückter davongerast. Die Verfolgungsfahrt dauerte zehn Minuten, in denen der Mann weitere rote Ampeln überfuhr – aber richtig mit Vollgas. Andere Verkehrsteilnehmer konnten ausweichen oder blieben stehen, weil sie durch Blaulicht und Martinshorn aufmerksam geworden waren.

Wie schnell war der Mann unterwegs?

Die rasante Fahrt ging über rund zehn Kilometer. Der Sachverständige hat eine Höchstgeschwindigkeit von 137 Kilometer pro Stunde errechnet. In einer 30er-Zone, vor einer Schule, war es Tempo 125. Der Täter konnte flüchten, das Auto wurde später verlassen aufgefunden.

Aber der Fahrer konnte ermittelt werden, sonst hätte er nicht vor Gericht gestanden.

Die Ermittler haben sich das Facebookprofil der Fahrzeughalterin angeschaut. Dort war das Liebesglück der Frau veröffentlicht. Der eine Beamte hat den Fahrer auf den Fotos sofort wiedererkannt.

Und wie ging das Verfahren aus?

Der Angeklagte hat bestritten, am Steuer gesessen zu haben. Seine Freundin gab an, es sei möglich, dass sie den Schlüssel verloren habe. Der Angeklagte ist trotzdem zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt worden. Er war zwar verkehrsrechtlich noch nicht aufgefallen, aber bei diesen vielen Rotlichtverstößen und dem hohen Tempo war eine Freiheitsstrafe unerlässlich. Ich habe zudem noch eine Geldauflage von 2000 Euro, 120 Stunden gemeinnützige Arbeit, eine Führerscheinsperre für drei Jahre und eine Bewährungszeit von drei Jahren gefordert. Bis auf die Geldauflage ist das Gericht meinem Antrag gefolgt.

Es gibt oft Bewährungsstrafen für Raser, oder?

Nein, ich hatte erst kürzlich einen Fall, da ist der Täter zu zwei Jahren Haft verurteilt worden – ohne Bewährung. Er ist auf der Flucht vor der Polizei binnen fünf Mintuen über zwölf rote Ampeln gebrettert. Mit Tempo 130. Und das mitten am Tag in der Nähe des Ernst-Reuter-Platzes. Zu dieser Zeit waren eine Menge Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer unterwegs. Es ist ein Glück, dass nichts passiert ist.

Die Strafandrohung für Teilnehmer verbotener Autorennen aber auch Alleinraser liegt seit dem neuen Gesetz höher als bei Trunkenheitsfahrten, bei denen nichts passiert. Warum?

Der Gesetzgeber sagt, dass Rasen im Straßenverkehr gefährlicher ist als Alkohol. Es hört sich jetzt komisch an: Aber ein Fahrer, der getrunken hat, will meist nur nach Hause. Ein Raser aber, der mit einem anderen konkurriert oder einfach nur vor der Polizei abhauen will und bei Tempo 150 die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert, sitzt in einem Geschoss, das mit 1,5 Tonnen unkontrolliert durch die Gegend segelt und unheimlich viel Leid anrichten kann.

Alkohol am Steuer ist aber auch gefährlich.

Das bestreitet ich auch nicht. Aber bei einem alkoholisierten Fahrer dient das Auto immer noch als Fortbewegungsmittel. Das wird beim verbotenen Autorennen in den Hintergrund gestellt.

Was steht im Vordergrund?

Der Teilnehmer an einem Stechen will sich präsentieren, zeigen, was er für ein toller Hecht ist. Das ist wie Bankdrücken auf der Straße, der Fahrer will protzen. Am liebsten würden die Täter ihre rasante Fahrt noch auf YouTube oder Instagram posten, um viele Follower zu bekommen. Das hat nichts mit Fortbewegen zu tun, sondern einfach nur mit egoistischer Selbstdarstellung.

Einer der beiden sogenannten Kudamm-Raser wurde rechtskräftig wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt und trotzdem werden weiter Rennen gefahren und dabei auch Unbeteiligte verletzt. Ist die Abschreckung gleich null?

Viele junge Leute denken nicht daran, dass sie bei einem Stechen erwischt werden könnten. Die meisten Rennen gehen nur über eine kurze Strecke. Und die Fahrer gehen davon aus, dass bei diesen wenigen Sekunden schon nichts passieren wird. Sie dürfen auch nicht vergessen: In diesem Land gibt es viel zu viele hochmotorisierte Autos. Die durchschnittliche PS-Zahl bei neu zugelassenen Fahrzeugen steigt seit 1990 und liegt heute bei 150 PS. Sie können sich mittlerweile in Autos setzen, die 600, 700 PS haben und für den Straßenverkehr zugelassen sind.

Warum sind solche Fahrzeuge in der Stadt erlaubt?

Weil es einen Markt dafür gibt. Dabei steht so ein Auto in der Stadt genauso im Stau, wie ein Fiat 500. Ein solch dickes Fahrzeug in der Stadt zu fahren, ist völlig idiotisch.

Wer sind eigentlich diese Raser, die sich verbotene Autorennen liefern?

Meist junge Männer zwischen 20 und 35 Jahren. Viele der Täter haben türkische, arabische oder serbokroatische Wurzeln. Die Rennen finden meist nachts und meist am Wochenende statt.

Und warum treten diese jungen Männer das Gaspedal durch?

Weil sie zeigen wollen, wer sie sind und was sie können. Sie wollen beweisen, dass sie mit einem hochmotorisierten Auto umgehen können, was oftmals nicht so richtig klappt. Das PS-starke Auto ist in ihren Augen ein Statussymbol, ein Ersatz für fehlendes Selbstwertgefühl.

Was geschieht mit Tätern, die erwischt werden?

Viele von ihnen sind Ersttäter. Und wenn bei dem Rennen nichts und niemand Schaden genommen hat, kommen sie in der Regel mit einer Geldstrafe davon. Sie werden hier am Amtsgericht zu 70, 80 oder 90 Tagessätzen verurteilt. Das sind in der Regel drei Nettoeinkommen. Und die Polizei darf nach solchen Rennen den Führerschein beschlagnahmen und auch Autos als Beweismittel sicherstellen oder sogar einziehen. Und das tut den Rasern richtig weh.

Warum?

Der Führerschein ist ihnen heilig. Es geht viel Zeit ins Land, bis sie den wieder haben. Und wenn dann auch noch das Auto weg ist, dann kann es richtig teuer werden. Sie müssen bedenken: Mehr als die Hälfte der Wagen, die wir bei Rennen einziehen, sind Mietfahrzeuge. Es dauert, wenn geschaut werden muss, welche digitalen Beweismittel aus dem Auto ausgewertet werden können. Dann geht so ein hochmotorisiertes Auto, das nur für einen Tag gemietet wurde, wahrlich ins Geld. Denn der Mietzins muss schließlich Tag für Tag weitergezahlt werden.

Ich dachte, die beschlagnahmten Autos werden versteigert?

Wenn der Wagen nicht dem Täter gehört, geht das nicht.

Das heißt, die eigenen Fahrzeuge kommen unter den Hammer?

Jedenfalls alte und nicht so teure Wagen. Das haben wir schon dreimal praktiziert. Das Geld fließt dann in die Landeskasse. Anders ist das bei teuren Wagen. Wenn jemand zu 4500 Euro Geldstrafe verurteilt wurde, und er auch noch Ersttäter ist, können wir seinen 50.000 Euro teuren Wagen nicht einfach versteigern. Das würde zwar wehtun, wäre aber unverhältnismäßig.

Dann bekommt der Raser seinen teuren Wagen also zurück?

Nein. Wir gehen neue Wege. Es gibt im Strafgesetzbuch die sogenannte Einziehung unter Vorbehalt. Das heißt, der Angeklagte kann im Urteil angewiesen werden, sein Auto zu einem Mindestverkaufspreis zu veräußern und der Landeskasse von dem Verkaufserlös etwas zu zahlen. Ich sage mal: 5000 Euro. So bekommen wir die Wagen aus der Szene. Und dieser Täter kann sich später, wenn er wieder fahren darf, mit diesem Auto keine Stechen mehr liefern.

So etwas geht?

Wir sind gerade dabei, die Richterschaft zu überzeugen, dass das ein gangbarer Weg ist. Es ist juristisches Neuland, aber es gibt schon mehrere solcher Verurteilungen, die derzeit aber noch in der Berufung sind.

Nehmen wir an, der verurteilte Raser verkauft seinen 50.000-Euro-Wagen und muss vom Erlös 5000 Euro abgeben. Dann kann er sich vom übrigen Geld immer noch ein schnelles Auto kaufen.

Das werden wir nicht verhindern können. Aber die 5000 Euro muss er zahlen.

Wie viele Raser wurden denn seit dem 13. Oktober 2017 strafrechtlich belangt?

Es gibt seitdem 300 rechtskräftige Verurteilungen.

Und haben Sie schon den einen oder anderen Teilnehmer verbotener Autorennen zweimal gesehen?

Wiederholungstäter sind eher selten.

Es heißt doch, wer einmal in der Raserszene ist, der kommt schwer wieder heraus.

Wir haben in Berlin keine echte Raserszene wie in Hamburg oder Dortmund. Es gibt ein paar Special places, wo Stechen gefahren werden. Am Flughafen Tegel etwa. Auf dem dortigen Kurt-Schumacher-Damm fahren verstärkt Motorräder Rennen. Es gibt auch andere Strecken, wo junge Fahrer in schnellen Wagen gegeneinander fahren.

Wo denn?

Es sind immer gerade, zweispurige Strecken: auf dem Adlergestell, auf der Heerstraße und dem Kurfürstendamm. Auch die Yorckstraße fällt immer wieder auf mit ihrer Verlängerung – dem Mehringdamm.

Wenn die Strecken bekannt sind, warum werden sie nicht einfach befriedet, etwa mit Bodenwellen?

Bodenwellen sind sicherlich eine Möglichkeit. Aber damit müsste dann der ganze Ku’damm oder das gesamte Adlergestell ausgestattet werden. Wenn es aber keinen Spaß mehr macht, dort ordentlich zu brettern, dann weicht man einfach auf andere Straßen aus. Das ist wie mit den Dealern im Görlitzer Park. Taucht die Polizei auf, werden die Drogen einfach fünf Meter weiter verkauft.

Das hört sich wie ein nicht zu lösendes Problem an.

Ist es aber nicht, man muss eigentlich nur dafür sorgen, dass potenzielle Raser erst gar nicht an so ein hochmotorisiertes Auto herankommen.

Sie hören sich an, als hätten Sie eine Idee.

Ich denke an Stufenführerscheine. Die gibt es fürs Motorrad seit Jahr und Tag. Motorradfahrer dürfen leistungsmäßig unbegrenzte Maschinen erst dann fahren, wenn sie Erfahrung haben. Warum sollte das nicht auch für Autos funktionieren, warum darf der Fahranfänger zunächst nicht nur einen 75-PS-Wagen fahren und erst fünf Jahre später ein höher motorisiertes Fahrzeug? So etwas könnte man mit Klassen regeln, die in den Führerscheinen eingetragen werden. Damit kann ich natürlich nicht verhindern, dass der große Bruder anmarschiert, den 500-PS-Wagen mietet und dem Jüngeren überlässt. Aber dann würde sich auch der Bruder strafbar machen. Möglich wäre auch, den Motor zu drosseln. Volvo macht das für alle neuen Fahrzeuge.

Das klingt sehr einfach. Warum wird das nicht umgesetzt?

Weil der politische Wille fehlt. Führerscheinrecht ist Europarecht.

Müssen Sie sich bei Ihren Ermittlungen eigentlich nur auf Zeugen verlassen?

Zeugenaussagen können sehr schwierig sein. Weil die Fähigkeit, Geschwindigkeiten richtig einzuschätzen, bei Zeugen sehr unterschiedlich ist. Der eine Zeuge sagt, das Auto wäre 50 gefahren, der andere meint, es wären gefühlte 100 Kilometer pro Stunde gewesen. Ein Richter wird eine Verurteilung aber niemals auf ein Gefühl stützen. Deswegen gehen wir von klassischen Beweisen wie der Zeugenaussage weg und versuchen, technische Beweismittel zu finden.

Was sind technische Beweismittel?

Moderne Fahrzeuge haben eine Vielzahl von Steuerelementen, mit denen man das Fahrverhalten sehr genau nachvollziehen kann. Da gibt es beispielsweise den Event Data Recorder, eine Art Blackbox. Die digitalen Daten daraus wurden erstmals in dem Kudammraser-Fall verwendet. Sie zeigen, wie schnell ein Auto unterwegs war, wann der Fahrer Vollgas gegeben oder gebremst hat.

Sie haben das Auto einmal als Wundertüte bezeichnet.

So ist es, es gibt nämlich neben dem Event Data Recorder noch weitere schöne Sachen. Zum Beispiel werden bei hochmotorisierten Autos über GPS-Tracker im Abstand weniger Sekunden Daten an Satelliten geschickt, damit der Vermieter immer weiß, wo sein teures Fahrzeug steckt. Mit diesen Daten können wir Rasern vorrechnen, wie schnell sie zwischen zwei Punkten unterwegs waren. Aber es gibt auch sogenannte Crash-Botschaften, die in der Bordelektronik gespeichert werden.

Und was können Sie diesen Botschaften entnehmen?

Wann das Auto gezündet wurde. Und im Sekundentakt sehen wir die gefahrene Geschwindigkeit.

Haben Sie solche Daten schon einmal verwendet?

Aber sicher. Im April 2018 gab es beispielsweise eine rasante Fahrt eines Autofahrers im Tiergarten-Tunnel, die an der Tunnelwand endete. Das 40.000 Euro teure Auto war Schrott. Durch die Crash-Botschaften konnten wir schnell ermitteln, dass der Wagen mit 115 Kilometer pro Stunde und damit viel zu schnell unterwegs war. Solche Daten werden übrigens auch in einem aktuellen Fall ausgelesen. Am 30. August knallte ein BMW 750i auf dem Kudamm in einen Kleinwagen. Der Fahrer des 500-PS-Autos hatte vermutlich an einem Autorennen teilgenommen. Bei dem Crash wurden die Insassen des Kleinwagens, eine Mutter und ihre Tochter, schwer verletzt. Das Auto des Unfallverursachers war ein Mietwagen.

Der Fall sorgte für Schlagzeilen. Können Sie etwas zum Stand der Ermittlungen sagen?

Leider nein, weil es ein laufendes Verfahren der Staatsanwaltschaft ist. Nur soviel: Der mutmaßliche Fahrer wurde am Freitag verhaftet, dem Mädchen geht es besser, der Zustand der Frau ist immer noch kritisch.

Hatten Sie mit dem Fall zu tun?

Ich habe zwei Wochen lang nur an diesem Fall gearbeitet. Bis klar war, das ist nichts für die Amtsanwaltschaft. Wir dürfen nur beim Amtsgericht anklagen, das heißt, die Straferwartung liegt unter vier Jahren. Wenn der Rahmen höher gesteckt wird, geht das Verfahren an die Staatsanwaltschaft und vielleicht zum Landgericht. Und das könnte hier der Fall sein.