Berlin - Montagmorgen, 9 Uhr, Amtsgericht Tiergarten, Raum 4107. Herr S., 80 Jahre alt, wohnhaft in Berlin-Charlottenburg, ist angeklagt, eine Radfahrerin fahrlässig getötet zu haben.

Herr S., Rentner, keine Kinder, nicht verheiratet, trägt Turnschuhe, schwarze Hose, weißes Hemd, beigefarbene Jacke, er ist klein und dünn, fast schmächtig, sein Haar ist voll und rotbraun. Er sieht nicht aus wie 80, nur sein Gesicht verrät sein Alter, die Haut wie Pergament, durchzogen von Linien, an den Schläfen treten seine Adern hervor.

Er nimmt Platz, neben ihm sitzt sein Verteidiger.

Auf der anderen Seite des Raumes die Nebenklägerin, die Schwester der getöteten Radfahrerin, ebenfalls mit ihrem Anwalt. Außerdem noch: ein Sachverständiger.

Vier Stunden wird es dauern, bis das Gericht darüber urteilt, was an einem Sommertag vor zwei Jahren geschah. Warum in einer Situation, die es wohl jeden Tag tausendfach auf Berlins Straßen gibt, ein Mensch starb. Und ein anderer einen Menschen getötet hatte. In der die Angst der Radfahrer, die sich tagtäglich durch die Stadt bewegen, und auch die Angst der Autofahrer plötzlich real wurden.

Welche Schuld hat Herr S.?

Am 10. Juli 2019 gegen 17.40 Uhr fuhr Herr S. in einem kobaltblauen VW Touran durch die Charlottenburger Schillerstraße Richtung Westen. Als er links in die Krumme Straße abbog, stieß er mit Frau L. zusammen, die ihm entgegenkam, und überrollte sie.

Frau L. verstarb noch am Unfallort. Sie war 55 Jahre alt. Sie trug eine weiße Bluse aus leichtem Stoff, einen Rock und rote geschnürte Schuhe. In ihrem Fahrradkorb lag ein kleiner schwarzer Rucksack. Sie war 1,67 Meter groß und 94 Kilo schwer. Das ist alles, was man in diesem Prozess über Frau L. erfahren wird.

Um sie, das Opfer, geht es nicht an diesem Tag, sondern um die Frage: Welche Schuld hat Herr S.? Hätte er ihren Tod vermeiden können? Oder war es ein Unfall, tragisch, aber unausweichlich?

Der Verteidiger ergreift zuerst das Wort: „Ich kenne Herrn S. seit Jahrzehnten, er ist ein scheuer, sehr sensibler Mensch und ungemein traurig über das, was passiert ist. Er fährt seit 60 Jahren Auto, bisher komplett unauffällig, er ist ein sehr zurückhaltender Fahrer.“

„Wissen Sie noch, mit welcher Geschwindigkeit Sie fuhren, als Sie mit Frau L. zusammenstießen?“, fragt der Richter.

„Acht km/h“, sagt Herr S.

Berliner Zeitung/Markus Wächter 
Der Unfall zwischen Frau L. und Herrn S. passierte mitten im verkehrsberuhigten Bereich.

Die Schillerstraße verläuft parallel zur Bismarckstraße, auf Höhe der Deutschen Oper kreuzt sie die Krumme Straße, eine Spielstraße. Der gesamte Kiez, den die Bewohner Karl-August-Kiez nennen, nach dem Platz, der in seiner Mitte liegt, ist verkehrsberuhigt, es gilt Schrittgeschwindigkeit oder Tempo 30.

Trotzdem nutzen ihn viele Autofahrer als Schleichweg zur Kantstraße, wo ein großes Einkaufszentrum mit Parkhaus liegt. Die Straßen sind eng und unübersichtlich, Autos parken ein und aus, Lieferwagen halten in der zweiten Reihe, dazwischen Lastenräder, Fahrräder, Kitakinder, Alte mit Rollator.

Es ist einer dieser Kieze, in denen man spürt, wie voll es auf Berlins Straßen geworden ist. Und immer wieder endet der tägliche Kampf um Platz tödlich. In dem Jahr, in dem Frau L. starb, wurden sieben Radfahrer im Berliner Verkehr getötet. 2020 waren es 19, in diesem Jahr sind es bereits fünf.

Der Verteidiger sagt: „Herr S. hat mir erzählt, er sei ganz vorsichtig auf die Kreuzung gefahren.“ Herr S. nickt. „Ja, da liegt ja auch eine Kita, da muss man sowieso immer langsam fahren.“ Er muss fast jeden Tag durch den Karl-August-Kiez, wohnt gleich um die Ecke, hat einen Geschäftspartner hier, den er oft besucht, sagt er, so wie an diesem Tag.

„Es war am späten Nachmittag, die Sonne stand sehr tief“, fährt der Verteidiger fort. „Herr S. wurde geblendet und sah schlecht, er spürte nur ein Ruckeln und hat angehalten. Er hat nichts wahrgenommen.“

„Als Sie aus dem Wagen ausstiegen, was haben Sie gesehen?“, fragt der Richter.

„Ich habe gar nichts gesehen“, sagt Herr S.

„Gar nichts? Auch nicht das Fahrrad?“

„Doch, das lag vor dem Auto.“

„Die Dame haben Sie nicht gesehen?“

„Nein, überhaupt nicht.“

„Tragen Sie eine Brille?“

„Nein.“

Sie wollte recht haben. Deshalb sterben so viele Radfahrer.

Zeuge

Der erste Zeuge ist ein Taxifahrer, 70 Jahre alt, der Schnauzer schon weiß. Aber im Gegensatz zu Herrn S. hat er Frau L. gesehen. „Sie hat ja geschrien“, sagt er. Und er macht das jetzt vor: „Halt! Halt! Halt!“ Ganz laut, sagt der Taxifahrer. „Deswegen bin ich wach geworden.“ Sie sei auf dem Bürgersteig gefahren. „Sie konnte anhalten, ist sie aber nicht. Ich dachte, was macht sie? Bumms! Ist es passiert.“ Der Taxifahrer sieht ratlos aus. 

„Wie schnell war die Radfahrerin denn?“

„Schnell, so schnell wie möglich. Sie ist absichtlich auf die Straße gefahren. Sie wollte recht haben. Deshalb sterben so viele Radfahrer.“

„Hatte sie denn recht?“

„Sie hatte recht, aber auch unrecht. Sie ist auf dem Bürgersteig gefahren, erstens. Und zweitens hätte sie anhalten können.“

„Hatte sie einen Helm auf?“

„Nein, sie hatte helle Haare, aber keinen Helm.“

Dann erzählt der Taxifahrer noch, wie er ausstieg, den Wagenheber aus seinem Kofferraum holte und Frau L. zur Hilfe eilte. Die letzte Frage stellt der Sachverständige: „Haben Sie eine Blendung durch die Sonne wahrgenommen?“ Der Taxifahrer schüttelt den Kopf.

Das Auto hob und senkte sich

Herr Dr. N., 68 Jahre alt, Ruheständler, trägt eine ockerfarbene Cordhose und ein zerknittertes Jackett. Er sei die Schillerstraße auf dem Fahrrad entlanggefahren, aus der gleichen Richtung wie Frau L., er sei selbst gerade damit beschäftigt gewesen, einem Autofahrer auszuweichen. „Dann hörte ich drei Schreie, die sich steigerten, am Schluss war es ein Ausdruck des Entsetzens, erst da schaute ich nach vorn.“ Da bog Herr S. schon links ab.

„Ich sah noch, wie das Auto sich hob, sich dann senkte und zum Stehen kam. Es waren sofort viele Leute da, ich blieb abseits und zeigte der Polizei den Unfall fernmündlich an.“

„Was war Ihr erster Anblick vor Ort?“, will der Richter wissen.

„Ein Mensch lag unter dem Fahrzeug“, antwortet Dr. N., „der beschuhte Fuß ragte aus der linken Seite heraus.“

Er habe natürlich versucht, sich das alles zu erklären, sagt Dr. N. „Aber ich konnte den Vorgang nicht schlüssig rekonstruieren.“ Wie die Frau unter das Auto geraten konnte, das doch nur gerollt war, „und weiß Gott nicht schnell“, warum das Fahrrad ganz woanders lag. „Da sind nur unzuverlässige Filmschnipsel“, sagt Dr. N. und sieht dabei recht unglücklich aus. „Ich habe mich noch auf die Suche nach einem Wagenheber begeben, aber ein Taxifahrer sagte mir, man habe bereits einen.“

Ob die Sonne an jenem späten Nachmittag stark blendete, könne er nicht sagen, er kam schließlich von Westen. Die Sonne hatte er im Rücken.

An was erinnern sich die Zeugen zwei Jahre nach dem Unfall?

Wie gut sich Menschen an etwas erinnern, hängt davon ab, wie einzigartig das Geschehen war, ob es viele Details gab, die sich eingeprägt haben. Schon das aber ist ein hoch subjektiver Prozess: Was man wahrnimmt, wie man es einordnet, hat viel mit einem selbst zu tun. Was geschieht, wird interpretiert und gewertet. Erinnerungen können sich verändern; wenn sie abgerufen werden, werden sie mit neuen Informationen verknüpft. An was erinnert sich ein Zeuge, zwei Jahre nach einem Unfall?

Herr A. ist 39 Jahre alt, ein großer Mann in kurzen Jogginghosen und T-Shirt. Er saß in seinem VW-Bus, hinter dem Taxifahrer, hinter Herrn S. „Ich habe die Fahrradfahrerin schon von Weitem gesehen und mich gefragt: Warum bleibt sie nicht stehen?“ Der Wagen von Herrn S. sei schon angefahren. „Wenn ich ein Auto sehe, das rollt, bleibe ich doch stehen. Ich bin ja selbst Radfahrer, ich habe ein Mountainbike, ich fahre gerne schnell, den Teufelsberg runter.“

„Wo haben Sie die Radfahrerin denn gesehen?“ Der Richter winkt Herrn A. nach vorne, zeigt ihm Bilder, eine Karte, lässt ihn Büroklammern darauf verteilen, wo war er, wo das Auto von Herrn S., wo Frau L.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Aus dieser Richtung näherte sich Frau L. der Kreuzung. Fuhr sie auf dem Gehweg?

„Sie war nicht auf dem Gehweg, sie war auf der Straße“, sagt Herr A. „Stimmt, sie muss auf der Straße gewesen sein, sonst hätte ich sie ja nicht so gut gesehen. Jetzt bin ich ganz durcheinander. Vielleicht war sie doch auf dem Gehweg.“

„Das können Sie nicht ausschließen?“

„Nein.“

So geht es eine Weile, Herrn A. fallen immer neue Dinge ein. Frau L. sei stehen geblieben, nachdem sie mit Herrn S. zusammengestoßen war. „Der hat sie nur ganz wenig getroffen, ich weiß, Radfahrer haben immer recht, aber sie hätte einfach absteigen und weggehen können, sie hat laut geschrien, sie wollte unbedingt weiter.“ Herr S. habe dann Vollgas gegeben. „Vielleicht hat er Gas und Bremse verwechselt, so sah das für mich aus.“

Das war für mich wie ein Alptraum.

Herr A., Zeuge

Herr A. sieht erschöpft aus. „Wissen Sie, ich war ja ganz nah dran. Das war für mich wie ein Albtraum gewesen, ich konnte ein paar Tage nicht schlafen. Ich habe noch versucht, das Auto mit den Händen zu heben, damit sie Luft bekommt.“ Zum Abschied wünscht Herr A.: „Frohes Schaffen.“

Die Schwester von Frau L. ist da schon lange nicht mehr im Raum. Eine Weile hatte sie neben ihrem Anwalt gesessen, die Augen rot, die Lippen aufeinandergepresst. Dann ist sie rausgegangen. Deshalb hört sie auch nicht, wie Frau R., eine Flugbegleiterin im Sommerkleid, erzählt, dass das Auto von Herrn S. sich „ganz langsam hob und ganz langsam wieder senkte“.

Die Schwester sieht nicht, wie Herr U., der mit seinem Hund Gassi ging, eine Wellenbewegung macht mit der Hand, um das zu beschreiben.

Sie hört nicht, wie der Richter aus dem Bericht der Gerichtsmedizin vorliest: stumpf schürfende Verletzungen an Armen und Beinen, stumpfe Verletzungen am Kopf, Brüche im Rumpf, Becken und im Arm, ein Brustkorbniederbruch mit Durchspießung des Rippenfells, Punktblutungen in Auge und Mund. Todesursache: Ersticken bei mechanischer Brustkorbkompression.

Wie konnte Herr S. Frau L. so schwer verletzen?

Es ist der Sachverständige, der am Ende erklären kann, warum Herr S., der doch Schrittgeschwindigkeit fuhr, Frau L. so schwer verletzen konnte: Als die beiden zusammenstießen, verhakte sich der Korb, den sie auf dem Gepäckträger befestigt hatte, am Kühlergrill, dadurch fiel erst das Rad und dann Frau L. „Der Korb“, sagt der Sachverständige, „hat wie eine Rampe gewirkt.“ In diesem Moment muss Herr S. noch einmal Gas gegeben haben. „Eine Verkettung unglücklicher Umstände.“

Hätte Herr S. also nichts tun können? Der Sachverständige rechnet vor: mögliche Geschwindigkeiten von Radfahrerin und Auto, Reaktionszeit des Fahrers, Bremsweg. Er kommt dann auf zwei Varianten. In der einen hätte Herr S. Frau L. rechtzeitig gesehen und gebremst, dann hätte der Unfall vermieden werden können.

In der zweiten bremst er erst, als sie schon auf die Straße fährt, dann hätte er sie leicht getroffen, aber nicht überrollt. Doch Herr L. gab Gas. „Und selbstverständlich hätte die Radfahrerin die Kollision verhindern können“, sagt der Sachverständige. „Sie hätte einfach anhalten können.“

Es ist 13 Uhr, als sich das Gericht zurückzieht, um das Urteil zu beraten. Es dauert nur fünf Minuten.

Der Richter spricht das Urteil

„Wir haben heute leider ein typisches Geschehen im Straßenverkehr verhandelt, das wir aufgrund unseres Willens, mit motorisierten Fahrzeugen zu fahren, immer wieder in Berlin vor Gericht haben“, sagt der Richter. Er redet schnell, routiniert. Ein Verfahren wie dieses ist sein Alltag. „Die Schwächeren ziehen in der Regel den Kürzeren.“ Und dann heiße es: Irgendeiner muss doch schuld sein.

„Im Nachhinein“, sagt der Richter, „ist das immer leicht zu sehen, aber in dem Moment geht es unglaublich schnell, der Optimalfahrer kann einen Unfall oft verhindern, der Mensch meistens nicht.“

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Mahnmal für eine tote Radfahrerin.

Was am Ende zählt: Herr S. bog ab, obwohl, wie er sagt, die Sonne ihn blendete. Es reichte nicht, dass er langsam fuhr, er hätte noch langsamer fahren müssen, bis er wieder hätte sehen können. „Für ein paar Sekunden waren Sie wie im Blindflug“, sagt der Richter. Ein paar Sekunden, die dazu führten, dass Frau L. starb.

Herr S. wird wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je 50 Euro verurteilt.

Die Bewohner des Karl-August-Kiez haben nach dem Unfall eine Bürgerinitiative für mehr Verkehrssicherheit im Kiez gegründet. Anfang des Jahres wurden Poller in die Krumme Straße eingelassen, um Autofahrern den Schleichweg abzuschneiden.

An der Kreuzung zur Schillerstraße erinnert ein weiß lackiertes Fahrrad an Frau L.