Ein Baum aus dem Katalog

Die Auswahl der Weihnachtstanne war früher ein Highlight im Advent. Inzwischen gibt es auch dafür Lieferdienste. Das hat nicht nur Nachteile.

Der Verkauf heimischer Weihnachtsbäume hat längst begonnen.
Der Verkauf heimischer Weihnachtsbäume hat längst begonnen.dpa

Weihnachten ist eine zwiespältige Sache. Klar, es ist das Fest der Liebe und so. Trotzdem sind in der Vorweihnachtszeit (und mitunter noch an den Feiertagen und „zwischen den Jahren“) bekanntlich viele Menschen ganz fürchterlich gestresst. Warum, kann niemand so genau sagen, denn so wirklich überraschend kommt das Fest der Feste ja nun auch nicht. Trotzdem treibt die Leute jedes Jahr aufs Neue eine Hektik um, dass man schon fast meinen könnte, auch sie sei Teil der Tradition.

Wer Stress reduzieren möchte und willens ist, kann versuchen, Verantwortlichkeiten auszulagern und Aufgaben zu delegieren. Aus Weihnachtskomödien sind uns Chefs bekannt, die ihre Sekretärinnen mit der Beschaffung von Geschenken für die Familie beauftragen – aber in solch einer elitären Position sind wohl die wenigsten von uns. Wie praktisch, dass nun immerhin der Weihnachtsbaum wie von selbst seinen Weg in die gute Stube findet. Eines der Lieferunternehmen, deren Fahrerinnen und Fahrer sonst in kubischen Rucksäcken Essen ausliefern, übernimmt jetzt auch die Fracht der Tanne. Online bestellen, Zeitfenster auswählen, fertig. Für Schnäppchenjäger eignet sich das Angebot weniger: Die Preise liegen zwischen 59 und 94 Euro, die Zustellung ist dafür inbegriffen.

„Ist dir klar, dass es in der modernen Gesellschaft nicht mehr nötig ist, das Haus zu verlassen?“, sagt der von Liebeskummer geplagte und seit Tagen nicht vor die Tür gegangene Protagonist in einer Komödie aus dem Jahr 1992. Wäre seine Begeisterung 30 Jahre später wohl immer noch so groß angesichts des „Fortschritts“, sogar den Weihnachtsbaum outzusourcen? Ein Baum aus dem Katalog, wo bleibt das sinnliche Moment, das Besinnliche gar? Es wirkt wie das Abhaken einer lästigen Pflicht. Der Baum? Ja, gehört halt dazu.

Dabei war die Auswahl der Weihnachtstanne in der Kindheit eines der Highlights: Über den eingezäunten Verkaufsplatz schlendern, Bäume begutachten wie ein Förster, die Wuchsrichtungen und Dichte der Äste kalkulieren. Sind die Äste zu weit auseinander, klaffen Lücken, sind sie zu nah beieinander, drohen die Kugeln der oberen auf den Nadeln der unteren Äste aufzuliegen. Und irgendwann kam der Familienrat überein oder entschied wenigstens über Mehrheitsverhältnisse. Erst dann landete der Baum für den Transport im Netz. Die Auswahl des Weihnachtsbaums war ein Brauch, für den man sich Zeit nahm, weil er nicht fehlen durfte.

Wer sich einen Baum liefern lässt, minimiert dagegen wenigstens das Risiko, sich anhören zu müssen, ein unschönes, zu schief gewachsenes oder nadelndes Exemplar besorgt zu haben. So wird der Baumkauf zum Wichteln: Man weiß nicht, was drin ist.