Wie klein sie die mächtigen Altbauten um sich herum wirken lässt. Ein stummer Koloss ist die Zionskirche. Stumm? Auf eine Weise schon, suchen doch viele Menschen Gotteshäuser aus diesem Grund auf, wegen der ihnen eigenen Stille, die anders klingt als die eines Museums oder einer Waldlichtung. Es ist eine Stille, in der noch Orgel und Gesang nachklingen, Gebete in vielen Sprachen der Welt, gemurmelt oder feierlich vorgetragen, hoffnungsvoll und verzweifelt, ungelenk und professionell.

Andererseits berichten diese Gebäude chronistengleich von Jahrhunderten, sie alle, unabhängig von den Göttern und Propheten, die Gläubige in ihnen anzutreffen hoffen. Mit denen sie Zwiesprache halten, als Gemeinde oder allein. Sie berichten von Hochzeiten und Taufen, von Feiertagen und Festen, aber auch von Schrecknis und Zerstörung. Eine der berühmtesten Zeuginnen für das, was Krieg anrichtet, ob in Metropolen, Städten oder im Dorf, ist zweifellos die Gedächtniskirche.

Der verwundete steinerne Körper neben dem hoffnungsvollen Blau des Neubaus ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass man Denkmäler nicht eigens errichten muss. Sicher, auch diese Ruine ist von Menschenhand erbaut. Erbaut durch die vernichtende Kraft von Bomben. „Vergesst nie“, flüstert es aus dem Krater dort oben im Himmel und die glitzernden Hoteltürme scheinen sich für einen kurzen Moment in Demut zu verneigen.

Der Mensch indes vergisst, mal aus Leichtsinn, doch auch zur Stärkung. Sucht den Frieden im Gebet oder wie die Jungen und Mädchen, die Männer und Frauen auf den Bänken rund um die Zionskirche in stillem Tätigsein. Ich sehe einen Bleistift über Papier wandern, einen Finger über die Zeilen eines Taschenbuches. Eine Mutter sitzt tief und verliebt versunken in den Anblick ihres Kindes. Es schläft. Lässt man den Blick über die nachmittägliche Szenerie schweifen, ist man versucht, alles zu vergessen. Das Radio, egal zu welchem Zeitpunkt eingeschaltet, macht dies unmöglich. Und das Internet archiviert wie einst die Zeitungsmagazine und Mikrofiche-Spulen das Geschehen wie Denkmäler aus Daten und Papier.

Auch die Stille, die der virtuelle Raum manchmal ausstrahlt, blendet man das Geschrei in den Kommentarspalten aus, und die der Archive ist eine trügerische. Wie das Schweigen der Kirche eine zweite, entsetzliche Seite hat. Und dennoch: Wie wichtig sind Ruheräume, ganz unabhängig von Traufhöhe, Umgebung und Konfession.