Dimitri Boulgakov (47) war an Corona erkrankt und kämpft noch mit den Nachwirkungen.
Foto: Berliner KURIER/Sabine Gudath

BerlinWenn er Treppen steigt, mit seinen Jungs Fußball spielt oder einem Bus hinterherlaufen muss, muss Dimitri Boulgakov erst einmal nach Luft schnappen. Der 47-jährige Familienvater aus Wilmersdorf war an Covid-19 erkrankt und hat auch vier Monate nach Ausbruch der Krankheit noch immer mit den Spätfolgen zu kämpfen. Seine Lunge ist seitdem nicht mehr voll funktionsfähig und niemand kann ihm genau sagen, wann und ob sich sein Lungenvolumen wieder verbessern wird. Er erzählt der Berliner Zeitung von seinem langen Leidensweg, auf dem er auch die Hilflosigkeit und Überforderung von Ärzten und Behördenmitarbeitern zu spüren bekam.

„Ich war noch nie in meinem Leben so krank wie bei der Infektion mit Corona“, sagt Dimitri Boulgakov rückblickend. Gerade hat er die dritte Arbeitswoche nach seiner mehr als dreimonatigen Arbeitsunfähigkeit hinter sich gebracht und ist noch immer nicht vollständig genesen. Er fühle sich sehr schlapp und müde und habe Mühe, seinen Alltag zu bewältigen.

Als bei dem Berliner Busfahrer am 2. Mai Corona ausbrach, kam er gerade von der Arbeit nach Hause und „hatte plötzlich starke Gliederschmerzen und Schüttelfrost wie bei einer Grippe“. Schon ein paar Wochen zuvor habe er immer wieder unter Halsschmerzen und unter Abgeschlagenheit gelitten und das als harmlose Erkältung eingestuft.

Am nächsten Tag sei er zu Hause geblieben, weil er 39,2 Grad Fieber bekommen habe, und seinen Hausarzt angerufen. „Ich sollte ihm meine Beschwerden schildern, und da hat er mir gesagt, dass es ihm leid tut, er mich aber nicht in seine Praxis kommen lassen kann. Es könnte Corona sein“, erinnert sich Boulgakov. Nach dem Telefonat habe er die Nummer der Corona-Hotline herausgesucht und dort vorgesprochen. Eine Mitarbeiterin habe ihm gesagt, dass er noch heute zu einem Test ins Testzentrum der Charité kommen soll. Es sei unter den starken Schmerzen dorthin gefahren. „Nach zwei Stunden Wartezeit habe ich gedacht, ich muss gleich kollabieren und Druck gemacht, dass ich schneller drankomme“, so Boulgakov.

Bereits am Morgen darauf habe ihn eine Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes telefonisch informiert, dass sein Testergebnis leider positiv sei und er, seine Ehefrau und seine zwei Söhne, 5 und 7, in Quarantäne müssen. 12 Stunden später habe er eine Quarantäne-Anordnung per Post schriftlich bekommen. „In dem Schriftstück stand, dass ich mich zwei Wochen in Quarantäne begeben muss, der Rest meiner Familie sogar 28 Tage lang. Wenn wir uns nicht an die Auflagen halten, müssen wir 25.000 Euro Strafe zahlen“, sagt Boulgakov.

„Ich habe mich noch nie so alleingelassen gefühlt wie in dem Moment. Mir wurde von der Mitarbeiterin des Gesundheitsamts, die jeden Werktag anrief, gesagt, dass wegen der hohen Ansteckungsgefahr kein Arzt zu uns nach Hause kommen kann und ich einen Rettungswagen rufen soll, wenn es mir noch schlechter geht“, sagt er. Zehn Tage lang sei das Fieber trotz Paracetamol nicht gesunken und er habe isoliert von der Familie in einem abgedunkelten Zimmer gelegen, kaum gegessen und geschlafen. „Ich habe nächtelang wach gelegen und gegrübelt, ob ich ein Testament machen soll. Was passiert mit meiner Familie, wenn ich sterbe? Wir haben doch gerade erst ein Haus gekauft und einen Kredit abzuzahlen. Es waren furchbare Gedanken“, sagt Dimitri Boulgakov, der bis heute nicht weiß, wo er sich angesteckt haben könnte. Außer bei der Arbeit oder beim Einkaufen sei er zu dem Zeitpunkt nirgendwo gewesen. Auch Vorerkrankungen habe er keine gehabt und sei als ehemaliger Profi-Ballettänzer sehr fit gewesen.

Dann sei dem Gesundheitsamt ein Fehler unterlaufen, der für zusätzliche Verwirrung gesorgt habe. „Sie teilten mir mit, dass mein zweites Testergebnis und das meiner Frau negativ ist. Meine Kinder fanden sie merkwürdigerweise gar nicht im Computer.“ Das sei Dimitri Boulgakov schon sehr merkwürdig vorgekommen. Doch er habe große Erleichterung verspürt, dass er wohl doch nur eine Grippe habe und sofort seinen Hausarzt verständigt, der ihm dann nach dem Telefonat ein Antibiotikum gegen das hohe Fieber verschrieben habe.

Als er schon die erste Tablette genommen hatte, habe sich die Dame vom Gesundheitsamt erneut gemeldet und mitgeteilt, dass er doch positiv getestet worden sei. Ebenfalls sein jüngerer Sohn, obwohl der keinerlei Symptome zeigte. Eine neue Mitarbeiterin sei wohl beim Ablesen in der Zeile verrutscht. „Das hat mich unglaublich wütend gemacht. Wie kann man mit solchen sensiblen Daten so sorglos umgehen?“, fragt sich der 47-Jährige.

Da er eine leichte Besserung nach der ersten Einnahme verspürt habe, habe er das Antibiotikum trotzdem weiter genommen und das Fieber sei am nächsten Tag auf Normaltemperatur gesunken. Dann hätten auch die grippeähnlichen Symptome sofort nachgelassen. Nur die Kurzatmigkeit habe ihm stark zu schaffen gemacht und er habe sich noch einmal einen Termin bei einer Lungenfachärztin geholt. „Doch als ich in der Praxis sagte, dass ich Corona hatte, sagte sie mir, dass sie mich nicht weiter untersuchen könnte, da ich ihre Geräte verseuchen könnte“, sagt er. Da habe er sich gefühlt, als ob er die Pest habe.

Boulgakov bekam dann zum Glück Hilfe im Helios-Klinikum Emil-von-Behring in Zehlendorf. Dort ist er noch immer beim Lungenfacharzt Dr. Torsten Blum, 48, in regelmäßiger Behandlung. Dort wurde bei einem Lungenfunktionstest festgestellt, dass sein Lungenvolumen um zehn bis zwanzig Prozent abgenommen hat. „Ich habe bei größeren Anstrengungen das Gefühl, als ob ich einen Korken in der Lunge habe, und immer das Gefühl, dass ich pausenlos schlafen könnte“, beschreibt der Patient seine Beschwerden.

„Zahlreiche Patienten berichten von dieser Fatigue-Symptomatik (Übermüdung, Anm. der Redaktion) und haben wie Herr Boulgakov, der keine Vorerkrankungen hatte, mit eingeschränkter Lungenfunktion zu kämpfen‘“, sagt der Facharzt. Doch die genaue Ursache und auch die Dauer dieser Spätfolgen kenne man noch nicht. Man wisse von anderen Viruserkrankungen, dass das Immunsystem auf Hochtouren arbeite und dabei im Blut Botenstoffe freigesetzt werden, die zu Müdigkeit führen können. „Vielleicht ist dies auch eine Art Schutzmechanismus, der dafür sorgt, dass man sich nicht zu früh wieder überanstrengt“, so der Mediziner. Ein geregelter Tagesablauf mit maßvoller Bewegung kann jedoch helfen, die Fatigue-Phase zu überwinden. Gegen die Covid-19-Viren selbst gibt es jedoch nach wie vor kein Heilmittel, hier ist eben das eigene Immunsystem gefragt. „Ein Antibiotikum kann das Virus nicht eliminieren, jedoch bei bakteriellen Folgeinfektionen notwendig werden“, sagt Dr. Blum.

Dimitri Boulgakov will mit seiner sehr persönlichen Begegnung mit dem Coronavirus andere Menschen warnen, die Krankheit nicht einfach zu ignorieren. Er sagt: „Ich möchte das keinem wünschen, was ich durchgemacht habe.“ Sein behandelnder Arzt Dr. Blum ergänzt: „Wir sollten Covid-19 weiterhin ernst nehmen und Masken tragen, wenn wir keinen ausreichenden Abstand zu anderen halten können. Auch wenn dies lästig ist, schützen wir uns damit gegenseitig und helfen, die Pandemie unter Kontrolle zu halten, bis ein effektiver Impfstoff vorhanden ist.“