Man muss kein Harvard-Absolvent sein, um zu wissen, dass der gemeine Student nicht zur bruttosozialproduktfördernden Gesellschaftsschicht gehört. "Lehrjahre sind keine Herrenjahre." Bei solch einer bauernschlauen und völlig abgedroschenen Floskel mag der ein oder andere vielleicht die Augen verdrehen und sich wünschen, sie nie gelesen zu haben. Das Problem jedoch ist, dass man dieser Aussage nicht widersprechen kann. Und wenn der Moment gekommen ist, in dem kein Geld mehr aus dem Automaten kommt, obwohl man die PIN korrekt eingetippt hat, wird es hässlich.

Die Konsequenz ist so banal wie einleuchtend: Man muss arbeiten gehen. Zum Beispiel als Kellner im Restaurant. Als Kassierer im Supermarkt. Oder etwas unkonventioneller: Als Drogendealer. Ich habe mich mit Boris* getroffen, der genau letzterer Tätigkeit nachgeht, und ihn gefragt, wie das so läuft zwischen Hörsaal und Clubtoilette. Mit kleinen Augen, aber sichtlich gut gelaunt, öffnet mir Boris die Tür: "Letzte Nacht war steil." Dutzende Sneaker stehen pedantisch aneinandergereiht im langen Flur – wie in einer Footlocker-Filiale. Unser Gespräch findet in der Küche statt, wo gerade gekocht wird. Ob es sich dabei um das Abendessen handelt, bezweifle ich.

Guten Abend, Boris. Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast.

Das ist gar kein Problem.

Seit wann studierst du?

Ich habe 2012 mein Abitur gemacht und hatte weder Zukunftspläne noch eine Idee, was ich genau machen möchte. Ich habe angefangen Jura zu studieren. Mittlerweile widme ich mich einem technischen Studiengang.

Und seit wann verkaufst du Drogen?

Seit Anfang 2013, also etwa dreieinhalb Jahre.

Wie bist du zum Drogenhandel gekommen?

Während der Schulzeit habe ich Gras verkauft, um es selber kostenlos zu rauchen. Ich habe nicht besonders viel Taschengeld von meinen Eltern bekommen. Nach dem Abitur bin ich in der Clubszene aktiver geworden. Da werden natürlich andere Drogen konsumiert. Um Geld zu sparen, habe ich für meine Freunde und mich immer bei einem Großdealer eingekauft. Irgendwann dachte ich mir, wenn ich ständig solch große Mengen hole, dann kann ich auch anfangen, es selber zu verkaufen.

Was verkaufst du?

Ich habe angefangen, Ecstasy zu verkaufen. Mit der Zeit kamen alle möglichen Substanzen hinzu. Mittlerweile verkaufe ich alle gängigen Party- bzw. Designerdrogen.

Wie lässt sich das mit dem Studium vereinbaren?

Am Anfang ging das noch relativ gut. Das Geschäft hat sich jedoch rapide vergrößert. Somit konnte ich es immer schlechter mit der Uni vereinbaren. Das liegt vor allem an dazugehörigen sozialen Interaktionen. Man muss ständig irgendwelche Leute treffen. Es kommt immer etwas dazwischen. Das macht es oft unmöglich, um acht Uhr in der Vorlesung zu sitzen.

Was war das Absurdeste, das dir in deiner Laufbahn als Dealer je passiert ist?

Ein Kurier hat sich mal vor einer Übergabe eine zu hohe Dosis GHB (auch bekannt als Liquid Ecstasy, Anm. d. Red.) zugeführt, und ist mit einem Kilo Ketamin im Rucksack am Kottbusser Tor in einen substanzinduzierten Schlaf gefallen. Er wurde von der Polizei hochgenommen. Das Zeug war weg.

Macht das Ganze nicht etwas paranoid?

Das kommt darauf an, was ich selbst konsumiert habe (lacht). Was wirklich paranoid macht, ist, das Zeug bei sich zu Hause zu haben.

Warum kellnerst du nicht einfach?

Ich habe es mit ehrlicher Arbeit im Niedriglohnsektor probiert. Die Bezahlung ist schlecht und die Arbeitszeiten lassen sich noch schwerer mit der Uni vereinbaren. Wenn man mir 50 Euro die Stunde für's Kellnern bietet, würde ich es mir vielleicht nochmal überlegen.

Wie viel Geld machst du denn?

Auf jeden Fall genug, um zu leben.

Auf der nächsten Seite lest ihr, was Freunde und Familie zum Dealer-Job sagen.