BerlinDer Countdown für die Eröffnung des BER läuft. Am 31. Oktober um kurz vor 14 Uhr sollen auf dem neuen Flughafen der Hauptstadt-Region erstmals Flugzeuge mit Passagieren landen. Geplant ist, dass die beiden Airbus A320neo gleichzeitig den Boden berühren. Die Nummern der Sonderflüge bilden zusammengefügt das Datum, das in die Luftfahrtgeschichte eingehen soll: 31. Oktober 2020.

Der Easyjet-Flug EJU 3110 wird keine weite Strecke hinter sich haben. Er soll nach 13 Uhr in Tegel starten. Weil die BER-Südbahn erst ab dem 4. November offiziell in Betrieb ist, benötigt die Fluggesellschaft für die Landung eine Sondererlaubnis. Der Lufthansa-Flug  LH 2020, der auf der Nordbahn eintrifft, soll um 12.50 Uhr in München abheben, ebenfalls mit geladenen Gästen. Um 17 Uhr geht es wieder zurück, jedoch vom heutigen Flughafen Schönefeld, der bereits von diesem Sonntag an BER Terminal 5 heißen wird.

Im neuen Flughafengebäude, das offiziell Terminal 1 heißt, wird der reguläre Betrieb dann am Abend des 31. Oktober beginnen. Den Anfang macht Easyjet-Flug EJU 5924 aus Fuerteventura. Geplante Ankunftszeit: 20.05 Uhr. Weitere Easyjet-Maschinen folgen. Anstatt in Tegel landen sie am BER.

Kurz vor der ersten kommerziellen Landung, gegen 20 Uhr, wird das Terminal 1 geöffnet. Ab dann ist das zentrale Gebäude des BER für die Öffentlichkeit zugänglich. Für die Besucherterrasse gilt das noch nicht: Dort gehen die Türen erstmals am 1. November auf. An diesem Tag finden auch die ersten Starts statt. Der Betrieb beginnt mit Easyjet-Flug EJU 8210 um 6.45 Uhr nach London Gatwick. Nicht mehr lange, dann wird für den BER der Alltag beginnen.

„Der BER ist etwas Besonderes“

Thomas Wilpert kennt den Flughafen Berlin Brandenburg erst seit einigen Monaten. Doch das zentrale Fluggastterminal fand bei dem Easyjet-Flugkapitän gleich Anklang. „Ich bin sehr positiv angetan vom BER“, sagt er. „Das Interieur hat mir besonders gefallen.“ Die Möbel sind mit französischem Nussbaumholz furniert, beigefarbener Jura-Kalkstein bedeckt den Boden. „Ich habe schon viele Flughäfen gesehen, aber der BER ist etwas Besonderes.“ Am kommenden Sonnabend begibt sich der 48-jährige Berliner wieder dorthin, dann aber auf dem Luftweg. Wenn kurz vor 14 Uhr erstmals ein Lufthansa-Flugzeug am BER landet, soll zur selben Zeit auf der anderen Piste eine Easyjet-Maschine aufsetzen. Thomas Wilpert wird den Erstflug der britischen Airline zum BER steuern.

Startklar für den BER: Thomas Wilpert aus Berlin-Lichterfelde, Flugkapitän, Ausbilder und Prüfer bei Easyjet. 
Foto: Easyjet

„Es wird ein verhältnismäßig kurzer Flug sein. Aber einer, der einen wichtigen Neuanfang für Berlin und Brandenburg markiert“, sagt er. Um 13 Uhr soll der Airbus A320neo, der die Registrierungsnummer G-UZHF trägt, die Parkposition in Tegel verlassen. „Zum Abschied werden wir eine Runde über Tegel, anschließend über Tempelhof fliegen, um dann südlich von Berlin auf die Kollegen von der Lufthansa zu treffen. Dort werden wir gemeinsam unseren Landeanflug auf den BER beginnen.“

Nicht ausgeschlossen, dass Thomas Wilpert beim Start des Fluges EJU 3110 Wehmut verspüren wird. „Tegel war für mich als Pilot die erste Liebe. Ich hege viele gute Erinnerungen an diesen Flughafen. Ich finde es schade, dass ich dort bald nicht mehr arbeiten werde“, sagt er. Doch wir müssen uns eingestehen, dass Tegel in die Jahre gekommen ist. Als ich kürzlich mal wieder als Passagier dort war, habe ich aus der Nähe gesehen, wie alt viele Abfertigungsanlagen auf der Passagierseite sind. Der Lack ist ab, und Tegel ist einfach nicht mehr zeitgemäß.“

Es war allerdings ein anderer Berliner Flughafen, der bei Thomas Wilpert die Liebe zur Fliegerei entflammt hat. Schon mit drei Jahren teilte er mit, dass er Pilot werden wollte. Da traf es sich gut, dass die Familie, die in Lichterfelde wohnte, in Rudow einen Schrebergarten hatte. „Wir konnten die Flugzeuge hören, die jenseits der damaligen DDR-Grenze auf dem Flughafen Schönefeld starteten und landeten“, so Wilpert. „Als ich etwas älter war, bin ich oft auf den Dörferblick gekraxelt. Das ist ein Berg, der aus Trümmern aus dem Zweiten Weltkrieg besteht und eine gute Aussicht auf Schönefeld bietet.“

Nach dem Abitur begann er damit, an der Freien Universität Geschichte und Betriebswirtschaft zu studieren. Mit Jobs verdiente er Geld für eine Privatpilotenlizenz. „Mit einer Cessna habe ich Rundflüge über Berlin angeboten. Am liebsten flog ich von Tempelhof. Ein geschichtsträchtiger Ort mit einer besonderen Atmosphäre!“

Nachdem er die Verkehrsfliegerschule absolviert hatte, wurde er von Air Berlin angestellt. „Als Pilot Verkehrsflugzeuge steuern zu dürfen – das war für mich wie ein Sechser im Lotto. Mit einer 737 in Tegel zu starten – großartig!“ Doch 2017 kam die Insolvenz. Der Lichterfelder wechselte zu Easyjet. „Wie bei Air Berlin steuere ich von Berlin aus viele europäische Ziele an. Jetzt ist Easyjet der Hauptstadt-Carrier, und ich freue mich, dabei zu sein.“

„Viele Berliner hatten den BER über die Jahre aus den Augen verloren, sie haben das Projekt schon gar nicht mehr wahrgenommen. Deshalb war es für mich schon etwas Besonderes, als ich im Sommer den neuen Flughafen bei Stellplatzproben auf dem Vorfeld kennenlernen konnte.“ Von nun an wird Thomas Wilpert ziemlich oft dort sein.

„Die Liebe zum Fliegen wächst, wenn man fliegt“

Luftfahrt hat immer auch mit Gefühlen zu tun, sagt Lufthansa-Flugkapitän Peter Etzrodt. Da ist der Flughafen Tempelhof: „Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich an ihn denke.“ Ähnliches gilt für Tegel: „Tegel wird zu Recht geliebt.“ Doch wie ist es mit dem neuen Flughafen der Hauptstadt-Region? Hier zeigt Etzrodts Einschätzung, dass die Emotionen offenbar erst noch wachsen müssen. „Der BER ist ein aufgeräumter, vernünftiger Flughafen“, gibt der 55-Jährige zu Protokoll. Bei der Eröffnung am 31. Oktober wird der Brandenburger zu den Hauptpersonen gehören. Mit dem Airbus 320neo mit dem Namen Neubrandenburg wird Peter Etzrodt eine der beiden ersten Landungen bestreiten. Es ist ein großer Tag für den Flugkapitän, der in der DDR kein Flieger werden durfte.

In der DDR durfte er kein Pilot werden:  Peter Etzrodt, Flugkapitän bei der Lufthansa.
Foto: privat

Man hört ihm an, dass er aus dieser Gegend stammt. Brandenburg an der Havel ist seine Geburtsstadt, nach 20 Jahren in Berlin zog er 2006 in seine Heimat zurück und lebt nun in Werder. Ein paar Kilometer entfernt befindet sich ein Berghang, auf dem Luftfahrtgeschichte geschrieben wurde. Zwischen Derwitz und Krielow hat der Flugpionier Otto Lilienthal 1891 seine ersten Flugversuche absolviert. Der Ort, an dem Peter Etzrodt erstmals in die Luft gestiegen ist, hat ebenfalls historische Bedeutung. In Stölln, wo Lilienthal 1893 seine Erprobungsflüge fortsetzte, erfüllte er sich erstmals seinen Kindheitstraum.

„Ich wollte schon mit vier Jahren Pilot werden“, erinnert er sich. Mit 14 Jahren stand er erstmals auf dem Flugplatz Stölln/ Rhinow der Gesellschaft für Sport und Technik. Erst saß er im Doppelsitzer als Flugschüler auf dem vorderen Platz, mit 15 durfte Etzrodt dann schon allein Segelflugzeuge steuern. „Von da an war die Sache klar“, erzählt er. „Die Liebe zum Fliegen wächst, wenn man fliegt.“

Klar wurde ihm bald aber auch: „Ich durfte kein Pilot werden, weil meine damalige Freundin eine Oma im Westen hatte.“ Die Offizierskarriere bei der Luftwaffe der Nationalen Volksarmee, Einstellungsvoraussetzung bei der Interflug, war ihm verwehrt. Mit 17 Jahren wurde Peter Etzrodt vom Segelflugsport ausgeschlossen. Nach dem Abitur studierte er, sein Ingenieursdiplom für Elektrotechnik datiert von 1991.

Erst nach dem Ende der DDR konnte Etzrodt seinen Traum wieder aufleben lassen. 1990 baute er den Flugsportverein „Otto Lilienthal“ Stölln/ Rhinow mit auf. Ein Lufthanseat stellte den Kontakt zur Verkehrsfliegerschule in Bremen her. Seit 1996 ist die Airline mit dem Kranich sein Arbeitsplatz.

Derzeit trainiert er Piloten. Damit deren Lizenzen nicht verloren gehen, sind Flugstunden zu absolvieren. Dabei erlebt Peter Etzrodt, wie gern viele Kollegen fliegen – gerade in Coronazeiten. „Fliegerei ist ihre Erfüllung. Wenn sie nach Monaten zu Hause wieder im Cockpit sitzen, blühen sie auf. Wir alle sind wirklich sehr betrübt darüber, dass sich die Luftfahrt in einer solchen Krise befindet.“

Was ist das Schöne am Fliegen? „Das mühelose Gleiten mit dem Segelflugzeug. Die Ruhe. Auf einer Höhe mit Vögeln zu fliegen.“ Und wie ist es im Verkehrsflugzeug? „Man startet bei grauem Wetter. In 300 Meter Höhe reißen die Wolken auf, und plötzlich fliegt man bei blauem Himmel.“ Etzrodt arbeitet gern mit anderen Menschen zusammen. „Als Flugpraktiker muss ich sagen, dass TXL vor Corona zuletzt vollkommen überlastet war. Tegel funktionierte nur, weil die dortigen Mitarbeiter oft das Unmögliche möglich gemacht haben.“

Fliegen bringt Menschen zusammen, doch Corona hat den Luftverkehr auf einen Bruchteil reduziert. „Die Frage ist, wie lange die Erholung der Branche dauern wird“, sagt Peter Etzrodt. „Doch ich bin davon überzeugt, dass wir wieder so viel fliegen werden wie vor der Krise.“ Dann werde sich zeigen, wie gut es ist, den BER zu haben.