Der Blick über Berlins Mitte ist atemberaubend. Vom Balkon aus ist der Fernsehturm zu sehen, das Rote Rathaus, die Häuser in der Karl-Marx-Allee. Das viele Grün drumherum. „Toll, oder?“, fragt Eva Staikowski nicht ohne Stolz in der Stimme. Es ist der Ausblick, den die quirlige alte Dame jeden Tag genießen kann. Aus ihrer Mietwohnung in der 16. Etage des Seniorenwohnhauses in der Singerstraße in Friedrichshain.

Eva Staikowski, 88 Jahre alt, wohnt seit 15 Jahren in dem 17-Geschosser. 229 Wohnungen hat das Haus, die die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) an Frauen und Männer über 55 Jahren vermietet. Die meisten davon sind Ein-Zimmer-Wohnungen. In den Gängen stehen Rollatoren oder Rollstühle. Die Wohnung von Eva Staikowski ist klein: 25 Quadratmeter, ein Zimmer, Einbauküche und ein kleines Bad mit Dusche. „Mir fehlt nüscht“, sagt die Frau in schönstem Berliner Dialekt und lacht.

Eva Staikowski und ihr Mann hatten viele Jahre eine Bäckerei in Friedrichshain. Sie lebten in einer großen Zwei-Zimmer-Wohnung, bis ihr Mann 1998 starb. Eva Staikowski blieb allein in der Wohnung zurück, die Einsamkeit schlich sich in ihr Leben. Die Verzweiflung. „Irgendjemand hat mir dann von diesem Haus erzählt. Da hab’ ich gedacht, gehste mal hin und fragst“, erinnert sie sich. Und jetzt ist sie eben hier. Agil und munter, nicht einsam und krank.

Das Café ist das Herz

Das einzige Zimmer der kleinen hellen Wohnung ist praktisch aber doch bequem eingerichtet. Eine Schlafliege, eine Couch, ein Tisch, zwei Sessel, eine Schrankwand. Auf dem Bord über der Liege stehen Familienfotos. Der Fernseher steht dem Sofa gegenüber. Daneben eine kleine Musikanlage. Der kleine Flur ist mit Einbauschränken ausgestattet. Hinter dem Vorhang steht der Kühlschrank – der musste aus der Küche weichen, weil dort die Waschmaschine untergebracht ist. Eva Staikowski gefällt das Haus, die Sauberkeit, wie sie sagt. Der Concierge am Eingang, der rund um die Uhr da ist. Den könnte Eva Staikowski in Notfällen über einen Knopf, der sich nahe der Wohnungstür befindet, alarmieren. „Und dann ist da noch dieses wunderschöne Café“, schwärmt die alte Dame.

Das Café im Erdgeschoss ist das Seniorenbegegnungs- und Beratungszentrum, das vom Unionhilfswerk betrieben wird. Man könnte auch sagen, es ist das Herz des Hochhauses. An den Wänden hängen Ölbilder in warmen Farben, die eine Mieterin gemalt hat. Leiterin Inis Heinrich kennt alle Bewohner des Hauses. Sie ist es, die neue Mieter anspricht, ihnen die Angst nimmt, sich zu den anderen ins Café zu setzen oder an einer der vielen Veranstaltungen im Wintergarten teilzunehmen. „Ich bin nicht der Typ, der hier unten sitzt und wartet, dass jemand herunterkommt“, sagt die resolute Frau.

Inis Heinrich weiß, dass es für ältere Leute oft schwer ist, sich nach dem Tod des Partners von ihrem vertrauten Lebensumfeld zu trennen. „Man muss dann abwägen: Will ich allein in einem Haus bleiben, oder einen Neuanfang wagen.“ Sie selbst hat hier schon vieles erlebt: alte Freundinnen, die sich im Hochhaus wiedergetroffen haben oder Arbeitskollegen, auch Liebesbeziehungen sind hier entstanden.

Inis Heinrich ist seit 23 Jahren im Haus, sie organisiert Liederabende, Vorträge, Spielenachmittage, Gymnastikkurse, Handarbeitsstunden und Busausflüge für die Bewohner. Sie bietet auch Beratungen an zu Pflegestufen, vermittelt Kontakte zu Ämtern und Ärzten. Oder aber, ganz profan, zu Putzdiensten.

Heiligabend nicht allein

Dienstags bis donnerstags werden im Wintergarten Kurse angeboten, dann ist auch das Café geöffnet. Selbstgebackener Kuchen, Kaffee oder Wein werden verkauft. Am Montag ist Beratungstag. Im Sommer finden Grillfeste im Garten statt. „Ich bin auch Heiligabend hier und Silvester. Niemand aus dem Haus muss dann alleine sein“, erzählt Inis Heinrich.

Das Angebot wird rege angenommen. Bis zu 70 Menschen, auch aus der Nachbarschaft, kommen zu den Veranstaltungen der Seniorenbegegnungsstätte. „Hier wird niemand abgewiesen“, sagt die Chefin.

Im Haus gibt es noch einen Fußpflegesalon, gegenüber einen Supermarkt. „Servicewohnen“ nennt die Wohnungsbaugesellschaft Mitte die Verbindung von seniorengerechtem Wohnen und Freizeit- und Beratungsangeboten in dem Hochhaus. „Wir dürfen nicht nur an Familien denken. Die Menschen werden älter, auch ihnen müssen wir etwas bieten“, sagt Hartmut Stern vom WBM-Mieterservice. 6,25 Euro Nettokaltmiete zahlen Bewohner, hinzu kommt ein etwas geringerer Nebenkosten- und Servicebetrag. Auch an Inhaber von Wohnberechtigungsscheinen wird vermietet. Die WBM hat insgesamt sechs Seniorenwohnhäuser. „Es ist leider viel zu wenig bekannt, dass es solche Einrichtungen gibt. Das einsame, ältere Menschen nicht zwangsläufig in ein Heim müssen“, sagt Stern.

Inis Heinrich hat schon viele Mieter gesehen, die in dem Haus wieder richtig aufgeblüht sind. So wie Eva Staikowski. Die alte Dame hat viel zu tun. Sie arbeitet im Café ehrenamtlich mit, legt notwendige Arzttermine auf den Montag oder Freitag, wenn im Café keine Veranstaltungen sind. Sie sagt, sie habe es nie bereut, in das Hochhaus gezogen zu sein. „Wenn mir das mal zu viel wird, dann mache ich meine Tür einfach zu.