Am besten, man bringt es hinter sich: Abiturienten bei ihren Prüfungen. 
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BerlinAus gegebenem Anlass will Vati heute mal vom Krieg erzählen. Also setzt euch bitte hin und spitzt die Öhrchen, liebe Kinder. 

Es ist lange her, im vergangenen Jahrhundert, da habe ich mein Abitur gemacht. Im Juni 1990, in einem Land, das es bald schon nicht mehr gab: der DDR. Manchmal träume ich heute noch von diesen Abitur-Prüfungen. Und immer schlecht. Ich stehe in einem Raum und jemand spricht mich plötzlich auf Russisch an. Oder ein Lehrer erwartet von mir irgendwas mit Integralrechnung. Das ist ja überhaupt eine sehr seltsame Sache, wie viel man in Ausbildungen lernt. Und wie wenig davon für das spätere Leben von Bedeutung ist.

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Emotionale Ausnahmesituation

Aber zurück zum Krieg. Im Herbst 1989, ich war in der 12. Klasse, wurde das Leben im Land sehr unruhig. Man könnte auch sagen: Die Lernverhältnisse für angehende Abiturienten gestalteten sich nicht ideal. Ständig wurde demonstriert, manchmal demonstrierte ich auch mit, weil das aufregender war als Integralrechnung. Aus der Unruhe wurde eine Revolution und im November 1989 brach das ganze Land dann mehr oder weniger zusammen. In unserer Schule blieben einige Lehrer fortan deprimiert zu Hause. Andere fuhren nach West-Berlin, einkaufen. Der Unterricht fiel oft aus. Wegen der „aktuellen Ereignisse“.

Im Geschichtsunterricht schlossen wir unser Lehrbuch von der „Geschichte der SED“. Stattdessen wandten wir uns wieder der Urgesellschaft zu. Den Jägern und Sammlern. Das Fach „Staatsbürgerkunde“ wurde gleich ganz abgeschafft, zusammen mit dem Sonnabend-Unterricht. Es waren verwirrende Monate für einen angehenden Abiturienten. Heute würde man wohl sagen: eine emotionale Ausnahmesituation. Jeden Tag verschwand das Land etwas mehr. Seine Gewissheiten, Regeln, Autoritäten. Meinem Banknachbarn Markus, der heute Urologe ist, kam in diesen Monaten auch die Familie abhanden. Seine Mutter und sein Bruder gingen in den Westen. Markus blieb im Lichtenberger Plattenbau zurück.

Mit allen Tricks

Warum ich das alles erzähle? Wir haben damals nicht im Traum daran gedacht, eine Schüler-Petition zu verfassen mit der Forderung: Bitte keine Abiturprüfungen! Wegen Revolution und Untergang des Landes. Irgendwie war klar, da müssen wir jetzt leider durch. Hilft ja nichts.

Heute, 30 Jahre später, fordert der Berliner Landesschülerausschuss, auf die Abiturprüfungen in diesem Jahr zu verzichten. Wegen Corona. Die psychische Belastung der Schüler sei durch die Krise zu hoch. Auch Konzentrationsschwierigkeiten sowie das Fehlen „gewöhnlicher Lernbedingungen“ werden als Gründe angeführt. Da musste ich schmunzeln und dachte: Die Abiturienten von heute sind viel cleverer als wir damals. Die probieren es argumentativ wirklich mit allen Tricks.

Widerstände aushalten

Seit Mitte März sind die Schulen in Berlin geschlossen. Nicht ideal, gewiss. Aber jetzt mal ernsthaft: Deswegen sollen die Prüfungen ausfallen? Und wie soll man nun eine Generation nennen, die auf „Fridays for Future“-Demos erst laut verkündet, die Welt verändern zu wollen, aber bereits nach ein paar Wochen Corona-Schulschließung, sagt: Sorry, aber emotional ist mir das gerade echt zu heftig. Generation Entschuldigungszettel?

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Leider gibt es auch Eltern, die nun rufen: Keine Abiturprüfungen! Und da fehlt mir leider das Verständnis. Es gibt ja nicht vieles, was man seinen fast erwachsenen Kindern noch mitgeben kann. Aber vielleicht doch den simplen Gedanken, dass man im Leben nicht immer wegrennen kann, wenn es schwierig wird. Ständig gibt es Krisen. Unwägbarkeiten. Bedingungen, die nicht ideal sind. Damit umzugehen, Widerstände auszuhalten, improvisieren zu können, weiterzumachen, das ist die große Kunst im Leben. Es gibt ein modernes Wort dafür: Resilienz. Früher sagte man: Robustheit. Resilienz ist aber kein Abitur-Prüfungsfach. Keine Sorge, liebe Kinder.