Ist dieser Stein ein Milliarden Jahre alter Brocken aus dem All?  
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

BerlinIn einem Berliner Kleingarten liegt jahrelang ein Stein. Hinter einem niedrigen Maschendrahtzaun ruht er mit anderen auf einer Reihe Koniferenstümpfe. Jahrelang geht ein Nachbar daran vorbei und beäugt den Stein, der anders aussieht als die anderen. „Nun lass doch“, sagt die Ehefrau. Doch der Nachbar lässt nicht. Was, wenn die Gartennachbarn dort ohne es zu wissen, einen Außerirdischen drapiert haben? Könnte das hier nicht ein Meteorit sein?

Ein Feuerschweif am Himmel, ein Knall. Treten Meteore mit einer Geschwindigkeit von 15 Kilometern pro Sekunde in die Erdatmosphäre ein, verglühen 80 Prozent der Brocken, die restlichen 20 Prozent fallen meist unbemerkt irgendwo auf die Erde, noch häufiger ins Wasser. Schätzungen von Experten gehen davon aus, dass jährlich weltweit 19.000 Gesteinsbrocken aus dem All bei uns landen. 14 wären das pro Jahr heruntergerechnet auf das Bundesgebiet. Das meiste Material, das aus dem All bei uns landet ist kosmischer Staub. Jeden Tag rieseln mehrere Tonnen auf die Erdoberfläche. Ein zwei Fäuste großer Meteorit in einem Berliner Kleingarten aber, das wäre schon eine mittlere Sensation.

Der Entdecker des Steins will nicht, dass sein Name in der Zeitung steht. Wenn dies wirklich ein Meteorit ist, wie Hans Müller, so nennen wir ihn, glaubt, könnte das Begehrlichkeiten wecken. Nur unter dieser Bedingung erzählt er, wie er sich schließlich doch ein Herz fasste und die Parzellennachbarn auf den Stein ansprach.

„Er war viel schwerer, als man vermuten würde“, erinnert Müller sich. Als er einen Erdbeermagneten vom Kühlschrank an den Stein hält, erweist er sich als leicht magnetisch. Ein gutes Zeichen. Auf der Seite des Instituts für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt ist eine Checkliste für potenzielle Meteoriten veröffentlicht. Hans Müller beantwortet alle Fragen mit „Ja“.

Hans Müller ist jetzt Rentner. Er war einmal Schlosser, dann Ingenieur. Mit Metallen kennt er sich aus. Wenn er nur die Mittel hätte, um weitere Prüfungen vorzunehmen. Seit die Nachbarn, auf deren Grundstück der Stein lag, im Internet von Meteoritenjägern und Sammlern gelesen haben, die für besonders schöne Stücke sehr hohe Beträge ausgeben, liegt der Stein nicht mehr hinter dem Maschendrahtzaun, sondern in der Gartenlaube. „Vielleicht müsst ihr bald einen Tresor kaufen“, scherzt Müller, der selber ein rein wissenschaftliches Interesse an dem Fundstück hat.

Dr. Ansgar Greshake ist ein international gefragter Experte in Sachen Meteoriten.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Im Berliner Naturkundemuseum hat Dr. Ansgar Greshake seit 23 Jahren wöchentlich mehrere solcher Anfragen, wie wir sie nun gemeinsam mit Herrn Müller stellen. Menschen schicken ihm Fotos und Steine aus der ganzen Welt und immer schwingt die Hoffnung auf einen seltenen Volltreffer mit. Greshake ist der Kurator der Meteoriten-Sammlung im Naturkundemuseum, international gefragter Experte auf dem Gebiet der Klassifikation von Meteoriten.

In seiner gesamten Zeit im Museum hat Greshake noch nie einen Meteoritenfund eines Bürgers auf diesem Wege zu Gesicht bekommen. „Meteoritewrongs, wie sie auch genannt werden, machen die große Masse aller verdächtigen Funde aus“, sagt er. Greshake hat in seinem Büro im Museum eine ganze Sammlung von falschen Meteoriten, der älteste stammt aus dem Jahr 1902.

Ansgar Greshake führt uns in eine Werkstatt in den Katakomben des Naturkundemuseums. Verschiedene Sägen stehen hier, mit ihnen werden dünne Scheiben von zu untersuchenden Steinen – irdisch oder außerirdisch – abgeschnitten. Die Scheibchen befestigt man dann mit Epoxidharz auf einem Glasträger, hauchdünn geschliffen lassen sich charakteristische Strukturen vom Meteoriten dann unter dem Lichtmikroskop erkennen. 4000 solcher Scheibchen bewahrt Greshake in Kästen in seinem Büro auf. Wenn einer erkennt, ob der Stein aus dem Garten ein Meteorit ist, dann Greshake.

Um Proben zu untersuchen, werden zuerst kleine Scheiben abgeschnitten. 
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Noch genauer, erfahren wir, ist eine Untersuchung der Proben mit der Elekronenstrahlmikrosonde. Hier entstehen Bilder, wie man sie aus Arztserien kennt. Wie Hirnscans oder Gewebe in ganz nah wirken die Steinscheibchen. „Meteorite sehen völlig anders aus, als irdische Gesteine“, sagt Ansgar Greshake. Auf der Erde sind alle Gesteine Wasser und Druck ausgesetzt. Sedimente, Magmatite und metamorphe Gesteine, die sich unter hohem Druck verdichtet haben – die alle gibt es hier auf der Erde. Meteorite hingegen seien furztrocken. In den 4,5 bis 4,6 Milliarden Jahren seit ihrer Entstehung haben sie kein Tröpfchen Wasser gesehen.

Einen weiteren Hinweis auf den Ursprung eines Steins gibt dessen Zusammensetzung, erklärt Greshake weiter. Nur in Meteoriten findet sich nämlich Nickel-Eisen. Auf der Erde kommt diese Legierung so gut wie nie vor. Träufelt man Salpetersäure gemischt mit Alkohol auf metallische Einschlüsse, entstehen nur bei Meteoriten sogenannte Widmanstätten-Strukturen. Ein Muster in der Nickel-Eisen-Verbindung, charakteristische Kreuzlinien von außerirdischer Schönheit. Kunstfotografen kommen zu Ansgar Greshake und wollen in der Sammlung fotografieren.

Ansgar Greshake hat schon viele außergewöhnliche Steine begutachtet. Einmal wurde er zur Haushaltsauflösung bei einem Sammler gerufen. Der Sohn des Verstorbenen hatte schon vorsortiert – in eine Kiste die Steine, in die andere die Etiketten. „90 Prozent der Steine waren radioaktiv“, erinnert sich Greshake, erleichtert, dass die TU ihm die Steine abnahm und in einem Schrank sicher verwahrte. Sie fanden keinen Eingang in Deutschlands größte Mineraliensammlung im Naturkundemuseum, die direkt auf die Gründung der „Berliner Bergakademie“ durch den preußischen König Friedrich II. im Jahre 1770 zurückgeht. Unter dem geologischen Anschauungsmaterial für Bergleute befand sich damals auch ein Meteorit, der erste in der Sammlung.

Auch einen Teil des ältesten europäischen Meteoriten bewahrt Greshake in seinem Büro auf. 1492 ging ein Weltallbrocken um die Mittagszeit in einem Weizenfeld in der Nähe des elsässischen Örtchens Ensisheim nieder. Albrecht Dürer verewigte das wundersame Ereignis, in dem man ein wuchtiges Zeichen des Himmels sah. Der Stein, von dem niemand wissen konnte, dass er kosmischen Ursprungs war, wurde zur Sicherheit in der Dorfkirche angekettet.

Diese Notiz liegt im Kästchen, in dem ein Teil des ältesten europäischen Meteoriten aus Ensisheim aufbewahrt wird. 
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Noch in der Aufklärung ging man bei Meteoritenfunden davon aus, es seien verkohlte Vögel oder Vulkanauswürfe. Erst 1794 stellte der Wittenberger Ernst Florens Friedrich Chladni die damals heftig umstrittene These auf, dass auf der Erde gefundenen Meteorite ihren Ursprung im Weltraum haben. Ein in Krasnojarsk niedergegangener Eisenmeteorit und dessen erstmalige Beschreibung durch den Berliner Peter Simon Pallas, nach dem heute die Pallasstraße in Schöneberg und Pallasite, seltene Eisen-Stein-Meteorite, benannt sind, begründen schließlich die Meteoritenforschung.

Ansgar Greshake erzählt all diese Geschichten anschaulich und voller Begeisterung. Von dem Dolch aus meteorischem Eisen in der Grabkammer Tutenchamuns, von grünem Glas, das in der Libyschen Wüste gefunden wird und von dem man annimmt, ein explodierter Meteorit habe den Sand dort zu Glas geschmolzen. Vom größten Meteoriten Berlins, der nicht hier, sondern in der Archenhold-Sternwarte zu sehen ist. Und vom Mondmeteoriten, den er gerade klassifiziert hat. In einer durchsichtigen Schatulle liegt das Stück, erstaunlich leicht ist es, erstaunlich erhaben das Gefühl, ein Stück des Erdtrabanten zu berühren.

Für Hans Müller geht es nun schon lange nicht mehr nur um sein Fundstück. Denn auch sein Stein aus dem Garten hat sich unter den Augen des Experten schnell als technisches Produkt aus einem Hochofen entpuppt. „Schönes Stück“, hatte Ansgar Greshake gesagt. Aber leider Schlacke und kein Meteorit.

„Meist werden im Berliner Raum Geschiebe, also in der Eiszeit per Gletscher aus Skandinavien kommende Brocken, verwitterte Sandsteine, oder Feuersteine von der Ostsee fälschlich für Meteorite gehalten“, erklärt Greshake. Oder eben technische Produkte aus Stahlwerken und Gießereien, Schlacken, die in Baugruben verfüllt oder im Wald verklappt wurden, sorgen für Verwechslungen. Doch lieber sei es ihm, wenn die Leute zu viel brächten. „Bevor man noch etwas verpasst“, sagt er. Natürlich ist Herr Müller enttäuscht, man wird nun sehen, ob die Nachbarn den Stein wieder auf den Baumstumpf legen.