Oliver Sechting
Foto: Berliner Zeitung/Christian Schulz

Berlin - In den sozialen Netzwerken, aber auch in Supermärkten und U-Bahnen bekommt man eine Ahnung davon, wie richtig der Berliner Oliver Sechting damit liegt, wenn er sagt: „Corona ist für die meisten Menschen schwierig. Viele entwickeln in der Krise Ängste und Zwänge.“ Und kaum jemand ahnt, dass der Nachbar oder Freund, der auch vorher schon Probleme hatte, die er gerade noch so verbergen konnte, besonders leidet: „Es wird oft vergessen, dass sich die negativen Gefühle und Gedanken bei psychisch kranken Menschen potenzieren.“

Gerade erschien das Kinderbuch „Frederic, der Zahlenprinz“ von Oliver Sechting und Illustratorin Eva Hidalgo. Nach Informationen des Autors „das erste Kinderbuch über Zwangsstörungen in Deutschland“. Im Mittelpunkt steht der kleine Prinz Frederic, der im Zusammenhang mit einer Erkrankung seiner Oma Ängste und Zwänge entwickelt. So ein Buch hätte Sechting 1986 gut gebrauchen können: „Damals starb mein Vater. Danach fingen bei mir die Zwangsstörungen an.“ Hilfsangebote oder auch nur Verständnis gab es zu dieser Zeit nicht: „In den Achtzigern waren Zwangsstörungen noch ziemlich unbekannt. Und auch heute ist das Thema längst nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Sechting erinnert sich gut an seine Situation: „Mir war das alles völlig fremd. Ich wusste, dass so etwas nicht der Norm entspricht. Und ich habe mich, was für diese Erkrankung ganz typisch ist, niemandem offenbaren können.“

Dem Verdacht, dass er sich für den kleinen Titelhelden den Namen ausgesucht hat, den er selbst gern getragen hätte, tritt der 44-Jährige entgegen: „Nein, ich habe mich mit meinem Namen immer arrangiert. Aber ich mag den Namen Frederic. Ein Kinderbuch hat wenig Text, da muss alles stimmig sein. Frederic ist für mich ein idealer Kinderbuchname.“ Perfekt findet er auch die Illustrationen von Eva Hidalgo: „Oft sind Bücher über psychische Erkrankungen trist in irgendwelchen Grautönen illustriert. Ich mag die freundlichen, farbenfrohen Bilder unseres Buchs.“

Sechting ist Diplom-Sozialpädagoge, Autor und Filmschaffender. Seit 2016 arbeitet er im Vorstand der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen. 2017 erschien seine Autobiografie „Der Zahlendieb ‒ Mein Leben mit Zwangsstörungen“. Sein Dokumentarfilm „Wie ich lernte, die Zahlen zu lieben“ lief auf vielen internationalen Festivals. Für ihn stand schon am Anfang der Pandemie die bange Frage: „Was kommt da auf uns zu?“ Er weiß aus eigener Erfahrung: „Unsicherheit ist ein Träger von Ängsten und Zwängen.“ Zu seiner persönlichen Bilanz der vergangenen Monate gehört die Feststellung: „Das Zwangsverhalten hat sich bei mir erhöht.“

Seine Lieblingskinderbücher hießen „Die kleine Raupe Nimmersatt“, „Räuber Hotzenplotz“ und „Wo die wilden Kerle wohnen“. Nun gibt es also auch „Frederic, der Zahlenprinz“, und Sechting beschreibt die größte Schwierigkeit bei der Entstehung seines ersten Buchs für Leser ab sechs Jahren: „Die große Herausforderung war es, diese komplexe Erkrankung für Kinder begreifbar zu machen.“ Für die Eltern und Großeltern, die das Buch kaufen und vorlesen sollen, gibt es am Ende Hinweise auf Hilfsangebote und für den Umgang mit Zwangsstörungen.

In der Wilmersdorfer Wohnung, in der Sechting seit vielen Jahren gemeinsam mit dem Regisseur Rosa von Praunheim lebt, herrschte während der Pandemie-Monate eine friedliche Stimmung: „Wir haben das Beste daraus gemacht, hatten eine sehr harmonische und intensive Zeit. Wir wissen uns aber auch aus dem Weg zu gehen, wenn einer von uns mal Zeit für sich braucht.“