Berlin - Die Wörter. Lassen mich nicht los. Ich meine nicht die neuen Begriffe. Die haben sich eingenistet und behaupten nun ihren Platz in einer veränderten Welt. Ich meine die vertrauten. Ihre reduzierte Bedeutung. Abgemagert sind sie. Werde ich beim Lesen des Wortes „Haushalt“ jemals wieder an Staubsaugen denken? Oder an eine Sitzung des Bundestages? Werden mir jemals wieder soziale Netzwerke und Freundschaften in den Sinn kommen, wenn ich über „Kontakte“ spreche, im Sinne ihrer beglückenden Fülle? Und nicht zuletzt die „Impfung“. Masern, Mumps, Röteln: So lautete der assoziierte Dreiklang vor langer Zeit.

Während die Träume wieder frei sind von maskierten Gesichtern, scheint die Sprache auf lange Sicht vergiftet. Ich kann mich noch so bemühen, die Krankheit in ihren vielen Namen aus meinem aktiven Wortschatz zu verbannen: Sie hat Einzug gehalten durch die Hintertüren der Alltagskommunikation und wohnt jetzt dort. Es scheint nur eine Kraft zu geben, die stark genug ist, unseren anpassungsfähigen Geist vor der kompletten Neuausrichtung zu bewahren. Ich durfte das vor einigen Tagen auf so amüsante wie beglückende Weise erfahren und hole diese Erinnerung hervor, wann immer ich merke, dass das Wort „Maske“ womöglich nie wieder ein buntes Karnevalstreiben vor dem inneren Auge heraufbeschwört.

Eine Freundin reiste zu einem Kurzbesuch an. Grund für die Fahrt war ein Mann. Aber ich kam auch in den Genuss eines Treffens, und es war eines der schönsten der letzten Monate. Weil alles so normal war. Nachdem wir ihr schlechtes Gewissen – „nur notwendige Besuche“ – mit Luftschlangen behängt zum Teufel gejagt hatten, auf dass die beiden ein Picknick auf Abstand veranstalten, saßen wir in der Sonne, aßen Suppe aus Pappbechern und redeten über Lyrik, Flirts und was daraus werden kann oder auch nicht.

Die Begegnung mit dem Mann sei keine romantische gewesen, sagte die Freundin, oder höchstens ein bisschen und ohne Folgen. Aber weiß man’s? Was kommt? Am Abend blubbte das Telefon. Die Freundin schickte ein Foto, darauf ein Test. Weißes Ding aus Plastik. Ungeachtet des negativen Ergebnisses dachte ich sofort: Also doch! Und schrieb entsprechend empört zurück. Das hätte sie mir doch erzählen können. Es folgte kolossale Verwirrung in Gestalt einer Armee von Fragezeichen und es dauerte eine Weile, bis mein Irrtum sich aufgeklärt hatte. Der wundervollste Irrtum seit langem. Ich dachte an nichts als die Liebe. Sie klebt.

Und zwar tauchen weiterhin nicht Mainz, Venedig oder Rio am Horizont auf, wenn ich das Kind nach seiner „Maske“ frage. Aber ich ertappe eine kleine Verwunderung, die flüstert: Irgendwie ist das doch alles immer noch schräg, oder? Beides, das Festhalten an der Überzeugung, dass man bald wieder überall Lippen sieht, wie auch die Tatsache, dass ein „Test“ nötig sein kann, wenn mehr wird aus einem Kuss, fühlt sich schön an. Wie ein Sommerkleid.