Generaloberst Nikolai Erastowitsch Bersarin (links) nach bedingungslosen Kapitulation 1945.
Foto: imago stock&people

Berlin Generaloberst Nikolai Erastowitsch Bersarin wurde der erste Stadtkommandant von Berlin, nachdem er und seine Truppen die Nazi-Herrschaft in der Hauptstadt bezwungen hatten.  Er brachte das Leben in der Stadt wieder in Gang,  versorgte die Bevölkerung mit Lebensmitteln.  Vor genau 75 Jahren starb der begeisterte Motorradfahrer in Berlin bei einem Unfall. Der Historiker und Kolumnist der Berliner Zeitung nimmt den Tag zum Anlass, ein Denkmal für Bersarin zu fordern. Die Rede, die Aly am Unfallort an diesem Dienstag gehalten hat, dokumentieren wir hier: 

Meine Damen und Herren!

Wir erinnern an den 75. Todestag des ersten Stadtkommandanten von Großberlin: an Generaloberst Nikolai Erastowitsch Bersarin. Wir, das ist das vor mehr als 20 Jahren sehr locker entstandene Bersarin-Aktiv, schlagen vor, in der Mitte Berlins ein Denkmal für diesen Ehrenbürger zu errichten. Und das sind unsere Gründe:

Bersarin und seine Soldaten der 5. Stoßarmee erreichten am 21. April 1945 in Marzahn als Erste die Stadtgrenzen. Endlich, am 2. Mai 1945, zwangen die Soldaten Bersarins die Berliner Truppen der Wehrmacht, der SS, des Volkssturms und der Hitlerjugend zur Kapitulation. Sie befreiten in unserer Stadt Zehntausende Gefangene, KZ-Insassen, Deserteure, untergetauchte und noch inhaftierte Juden und Hunderttausende hier eingesetzte Zwangsarbeiter: Ukrainer, Polen, Italiener, Franzosen und Russen – Männer und Frauen schier aller europäischen Nationen. Der jüdische Philosoph Rudolf Schottlaender erlebte den Einmarsch am 22. April 1945 in Berlin-Heiligensee „mit einem Glücksgefühl sondergleichen“ und notierte: „Für mich war eben Befreiung, was ringsherum nur Niederlage und Schrecken bedeutete.“

Entgegen allen Ängsten, die der großen Mehrheit sogenannter arischer Berliner im Nacken saßen, kam Bersarin nicht als Rächer in die Hauptstadt derjenigen, die am 22. Juni 1941 den „ungeheuerlichsten Versklavungs- und Vernichtungskrieg, den die moderne Geschichte kennt“ (Ernst Nolte, 1963) entfesselt hatte. Zwar führten die sowjetischen Streitkräfte einen Verteidigungskrieg, aber sie halfen entscheidend und unter größten Opfern dabei, Europa und die Welt vom Schreckensregiment deutscher Rassenkrieger zu erlösen.

Bersarin hatte sein Vaterland vom ersten bis zum letzten Kriegstag als Offizier verteidigt und bemerkte in seiner Rede zur Einsetzung des neuen Berliner Magistrats am 20. Mai 1945: „Unsere Menschen vergossen ihr Blut, litten schwere Not. Ich habe während meines ganzen Lebens nichts gesehen, was dem ähnlich war, als die deutschen Offiziere und Soldaten wie Bestien gegen die friedliche Bevölkerung vorgingen.“ Aber er verzichtete auf Vergeltung und Abrechnung, er wollte nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Vielmehr befahl er, die Wasserwerke und U-Bahnen in Gang zu setzen, Theater zu öffnen, Zeitungen zu drucken, die Elektrizitäts- und Gasversorgung schleunigst wiederherzustellen und Krankenhäuser zu reparieren. Ersparen wir es uns, die ersten Befehle deutscher Stadtkommandanten in sowjetischen Städten zu zitieren.

Die Erinnerung an Nikolai Bersarin schließt mindestens zehn Millionen gefallene Rotarmisten ein, ebenso mehr als 14 Millionen sowjetische Zivilisten, die infolge des mörderischen Angriffskrieges umkamen. Wehrlos, aller Lebensmittel beraubt, aus ihren in Brand gesetzten Wohnstätten fliehend verhungerten und erfroren viele Millionen Männer, Frauen und Kinder. Hunderttausende wurde am Wegesrand einzeln oder in Gruppen, manchmal zu Tausenden erschossen, weil sie Juden waren, Kommunisten, Geisteskranke, Soldaten mit asiatischem Aussehen, Verdächtige, sowjetische Kommissare.

Die Wehrmacht ermöglichte den Bau und Betrieb der Vernichtungslager: Der Mord an den europäischen Juden setzte den Antisemitismus voraus, aber verwirklicht werden konnte der Holocaust nur im Ausnahmezustand eines mit terroristischen Mitteln geführten Krieges. Von den fünf Millionen sowjetischen Soldaten, die in deutsche Hand gerieten, starben 60 Prozent – aber nur vier Prozent der britischen und US-amerikanischen Gefangenen in deutschen Lagern. Diese Zahlen markieren den himmelweiten Unterschied zwischen dem europäischen Normalkrieg und dem erbarmungslosen Vernichtungsfeldzug, den Hitlerdeutschland erst gegen Polen und dann gegen die Sowjetunion geführt hat.

Jene Männer, Frauen und Kinder, die infolge des verbrecherischen deutschen Angriffskrieges ihr Leben ließen, sollten nicht nachträglich in Ukrainer oder Russen und in viele andere Völker der ehemaligen Sowjetunion unterteilt werden. Das ehrende Gedenken schließt sie alle ein. Auch hat es nichts damit zu tun, wie jeder Einzelne die Verbrechen Stalins oder die heutige politische Führung der Ukraine, Weißrusslands oder Russlands beurteilt. Wir verneigen uns vor Menschen, vor den Familien der Ermordeten, der Verhungerten und Gefallenen.

Soweit unsere deutschen Familien seit drei oder vier Generationen hier leben, sind wir Nachgeborene jener 18 Millionen Wehrmachtssoldaten die zwischen 1939 und 1945 Europa in Not und Tod gestürzt haben – vom Nordkap bis zum Kaukasus, vom Atlantik bis zum Eismeer. Wir Heutigen sind daran nicht schuld. Aber wir wissen, wie lange die Kriegsverbrechen unserer Vorväter nachwirken und noch immer schmerzen. Wir wissen, wie sehr sie die politische Tagesordnung und die Gefühle zwischen den Völkern noch immer belasten. Wir wollen den Ausgleich. Deshalb wollen wir öffentlich und sichtbar zeigen, wie dankbar wir den Soldaten sind, die endlich, im Mai 1945, die Niederlage Deutschlands erkämpften und unserem Land die Möglichkeit zum Neuanfang schenkten – hier in Berlin waren es Soldaten der Roten Armee.

Gedenktafel für Nicolai Bersarin in der Straße am Tierpark.
Foto: Markus Waechter

Nikolai Erastowitsch Bersarin war ein begeisterter Motorradfahrer, als solcher starb er heute vor 75 Jahren bei einem Unfall an dieser Stelle in Friedrichsfelde. Vielleicht wird es nie ein größeres Denkmal für ihn geben. Wenn aber doch, dann sollte es zwischen dem Schlossnachbau und dem Reichstag stehen. Dort, wo die Soldaten Bersarins ihre letzten Gefechte führten, um den massenmörderischen Weltfeind Hitlerdeutschland niederzuwerfen. Das Denkmal sollte von den heutigen Bürgerinnen und Bürgern Berlins gestiftet, in einem Wettbewerb ausgeschrieben und dann – wer weiß? – womöglich zum 80. Jahrestag der deutschen Zwangsbefreiung enthüllt werden. Dazu bedarf es einer kleinen gemeinnützigen Organisation, die für die Sache wirbt und Geld sammelt, und eines Einvernehmens mit den politischen Kräften der Stadt. Auf dem Sockel sollte auf Russisch, Englisch, Französisch und Deutsch dieser Satz stehen, den Nikolai Bersarin am 20. Mai 1945 dem neu eingesetzten Berliner Magistrat mit auf den Weg gab: „Wir wollen, dass die Völker der ganzen Erde frei und froh leben und ein friedliches Leben führen.“