BarsikowKommt man nach Barsikow, hat man auf dem Weg viel Stille passiert, hat Felder gesehen, Weite und Kraniche. Irgendwo im Nirgendwo bei Wusterhausen im Landkreis Ostprignitz-Ruppin taucht das gelbe Ortseingangsschild auf. Zweifellos ist Barsikow idyllisch gelegen, doch was nützt es, wenn man dort ist und nicht wegkommt. Ohne Auto sind die 183 Bewohner und ihre Gäste aufgeschmissen. Keine Bahnanbindung, das Bäckermobil hielt 2017 das letzte Mal in Barsikow, der Schulbus fährt, aber sonst ... In einem landesweit einzigartigen Projekt machen die Dorfbewohner daher mobil gegen Landflucht und gegen das Abgehängtsein. Seit Februar hat der Dorfverein ein Elektroauto in Betrieb genommen, das alle Dorfbewohner gemeinsam nutzen.

Elektroauto per App buchen und losfahren

Fabio Meister ist gerade vom Einkauf in Neuruppin zurück. Er hat Kinderschuhe für seinen Sohn gekauft. Die 30 Kilometer bis in die Stadt ist er flott mit dem E-Dorfmobil gesurrt. „Die Nutzung ist simpel“, erklärt er mit dem Smartphone in der Hand. Man bucht das Auto im Voraus – auch kurzfristig – per App. Jeder, der fahren möchte, hat sie auf dem Handy. Per Bluetooth öffnet sich die Tür zur reservierten Zeit. Im Inneren des Wagens findet sich der Schlüssel und eine Ladekarte, um unterwegs auch nachtanken zu können. Auch die Abrechnung erfolgt quartalsweise über die App und per Lastschriftverfahren. 1,99 Euro pro Stunde kostet die Fahrt, plus 10 Cent für jeden gefahrenen Kilometer für den Strom. Etwa 30 Fahrer haben sich bereits angemeldet. „Wir rekrutieren aber auch bei Besuchern“, sagt Ortsvorsteher Willem Schoeber. Seine Tochter etwa sei neulich auf Besuch aus den Niederlanden gewesen und war mit dem E-Mobil in der Prignitz unterwegs.

„Klar hat hier jeder auch ein oder sogar mehrere eigene Autos“, sagt der Ortsvorsteher, als wir uns vor dem alten Konsum von Barsikow treffen. Aber umweltfreundlicher, kostengünstiger und smarter sei es doch, sich ein kleines Auto zu teilen. Viele große Autos für kleine Wege – das rechne sich nicht.

Willem Schoeber kam aus den Niederlanden nach Barsikow und ist seit 2016 Ortsvorsteher.
Foto: Berliner Zeitung/ Gerd Engelsmann

Und so sagten die rührigen Barsikower und ihr gewählter Vertreter, der aus den Niederlanden mit Umweg über Texas ins Dörfchen kam, zu, als der Landkreis anbot, das Projekt mit 25.000 Euro zu unterstützen. Das sind immerhin 80 Prozent des Kaufpreises für den Renault Zoe in der Farbe Arktis weiß. 100 kW hat das Dorfmobil, 135 PS, mit denen man etwa 300 Kilometer ohne Aufladen fahren kann. „Eine Fahrt nach Berlin und zurück ist kein Problem“, sagt Fabio Meister, der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Dorfmobil. Schon oft habe er nach einem Theaterbesuch den letzten Zug vom Bahnhof Zoo verpasst, das kommt dank Dorfmobil jetzt nicht mehr vor. Und es fallen ihm noch jede Menge weiterer Gründe ein, warum die Barsikower das Auto buchen: Besucher am Bahnhof abholen, ein Tagesausflug in die Umgebung, ein Arztbesuch. Willem Schoeber schwärmt überdies vom Fahrgefühl.

Alter DDR-Konsum ist neues Dorfzentrum

Überhaupt Gefühl. Abgehängt fühlen sie sich hier in Barsikow längst nicht mehr. Und das liegt auch am Dreh- und Ausleihpunkt für das Dorfmobil – am alten Konsum im Ort. Hier wird das Dorfmobil geladen. Wilfried Kunze, der eigens ernannte Fahrzeugwart, hat ein kleines Dach für die Steckdose an der Rückwand des Konsums gezimmert und eine Aufhängevorrichtung für das Ladekabel. „Wir hatten schon befürchtet, dass wir mit dem Auto hier im alten Konsum einen Schlüsselkasten aufhängen müssen“, lacht Kunze. Aber die Befürchtung ließ sich schnell ausräumen.

Seit Willem Schoeber den Konsum von 1987, der nach der Wende zusehends verfiel, kaufte und sanierte, ist der zu einem lebendigen Zentrum des Dorflebens geworden. Freies Wlan, Marmelade und Honig aus der Region, selbstgebackener Kuchen und regelmäßige Veranstaltungen schaffen einen Zusammenhalt, der etwas möglich macht. Hier gibt es neben Cocktails wie „Sex in the Field“ oder „Spitziger Storch“ auch immer wieder gute Ideen und Gemeinschaft.

Treffpunkt in Barsikow: der alte Konsum.
Foto: Berliner Zeitung/ Gerd Engelsmann

Von hier aus haben die Barsikower etwa ausgeheckt, dass es im Kirchturm nun eine Pilgerherberge für Wanderer auf dem Weg zur Wunderblutkirche in Bad Wilsnack gibt. Hier haben sie eine professionelle Bibliothek eingerichtet. Hier trifft man auf Menschen und ihre Geschichten, auf Kunst und Kultur. „Das Dorf braucht eine Seele, und die muss einen Platz haben“, sagt Willem Schoeber. Wurzeln und Flügel eben, oder einen Konsum und ein E-Mobil.