BerlinPolitik in diesen Zeiten ist oft laut und schlecht gelaunt, auf Effekte und die schnelle Nachricht zielend. All das war Thomas Oppermann nicht. Der Sozialdemokrat aus Niedersachsen behielt auch in schwierigen Situationen die Ruhe, er war meistens freundlich, schlagfertig und humorvoll, aber nie verletzend. In dieser Hinsicht ähnelte er Angela Merkel, mit der er in seiner Zeit als Fraktionsvorsitzender der SPD in der großen Koalition 2013 bis 2017 ein vertrauensvolles Verhältnis entwickelt hatte.

Der 1954 im westfälischen Warendorf geborene Oppermann sammelte erst einmal einige Lebenserfahrungen, ehe er zum Berufspolitiker wurde. Sein erstes Studium der Germanistik und Anglistik in Tübingen brach er ab und ging nach der Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer für zwei Jahre als freiwilliger Helfer für die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in die USA. Er engagierte sich für die Feld- und Waldarbeitergewerkschaft, ein erster Hinweis auf seine sozialdemokratische und gewerkschaftliche Gesinnung. Nach der Rückkehr aus den USA studierte er im Eiltempo in Göttingen Jura, die Examen legte er mit Prädikat ab. Gleichzeitig war er in der Juso-Hochschulgruppe und im Studentenparlament aktiv. Anschließend arbeitete er als Verwaltungsrichter und als Rechtsdezernent der Stadt Hannoversch Münden. 1990 wurde er zum ersten Mal für die SPD in den niedersächsischen Landtag gewählt, wo er – ähnlich wie der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – bald zu den jüngeren Männern im Umkreis des Ministerpräsidenten Gerhard Schröder gehörte. Der berief ihn 1998 zum Wissenschafts- und Kulturminister.

2005 zog Oppermann in den Bundestag ein, als die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder gerade die Wahl verloren hatte. Er verschaffte sich mit seiner rationalen, aber durchaus ehrgeizigen Art schnell Einfluss. Er wurde 2007 Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion und besetzte damit die entscheidende Schaltstelle der Parlamentsarbeit der SPD-Abgeordneten. Nach der verlorenen Bundestagswahl 2013 wählte ihn die Fraktion mit 90 Prozent der Stimmen zum Nachfolger von Frank-Walter Steinmeier als Fraktionschef. Er wurde damit zu einem der wichtigsten SPD-Politiker in der zweiten großen Koalition.

Er gehörte zur viele Jahre besonders einflussreichen Gruppe niedersächsischer Politiker in der SPD, was aber gleichzeitig seinem Wunschziel, Innen- oder Justizminister zu werden, im Wege stand. Immer war schon ein Kollege da, der den niedersächsischen Proporzanteil im Kabinett besetzte. Nach der letzten Bundestagswahl machte er Platz für die Parteivorsitzende Andrea Nahles, die auch den Fraktionsvorsitz übernahm. Seine Fraktion dankte ihm mit der Nominierung zum Bundestagsvizepräsidenten, ein Amt, das er mit seiner ebenso freundlichen wie im Zweifel auch entschiedenen Haltung perfekt ausübte.

Es passt zu seinem lebenslangen Engagement für die Demokratie, dass Thomas Oppermann am Sonntagabend im Alter von 66 Jahren praktisch bei der Arbeit gestorben ist. Er sollte nach ZDF-Angaben zum Thema „Bundestag und Corona“ als Live-Interviewgast in die Sendung „Berlin direkt“ aus dem Göttinger Max-Planck-Institut zugeschaltet werden. Während der erste Beitrag in der Sendung lief, sei er plötzlich zusammengebrochen, hieß es. Er wurde in die Universitätsklinik Göttingen gebracht und ist dort gestorben. Zahlreiche Politiker äußerten sich am Montag bestürzt über seinen plötzlichen Tod. Einen der schönsten Nachrufe erhielt er von einem politischen Gegner, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier von der CDU: „Du warst ein großartiger Demokrat und ein wirklich feiner Kerl.“