Jana K. und Sarah M. kümmern sich liebevoll um die Tauben.
Foto: Markus Wächter

BerlinSie sind verschrien als „Ratten der Lüfte“ und fallen immer häufiger Tierquälern zum Opfer: Berlins Stadttauben. Die Vögel finden kaum Hilfe, doch es gibt Menschen, die sich liebevoll um sie kümmern. Dazu gehören die Berlinerinnen Jana K. (45) und Sarah M. (28) – in ihren Wohnungen päppeln sie kranke Tauben auf.

Jana K. begann mit der besonderen Arbeit vor drei Jahren. „2017 fiel mir eine junge Ringeltaube vor die Füße, Krähen hatten sie aus ihrem Nest geholt“, erzählt die 45-Jährige. „Ich suchte nach Hilfe, fand aber niemanden, der sich dafür interessierte. Also nahm ich die Taube auf und zog sie groß.“ Sarah M. (28) habe schon als Kind kranken und verletzten Vögeln geholfen, sie zum Tierarzt gebracht. „Das Elend auf den Straßen Berlins konnte ich irgendwann nicht mehr ertragen. Weil es zu wenig Pflegestellen gab, gründete ich selbst eine.“

Die Organisation der inzwischen etwa 30 Berliner Pflegestellen erfolgt auch über Facebook, hier gibt es unter anderem die Gruppe „Start with a Grain“ („Beginne mit einem Korn“). Findet jemand eine kranke Taube, kann dort ein Hilferuf abgesetzt werden. Wer in seiner Päppelstelle einen freien Platz hat, gibt dem Vogel Asyl. „Wir fahren dann durch Berlin und holen die kranken Tauben ab“, sagt Jana K.

Bei einer ersten Untersuchung wird der Zustand des Tieres überprüft. „Wir schauen uns das Gewicht an, gucken, ob die Taube gut ernährt ist, suchen nach Verletzungen.“ Dann geht es ans Päppeln, abhängig vom Gesamtzustand der Taube. „Stark unterernährte und geschwächte Tauben bekommen über eine Sonde Elektrolyte in den Kropf. Wenn es ihnen besser geht, füttern wir sie zuerst mit Aufzuchtbrei, später mit Körnern.“ Bei Verletzungen geht es zum Tierarzt. Die Kosten für Material, Futter und Arztbesuche tragen die ehrenamtlichen Tierretter selbst.

Das Problem: Die Vögel haben in der Stadt keine Lobby, fallen sogar immer wieder Tierquälern zum Opfer. „Wir haben Vögel, die von Menschen misshandelt wurden. Leute schneiden ihnen die Federn ab, rupfen sie, verbrennen sie.“ Erst neulich hatten sie mit einem Tier zu tun, das querschnittsgelähmt war. „Augenzeugen hatten beobachtet, dass jemand die Taube mit voller Wucht auf den Boden geknallt hatte.“ Im Moment seien vor allem dehydrierte und verdurstete Tauben ein Problem. „Es gibt zwar Leute, die Wasserschalen aufstellen, aber diese werden regelmäßig zerstört, ausgeschüttet und geklaut. Man gesteht den Vögeln nicht einmal frisches Wasser zu“, sagt Jana K.

Den Hass auf die Tiere können die beiden, die hauptberuflich als Krankenschwestern arbeiten, nicht verstehen, erst recht nicht das immer wieder propagierte Bild der „Ratten der Lüfte“. „Es heißt, dass sie Krankheiten übertragen, dass ihr Kot Bausubstanz zersetzt. Viele dieser Klischees sind wiederlegt“, sagt Sarah M. Tauben seien sensible, soziale Tiere. „Jede hat ihren Charakter. Wir haben lustige Tauben, schüchterne, manche benehmen sich wie Machos. Das macht beim Päppeln viel Freude!“

Problematisch sehen die beiden auch, dass vonseiten der Stadt überhaupt nichts unternommen wird, um den Tieren zu helfen. „Es müsste betreute Taubenhäuser geben, wo man sie kontrolliert füttern kann“, sagt K. „Da Tauben standorttreu sind, würden sie dann auch nicht mehr durch die ganze Stadt streunen und Futter suchen.“ Bisher gibt es feste Taubenschläge nur an wenigen Orten, unter anderem am S-Bahnhof Schöneberg. Dort werden die Tauben-Eier sogar gegen Exemplare aus Gips ausgetauscht, um die Population einzudämmen.

Aber nicht nur von der Stadt, auch von den Berlinern wünschen sich die Tierschützer Unterstützung. Momentan suchen die Ehrenamtlichen verstärkt nach „Tauben-Taxis“ – also Menschen, die kranke Vögel freiwillig in die Pflegestellen fahren, um die Pfleger zu entlasten. Interessenten können sich unter startwithagrain@gmail.com oder über  www.startwithagrain.de melden. Wichtig sei es aber vor allem, die Tiere zu akzeptieren. „Jeder kann darauf achten, dass den Vögeln keine Gewalt angetan wird“, sagt Sarah M. „Wenn ich auf öffentlichen Plätzen Familien mit Kindern sehe, die Tauben jagen, spreche ich sie auch an. Denn jedes Lebewesen hat Respekt verdient.“

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