Berlin - Eine Kreuzfahrerin fährt Kreise im Indischen Ozean, weil ihr Schiff nirgendwo mehr anlegen darf. Eine Hausärztin bietet Patienten Selbsttests für zu Hause an und wird dafür gerügt. Ein Amtsarzt aus Berlin-Mitte schläft auf dem Feldbett in seinem Büro. Eine Musikjournalistin fährt mit Corona-Symptomen ins Krankenhaus und wird, ohne getestet zu werden, weggeschickt. Eine Schriftstellerin hofft auf großen Erfolg und landet im Lockdown. Einem türkischen Lebensmittelhändler gehen Hefe und Toilettenpapier aus, einer Apothekerin Masken und Paracetamol. Und der Betreiber des Clubs Trompete richtet, ohne es zu ahnen, eine Superspreader-Party aus. Reporterinnen und Reporter der Berliner Zeitung trafen zehn Menschen und ließen sich berichten über jene Zeit zwischen Sorglosigkeit und Überforderung, in der keiner wusste, wie es weitergeht, die schon Geschichte ist, aber auch noch Gegenwart.

8. Januar 2020 

DIE KREUZFAHRERIN: Neun Tage nachdem in Wuhan der Ausbruch einer neuen Lungenkrankheit mit noch unbekannter Ursache bestätigt wird, geht Verena Sommerfeld auf Kreuzschifffahrt. Sieben Wochen mit der „Queen Mary 2“ von Hamburg nach Hongkong, und dann, als Highlight: China, eine Rundfahrt mit dem Schnellzug nach Peking und Schanghai. Darauf, sagt Verena Sommerfeld, habe sie sich besonders gefreut.

Verena Sommerfeld ist 70 Jahre alt, Malerin und wohnt in Berlin-Lankwitz. Sie war noch nie in China, diesem rätselhaften Land, das auf dem Weg ist, die USA als Weltmacht abzulösen. Sie fragt sich, ob der „Chinese Way of Life“ auch nach Deutschland schwappt, wie damals die Jeans und der Blues aus Amerika, und ob das auch ihr Leben beeinflussen wird. 

Die Reise haben sie und ihr Mann vor einem Jahr gebucht, eine Kreuzfahrt mit Bildungsanspruch. Als sie die britische Küste verlassen, diskutieren sie über den Brexit: Bye, bye Britain. Als auf der Steuerbordseite Afrika auftaucht, über Flüchtlinge. Das sind die großen Probleme in der Welt im Januar 2020. Auf dem Sonnendeck will Verena Sommerfeld Literatur über China lesen.

11. Januar 2020

DER AMTSARZT: Der zweite Sonnabend des Jahres. Eigentlich hat Lukas Murajda heute frei. Er will den Tag mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter verbringen. Aber so richtig abschalten kann er nicht. Murajda, 40, gebürtiger Slowake, ist seit einem halben Jahr Amtsarzt des Bezirks Mitte. Er leitet das Gesundheitsamt, eine Behörde mit 240 Mitarbeitern, die für die Einschulungsuntersuchungen, den sozialpsychiatrischen Dienst und den Infektionsschutz zuständig ist. Ein Verwaltungsjob, mit festen Arbeitszeiten. Murajda ist aber auch Wissenschaftler und Epidemiologe, er hat die Verläufe der großen Epidemien der vergangenen Jahre studiert, Ebola, SARS, Schweinegrippe. Er weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die nächste Pandemie kommt.

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
 Lukas Murajda, Amtsarzt in Berlin-Mitte. 

Seit Dezember ist in den Nachrichten die Rede von der neuen Krankheit in China. Sie soll ihren Ursprung auf einem Markt für exotische Tiere genommen haben. Die Chinesen befürchten, dass es wieder SARS ist, wie vor knapp zehn Jahren. Am 9. Januar erklären die chinesischen Behörden, dass die Infektion durch ein neuartiges Coronavirus hervorgerufen wird. SARS wurde durch ein Coronavirus ausgelöst, vier harmlosere Coronaviren zirkulieren als Erkältungsviren jeden Winter, das weiß Murajda. Aber dieses scheint nicht harmlos zu sein.

Murajdas Telefon klingelt. Eine Frau ist am Flughafen Tegel gelandet, sie hat Erkältungssymptome und fürchtet, sie könnte sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert haben. Sie kommt von einem Familienbesuch in Wuhan. Murajda ist alarmiert. Er muss als zuständiger Amtsarzt entscheiden, was zu tun ist. Die Frau könnte der erste Corona-Fall in Berlin sein, der Patient null.

Finden, isolieren, testen, das war der Lehrsatz zur Eindämmung einer Pandemie, den er seinen Studenten an der Comenius-Uni in der Slowakei eingebläut hat, als er noch am Institut für Public Health lehrte.  Amtsarzt Murajda telefoniert, mit der Feuerwehr, dem Labor der Charité. Mit einem Rettungswagen lässt sich die Frau aus Tegel ins DRK-Klinikum in der Drontheimer Straße in Wedding bringen. Sie wird dort vom Klinikpersonal in Empfang genommen und isoliert.

Murajda telefoniert spät in der Nacht mit ihr, um die Reise-Anamnese und Symptome zu erfassen. Sie hat Fieber, ist müde, hustet. Irgendwann ist der Akku ihres Telefons leer, der Amtsarzt kann sie nicht mehr erreichen. Murajda würde am liebsten jetzt sofort, in der Nacht, losfahren und einen Test machen, aber der dortige Arzt bestellt ihn zum Dienstwechsel zwischen fünf und sechs Uhr morgens in die Klinik.

Für den Abstrich schiebt ein Kollege der Frau ein Stäbchen in den Hals. So, wie es auch bei Verdacht auf Influenza gemacht wird. Doch zum ersten Mal wird in Berlin nach dem Virus gesucht, das noch keinen Namen trägt. Murajda bringt ein Röhrchen mit dem Abstrich zum Institut für Virologie an der Charité. Es wird geleitet von Professor Christian Drosten, der den weltweit ersten Test zum Nachweis von Coronaviren entwickelt hat.  Der Test der Frau ist, stellt sich am nächsten Tag heraus, negativ. Lediglich ein Rhino-Virus lässt sich nachweisen, die Frau hat eine klassische Erkältung.

21. Januar 2020

DIE HAUSÄRZTIN: Sibylle Katzenstein hört in den Nachrichten, dass das neue Virus in China von Mensch zu Mensch übertragen wird. Katzenstein macht sich Sorgen. Was, wenn sich das Virus auch über China hinaus verbreitet? Nach Deutschland kommt, nach Berlin, nach Neukölln, in ihre Hausarztpraxis? 

Katzenstein, 54 Jahre alt, ist immer auf dem neuesten Stand und tauscht sich mit anderen aus. In ihrer Praxis arbeiten: zwei medizinische Fachangestellte, eine Ärztin, ein Weiterbildungsarzt, ein Jurist und immer wieder Studierende im Praktikum. Sie sprechen Russisch, Chinesisch, Französisch, Katzenstein selbst macht die Hälfte ihrer Konsultationen auf Englisch – ihr Team ist so jung und international wie ihre Patienten hier in Nordneukölln.

DER LEBENSMITTELHÄNDLER: Yilmaz Aslanboga, 38, liest die Zeitung wie jeden Tag nach Feierabend. Tagsüber arbeitet er im Ada-Supermarkt an der Sonnenallee in Neukölln, ein Familienbetrieb. Er macht die Büroarbeit und ist für die Bestellung und Annahme der Ware zuständig.

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Yilmaz Aslanboga in seinem Lebensmittelladen in Neukölln. 

Den Namen des Markts hat er sich ausgedacht. Ada heißt Insel. Er liest an diesem Abend, dass die Zahl der Menschen in China, die an der neuartigen Lungenkrankheit gestorben sind, auf 17 gestiegen ist. Er überlegt: 17 Menschen in China? Natürlich ist es traurig, wenn jemand stirbt. Aber 17 von 1,5 Milliarden? Das ist doch normal, denkt er. 

28. Januar 2020

DER AMTSARZT: Die Berliner Corona-Hotline nimmt ihre Arbeit auf. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt der Bezirke Charlottenburg-Wilmersdorf, Mitte und Reinickendorf, unterstützt von der Senatsgesundheitsverwaltung. Als Sitz lässt der Gesundheitsstadtrat von Mitte, Ephraim Gothe, einen Saal im Bezirksamt Mitte in der Müllerstraße umbauen. Innerhalb von zwei Tagen melden sich über 80 Behördenmitarbeiter freiwillig, um Telefondienst zu machen. Gesundheitsamtschef Lukas Murajda ist begeistert.

Verunsicherte Menschen aus ganz Deutschland, Auslandsdeutsche auf den Seychellen, aus Australien rufen an. Es ist die erste Corona-Hotline Deutschlands, der Informationsbedarf ist riesig. Was sind die Symptome? Wie kann man sich anstecken? Wann muss man in Quarantäne? Soll man Masken tragen? Oft können die Mitarbeiter nur auf den Hausarzt oder das Robert Koch-Institut verweisen. Berlin hat noch keinen einzigen Fall, berät aber schon die Welt.

29. Januar 2020

DIE KREUZFAHRERIN: Verena Sommerfeld hat sich an das Bordleben gewöhnt, Lissabon, Haifa, Akaba liegen hinter ihr, das erste China-Buch ist ausgelesen, Freundschaften wurden geschlossen, Tischgemeinschaften gebildet. Beim Essen im Bordrestaurant sitzen sie und ihr Mann mit einem Berliner Paar ihres Alters und mit einem Schweizer zusammen, der sich selbst die Kreuzfahrt zu seinem 40. Geburtstag geschenkt hat und bei einem großen Umweltverband arbeitet. Ein Grüner auf Kreuzfahrt! Die Tischrunde zieht ihn ein bisschen auf.

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Verena Sommerfeld in ihrer Wohnung in Berlin-Lankwitz.

Punkt 12 Uhr gibt es eine Durchsage vom Kapitän. Verena Sommerfeld hört sie von ihrem Zimmer aus, während sie sich zum Essen umzieht. Normalerweise verkündet der Kapitän, wo sie gerade sind, wie schnell sie fahren, wie das Wetter wird, oder streut Geschichten aus seinem Seemannsleben ein.

Die Reiseroute wird geändert, verkündet er auf Englisch. Aufgrund der Corona-Lage in China könne die „Queen Mary 2“ nicht in Hongkong anlegen. Nächste Station: Singapur. Verena Sommerfeld sitzt auf ihrem Bett und versucht, die Informationen zu ordnen.

Am Vormittag war bereits die China-Rundreise vom Reiseveranstalter abgesagt worden, auch wegen Corona. Da hatten sie und ihre Mitreisenden noch Pläne geschmiedet, sich auf eigene Faust durchs Land zu schlagen. In der Gruppe sind schlechte Nachrichten leichter zu ertragen, so scheint es. Die Ansage vom Kapitän ist in diesem Moment vor allem das: eine schlechte Nachricht, eine Maßnahme übervorsichtiger Reiseveranstalter.

Beim Mittagessen, traumhaftes Wetter, Blick auf die Wellen, ist die Stimmung gedrückt. Der Schweizer will unbedingt nach Hongkong, immer noch, und überlegt, wie er von Singapur aus dorthin kommt. Verena Sommerfeld findet sich mit den Gegebenheiten ab. Sri Lanka, Vietnam, Thailand liegen ja noch vor ihr. Freut sie sich eben darauf! Ihr Mann bucht die Flüge um: Singapur – Berlin.

DER ASSISTENZARZT: Fiete Näher hat Spätdienst. Das Emil von Behring Klinikum, eine Lungenklinik, liegt in Zehlendorf am Stadtrand, Villen, Einfamilienhäuser. Die Menschen, die in die Rettungsstelle kommen, haben Fahrradunfälle oder Herzinfarkte. Manchmal hat einer zu viel getrunken.

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Fiete Näher war Assistenzarzt am Emil von Bering Klinikum, als Corona nach Berlin kam. 

An diesem Abend taucht kurz vor Ende der Schicht ein älteres Ehepaar auf. Sie waren gerade auf Kreuzfahrt in Asien und fühlen sich erkältet. Sie haben von dem neuen Virus aus China gehört und befürchten, sich angesteckt zu haben. Näher hat bisher kaum Erfahrungen mit hoch infektiösen Krankheiten, er ist erst seit einem Dreivierteljahr Assistenzarzt. Sicherheitshalber bringt er das Paar schnell in ein Zimmer und hängt einen Zettel an die Tür: „Achtung“. Dann übergibt er die Patienten dem Nachtdienst und geht nach Hause. Von dem Ehepaar hört er nichts mehr.

1. Februar 2020

DIE APOTHEKERIN: In Jana Schreibers Apotheke in Spandau steht eine Kundin am Tresen. Sie will nichts kaufen, auch keine Medikamente abholen. Sie hat eine Frage: Sie habe für heute Abend Konzertkarten. Aber sie wisse nicht, ob man jetzt noch gehen könne, wegen dieses Virus. Was würden Sie machen?, fragt sie. Die Mitarbeiterin sagt, sie selbst habe Theaterkarten für den Abend. Und ja, sie werde gehen.

Solche Fragen werden jetzt immer öfter gestellt. Die Apotheke wird zum Corona-Beratungszentrum. Die Angestellten versuchen, die Kunden zu beruhigen, wissen aber auch nicht viel mehr. Chefin Jana Schreiber, 39 Jahre alt, in Schwerin geboren, hat in Greifswald Pharmazie studiert. In ihrem Studium kamen Pandemien kaum vor. Zu den am meisten verkauften Medikamenten ihrer Apotheke zählen: Asthmamittel, Herz-, Kreislauf- sowie Krebsmedikamente, Psychopharmaka, Verbandsstoffe, Erkältungsmittel.

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Die Apothekerin Jana Schreiber.

Die Hausärztin fährt Ski, die Kreuzfahrerin bekommt eine Hiobsbotschaft, die Schriftstellerin wird für den Buchpreis nominiert

2. bis 8. Februar 2020

DIE HAUSÄRZTIN: Sibylle Katzenstein fährt in den Skiurlaub nach Bayern und besucht auch gleich noch eine sportmedizinische Veranstaltung. Ärzte aus ganz Deutschland kommen zusammen. Kardiologen referieren über die Wichtigkeit von Sport für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Corona ist kein Thema, nicht bei den Programmpunkten, nicht in den Pausen.

DIE KREUZFAHRERIN: Wieder eine Durchsage vom Kapitän, wieder eine Hiobsbotschaft: Singapur wird doch nicht angefahren. Auch alle anderen asiatischen Häfen sind gestrichen: Thailand, Vietnam, Malaysia. Es gibt nur noch zwei Optionen für Verena Sommerfeld: In Kuala Lumpur aussteigen und von dort nach Deutschland zurückfliegen oder weiter nach Australien fahren. Verena Sommerfeld und ihr Mann beschließen, in Kuala Lumpur auszusteigen. Australien kennen sie schon. Verena Sommerfeld ruft ihre Freundin an, die sich in der Berliner Wohnung einquartiert hat: Wir kommen eher! Die Freundin sagt, das sei ein bisschen ungünstig, sie habe sich für die letzte Woche Besuch eingeladen.

An Bord wird diskutiert. Warum legen sie nicht in Vietnam an, wenn es da noch gar keine Corona-Fälle gibt? Der Kapitän stellt klar, es sind nicht die Orte, die Anlass zur Sorge geben, sondern mit Corona infizierte Passagiere, die zusteigen könnten.

Die gerade erst umgebuchten Flüge müssen schon wieder umgebucht werden, die Preise steigen, Fluggesellschaften sind überlastet, überall in Asien brechen Urlauber ihre Reisen ab. Die „Queen Mary 2“ fährt Kreise im Indischen Ozean, sie muss Zeit schinden, nun, da sie nicht mehr anlegen darf. In den Nachrichten wird berichtet, dass auf der „Diamond Princess“ in Japan Corona ausgebrochen ist. Seit dem 3. Februar wird das Kreuzfahrtschiff im Hafen von Yokohama unter Quarantäne gehalten, die Passagiere dürfen ihre Kabinen nicht verlassen.

Auf der „Queen Mary 2“ macht sich Langeweile breit. Keine Landgänge mehr, keine neuen Referenten oder Künstler, die zusteigen. Das Schiffsorchester spielt jeden Abend. Ein bisschen wie auf der Titanic. Zum Sonnenuntergang gibt es Freigetränke.

11. Februar 2020

DIE SCHRIFTSTELLERIN: Verena Güntner wird mit ihrem Roman „Power“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. „Power“, so heißt ein Hund, der verschwindet und den ein elfjähriges Mädchen zusammen mit anderen Dorfkindern sucht. Aber „Power“ steht auch für die Entschiedenheit dieser Kinder, einer neuen Generation, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Güntner ist 42, „Power“ ist ihr zweiter Roman. Außer ihr sind so bekannte Autoren wie Lutz Seiler oder Ingo Schulze nominiert.

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Die Schriftstellerin Verena Güntner.

Der DuMont-Verlag beschließt, die Buchveröffentlichung, die eigentlich erst für März geplant ist, auf den 18. Februar vorzuziehen. Das Literaturgeschäft ist schwierig, die Nominierung allein ein Riesenerfolg. Schnell kommen die ersten Lesungsanfragen, und Verena Güntner kauft sich zum ersten Mal seit Jahren einen echten Handkalender für ihre Termine, statt sie nur ins Handy zu tippen. Als Mutter von drei Kindern muss sie jetzt viel organisieren. Ihre jüngste Tochter, im Sommer 2019 geboren, ein Frühchen, wird noch gestillt. 

DIE APOTHEKERIN: Das Kollegium der Hauptstadtapotheke in Spandau trifft sich zur großen Dienstbesprechung in einem Café. Sie stoßen auf das alte Jahr an, dann folgt der Ausblick aufs neue: Digitalisierung, das E-Rezept, die Apotheke der Zukunft. Jana Schreiber, jung, ehrgeizig, offen für alles Neue, kündigt ihren Mitarbeitern die Teilnahme an einem Pilotprojekt an. Ein Coach, den sie dazu geladen hat, stimmt auf die neuen Aufgaben ein: Die Welt dreht sich weiter, wir bleiben am Ball, so fasst Schreiber es heute zusammen. „Kein Wort von Corona.“

DIE KREUZFAHRERIN: Die „Queen Mary 2“ legt in der Straße von Malakka in Port Klang an. 180 Passagiere steigen aus, darunter Verena Sommerfeld. Im Gänsemarsch zur Passkontrolle, Fiebermessen an der Gangway, durch eine Schleuse in den Bus. Keine Sekunde werden sie aus den Augen gelassen. Auf dem Flughafen gehen sie und ihr Mann chinesisch essen. Es schmeckt fantastisch. Noch einmal bedauern sie, das große Abenteuer vorzeitig abbrechen zu müssen, China nicht gesehen zu haben. Das Ende einer Fernreise in Zeiten der Epidemie. Sie haben sie kurz gestreift, waren von ihr betroffen, ein bisschen verunsichert. Aber jetzt steigen sie ins Flugzeug, Qatar Air, Business Class, und je weiter sie sich von Asien entfernen, desto weiter lassen sie das Virus, das ihren Urlaub zerstört hat, hinter sich. In Berlin, sind sie überzeugt, geht das Leben weiter wie immer. Verena Sommerfeld freut sich auf die Berlinale.

13. Februar 2020

DIE SCHRIFTSTELLERIN: Verena Güntner liest den Facebook-Post eines Journalisten, der in Peking lebt. Er beschreibt seinen Flug nach Berlin. In China und im Flugzeug höchste Vorsicht, Masken, Handschuhe, Desinfektionsmittel. In Berlin: nichts. Der Journalist schreibt: „Glauben die Behörden hier, dass das Virus an der Grenze haltmacht?“ Verena Güntner geht der Satz nicht aus dem Kopf, tagelang, sie beschleicht so eine Ahnung, dass Corona ihren Handkalender durcheinanderbringen könnte. Sie schreibt eine Mail an ihre Lektorin: „Meinst du, dass die Buchmesse stattfinden wird?“ „Klar“, antwortet die Lektorin, „wir decken uns mit Desinfektionsmitteln ein.“

Die Hausärztin baut die Praxis um, die Apothekerin hustet, die Kreuzfahrerin geht zur Berlinale

17. Februar 2020

DIE HAUSÄRZTIN: Das Virus hat Italien erreicht, und Sibylle Katzenstein denkt: Jetzt kommt es bald auch nach Deutschland. Ein ganzer Schwung Patienten sitzt bei ihr im Wartezimmer, darunter eine italienische Familie, die gerade in der Lombardei war. Katzenstein versteht nicht, dass alle anderen um sie herum so ruhig bleiben. In einer WhatsApp-Gruppe, in der sie normalerweise mit Kollegen Notdiensttermine bespricht, schreibt sie: „Wir werden bald überlastete Kliniken haben. Eigentlich müssten wir uns darauf vorbereiten.“ Keiner reagiert. 

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Die Hausärztin Sybille Katzenstein.

Katzenstein ruft ihren Bruder an. Er ist gelernter Tischler und schaut sich ihre Praxisräume an. Die Geschwister zeichnen Entwürfe, wie die Praxis so umgebaut werden könnte, dass es mehr Schutz vor Tröpfcheninfektionen gibt. Der Bruder kauft Trennwände und Plexiglasplatten im Baumarkt und fängt an zu sägen und zu hämmern.

Drei Tage später trennen Scheiben am Empfang und an den Arzttischen die Patienten von der Ärztin und ihrem Team. Katzenstein merkt, wie sich ihre Arbeit verändert. Als Allgemeinärztin hat sie Patienten mit den verschiedensten Anliegen in der Praxis, sie kommen zum Impfen, wegen Hautproblemen oder Depressionen. Aber nun sind viele unsicher, ob sie vielleicht Corona haben.

Katzenstein ist frustriert, weil sie nichts anbieten kann außer der Information, dass nur diejenigen getestet werden, die nachweislich mit einer infizierten Kontaktperson zu tun hatten und außerdem Symptome aufweisen. Beim Robert Koch-Institut heißt es, die Gefahr sei gering. „Deutschland ist hervorragend vorbereitet“, liest sie in den Nachrichten.

Eine Hotline des Gesundheitsamts verweist Patienten an ihre Hausärzte – aber woher sollen die wissen, was zu tun ist? Katzenstein versucht, beim Gesundheitsamt anzurufen, sie wüsste gern, was der Stand der Dinge ist, was sie ihren Patienten erzählen soll. Nach vielen Versuchen geht endlich jemand ans Telefon. Er weist auf eine Veranstaltung von Professor Christian Drosten hin.

22. Februar 2020

DER CLUBBETREIBER: Sven Rejzek steht in der Trompete, und wie immer, kurz bevor er, der Betreiber, den Club verlässt, schaut er noch einmal in die Runde, in die Gesichter der Feiernden: Sie sitzen in den Couchecken, tanzen zwischen den Tischen, beugen sich über den Tresen, um dem Barkeeper etwas zuzurufen. Es ist nach Mitternacht, die Party wird noch eine Weile dauern, fast 300 Menschen haben die Türsteher hereingelassen, ein paar stehen noch an. Sven Rejzek geht, wenn er das Gefühl hat, der Abend läuft. 

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Sven Rejzek, Betreiber der Bar Trompete.

Der gebürtige Darmstädter zog 1989 nach Berlin, erst Schöneberg, dann Friedrichshain, jetzt Pankow. Die Trompete steht am Lützowplatz, abseits der Partyrouten der Easyjet-Touristen. Die Idee hatte der Legende nach Dimitri Hegemann, der Tresor-Gründer. Er rief damals Otto Sander an und wollte mit ihm eine Jazzbar aufmachen, doch statt Sander ging dessen Sohn Ben Becker ans Telefon. Der spielte Trompete und fand die Idee mit dem Club toll. Sein Instrument hängte er in einen Schaukasten neben der Tür. Die Trompete ist weg, Becker verließ die Clubleitung, der Name blieb.

DIE SCHRIFTSTELLERIN: In der Diskothek des Leipziger Schauspiels findet die erste Nominierten-Lesung statt. Als Verena Güntner darauf wartet, auf die Bühne gerufen zu werden, hat sie Durst, aber kein Wasser dabei. Die mitnominierte Lyrikerin Maren Kames, die neben ihr sitzt, bietet ihr ihre Flasche an. Einen Moment zögert Verena Güntner. Macht man das noch, aus fremden Flaschen trinken? So einen Moment wird sie später immer wieder erleben, Zweifel, die gegen die Macht der Gewohnheit kämpfen. Sie nimmt die Flasche und trinkt.

Auf der Bühne wird Verena Güntner gefragt, ob es schwer war, das zweite Buch zu schreiben. Sie sagt, es sei harte Arbeit gewesen, sie habe gegen viele Widerstände angeschrieben, innere und äußere. Es habe eigentlich gar keinen Spaß gemacht.

Am Tag danach fahren die Nominierten von Leipzig nach Halle, wo die zweite Lesung stattfindet, alle zusammen in einem alten Peugeot. Später im Zug auf der Rückfahrt nach Berlin nimmt Verena Güntners kleine Tochter alles in den Mund, was sie in die Finger bekommt, sie ist in dem Alter, macht das ständig, aber hier, wo so viele fremde Menschen zusammenkommen, wo überall Viren und Bakterien sein können, stört es Verena Güntner mehr als sonst.

24. Februar 2020

DIE APOTHEKERIN: Jana Schreiber ist krank. Mit einem Kratzen im Hals fängt es an, dann kommt Husten dazu, „wahnsinniger Husten“, sagt sie. Die Kollegen machen Witze, was sie wohl habe, ausgerechnet jetzt, sonst werde sie doch nie krank. Ein paar Tage hält sie auf Arbeit durch, dann ist sie zu schwach, liegt mit Fieber im Bett. Eine Erkältung, denkt sie, Corona kommt ihr nicht in den Sinn. In Berlin gibt es ja noch keinen einzigen Fall. Sie gurgelt, inhaliert, schläft. Ein Arzt diagnostiziert später eine Rippenfellentzündung. 

Ihr Mann steckt sich bei ihr an, gleiche Symptome, allerdings klagt er auch ab und zu über Luftknappheit. In ihrer Apotheke werden derweil die Masken knapp, erfährt sie am Telefon. So viele Masken, wie 2019 im ganzen Jahr verkauft wurden, gehen plötzlich in wenigen Stunden weg. FFP2-Masken sind nur noch zu utopischen Preisen zu bestellen, Desinfektionsmittel gar nicht mehr lieferbar.

25. Februar 2020

DIE KREUZFAHRERIN: Verena Sommerfeld ist nach ihrer verhinderten China-Reise gleich weiter zu ihrer Tochter nach Augsburg gefahren, um bei der Kinderbetreuung zu helfen, und ein bisschen auch, um ihren Berliner Übernachtungsgästen nicht den Urlaub zu verderben. Jetzt, zurück in Berlin, ist ihr Kalender voll. Xenia-Hausner-Ausstellung, Deutsches Theater, Treffen mit Freunden im Kaffeehaus, Friseur, Arzt, Kosmetik, und die neue Ausstellung im Jüdischen Museum muss sie auch unbedingt angucken.

Das Virus ist fast vergessen, China nicht. Auf der Berlinale sieht sie „Days of Cannibalism“, eine Geschichte über chinesische Händler, die Afrika erobern wollen. „Geschenkte Zeit“ nennt sie die Tage, die sie eigentlich noch auf dem Kreuzfahrtschiff gewesen wäre. Ihre Mitreisenden, die weiter nach Australien fahren, schreiben Mails. Wie toll alles sei. Und ein Kabinen-Upgrade hätten sie auch bekommen.

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Thomas Klotzkowski auf der Sonderisolierstation der Charité.

DER PFLEGER: Nach Feierabend klickt sich Thomas Klotzkowski, 55, pflegerischer Leiter der Station 59 im Virchow Klinikum der Charité, regelmäßig durch die Website des Centers for Disease Control and Prevention in den USA und schaut sich an, wo auf der Welt sich ansteckende Krankheiten verbreiten. Station 59 ist eine Sonderisolierstation mit 20 Betten, es ist die größte in Deutschland, spezialisiert auf Patienten mit lebensgefährlichen, hoch ansteckenden Krankheiten, ausgerüstet für den Katastrophenfall.

Klotzkowski, seit 30 Jahren im Dienst, hat schon viel gesehen. Tuberkulose, Typhus, Gelbfieber. Vor fünf Jahren hatten sie mal einen Patienten mit Ebola-Verdacht. Als Klotzkowski im Dezember das erste Mal über eine neuartige Erkrankung im chinesischen Wuhan liest, ist er beunruhigt. Jetzt, im Februar, beginnen sie auf der Station mit den Vorbereitungen, überlegen, wie sie sich am besten schützen können, wenn sie Patienten mit Covid-19 versorgen müssen. Dass die Krankheit nach Berlin kommt, ist für Klotzkowski nur eine Frage der Zeit.

26. Februar 2020

DER AMTSARZT: Lukas Murajda lernt immer mehr über den Erreger und die Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, Kranke mit Symptomen zu suchen. Finden, isolieren, testen, so sein Leitspruch. Dass man das Virus auch weitergeben kann, ohne Symptome zu haben, ist noch nicht bekannt. Es fehlen Schutzkleidung und Masken. Er weist seine Wirtschaftsstelle an, alles aufzukaufen, was auf dem Markt ist. „Zu jedem Preis.“ Er fährt selbst in Baumärkte, kauft kistenweise Malerkittel und Atemschutzmasken.

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
In den ersten Tagen der Pandemie ist Amtsarzt Lukas Murajda ständig unterwegs. 

Er besucht Menschen, die sich mit Symptomen melden, ist täglich im Auto unterwegs, macht Abstriche. Immer mehr melden sich. Er verbraucht so viele Masken in einer Woche wie sonst in einem ganzen Jahr nicht. Sein Rucksack ist gefüllt mit Schutzkleidung, Testproben und Desinfektionsmitteln. Die Tests sind negativ. Noch. Manchmal übernachtet er jetzt auf einem Feldbett im Büro, weil es so spät wird.

DIE SCHRIFTSTELLERIN: Verena Güntner bekommt eine SMS einer österreichischen Kollegin: „Ich komm zu deiner Buchpremiere.“ Verena Güntner antwortet: „Ich freu mich. Hoffentlich spreadet Corona sie nicht away.“ - „Ach ne“, schreibt die Kollegin, „wird schon.“ 

DIE HAUSÄRZTIN: Sibylle Katzenstein nennt ihr Wartezimmer jetzt „Infektzimmer“: Der Raum hat eine Tür zur Straße, sodass Patienten mit Erkältungssymptomen nicht durch den Haupteingang müssen. Abends sitzt die Ärztin im Langenbeck-Virchow-Haus in Mitte, wo der Virologe Christian Drosten eine Vorlesung über das neuartige Coronavirus hält. Mitglieder der KV, der Kassenärztlichen Vereinigung, und des Robert Koch-Instituts sind dabei, mindestens 400 Ärzte, niemand trägt Maske.

Der Vortrag ist sehr akademisch, aber am Ende geht es doch noch um ein paar konkrete Fragen: Wie macht man einen Abstrich, wo bekommen wir Masken her? Ein Vertreter der KV sagt, Ärzte seien doch freie Unternehmer, die selbst vorsorgen müssten. Vertreter des RKI sagen, die Gefahr sei gering.

Am nächsten Tag  stellt Katzenstein neue Mitarbeiter ein. Drei Medizinstudenten arbeiten jetzt fest bei ihr. Katzenstein bestellt eine neue Waschmaschine mit integrierter Trocknerfunktion, damit sie die Arbeitskleidung nicht immer mit nach Hause nehmen muss. Außerdem stellt sie neue Regeln für das Team auf: Viel lüften, regelmäßig Türklinken desinfizieren, Patienten auf den Desinfektionsspender am Eingang hinweisen. Das Kartenlesegerät, mit dem die Patienten ihre Karte selbst einlesen können, wird auf den Tresen gestellt.

Desinfektionsmittel und Schutzausrüstung sind kaum noch zu bestellen. Ein benachbarter Apotheker schenkt ihr einen Kanister mit Desinfektionsmittel. Auch Atemschutzmasken gibt es nicht, weder für sie noch für ihr Team, weshalb das Testen ein Risiko für sie ist. Die PCR-Tests hat sie inzwischen von einem Großlabor organisiert.

Nach Feierabend geht Sibylle Katzenstein mit ihrer Tochter spazieren. Dabei kommt der 16-Jährigen eine simple Idee: Warum testen die Leute sich nicht einfach selbst, zu Hause, um niemanden zu gefährden? Ihre Mutter ist begeistert. Sie hat den Test bei sich selbst schon ausprobiert und findet, es ist nicht allzu schwer, sich so ein Stäbchen in den Rachen zu schieben, man hat ja Zeit, zu Hause vor dem Spiegel, kann im Zweifel mehrmals ansetzen. Zurück zu Hause ruft Katzenstein ihre Schwägerin, eine Grafikerin, an. Sie entwickeln die Idee eines Videos, in dem erklärt wird, wie man selbst PCR-Tests benutzt.

In der Trompete findet eine Superspreader-Party statt. Der Amtsarzt bringt Berlins ersten Corona-Patienten ins Krankenhaus. Die Schriftstellerin hat ihre letzte Lesung. 

29. Februar 2020

DER CLUBBETREIBER: 21 Uhr. Die Türen öffnen sich bei der Trompete. Um 23 Uhr ist der Club schon fast voll, erst um diese Uhrzeit wird Eintritt verlangt, meist zwischen fünf und zehn Euro, je nach Nacht. Ein Flaschenbier kostet 3,50 Euro, Longdrinks unter zehn Euro. Als um 23 Uhr die Türsteher ihre Schicht beginnen, ist der Club voll. Später werden sie erzählen, dass es Diskussionen gab um Gäste aus Skigebieten. Ob sie reingelassen wurden, weiß niemand mehr. Mitarbeiterin Jessica Schmidt erinnert sich aber, dass sich der Laden an dem Abend ungewöhnlich schnell gefüllt habe.

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
In der Trompete in Schöneberg feierten am 29. Februar 2020 hunderte Menschen. 74 von ihnen infizierten sich mit dem Coronavirus.

Um 2 Uhr fährt Sven Rejzek nach Hause. Getrunken hat er an diesem Abend einen Pfefferminztee aus der Thermoskanne. Seine Kollegin Schmidt wird später erzählen, dass irgendwann zwischen drei und vier Uhr morgens der DJ „Time of my Life“ gespielt hat – das Lied aus „Dirty Dancing“. Ein Pärchen auf der Tanzfläche tanzt die berühmte Hebefigur nach. 

1. März 2020

DER AMTSARZT: Um 20.55 Uhr klingelt das Telefon bei Lukas Murajda, er sitzt im Auto. Am anderen Ende der Leitung ist die diensthabende Oberärztin der Infektiologie der Charité. Der Corona-Test eines jungen Mannes ist positiv aus dem Labor zurückgekommen. Berlin hat seinen ersten Fall. Das Problem: Der Getestete ist schon wieder zu Hause.

Es handelt sich um einen jungen Mann aus Mitte. Seine Mitbewohnerinnen haben den Notarzt angerufen, nachdem sie ihn in seinem Zimmer gefunden hatten: auf dem Boden, bewusstlos. Als er gegen vier Uhr in der Rettungsstelle ankam, wirkte er desorientiert, fiebrig. Die Ärzte vermuteten eine Hirnhautentzündung. Hinweise auf die Krankheit, die die WHO seit einigen Tagen Covid-19 nennt, gab es nicht.

Die Mitarbeiter in der Charité machten ein MRT, testeten aber auch auf Influenza und Corona. Das wird seit einer Woche gemacht. In Berlin gibt es zwar noch keinen Fall, aber die Zahl der Infizierten wächst: 66 Fälle deutschlandweit, die meisten in Bayern und Nordrhein-Westfalen. Mittags lag das Ergebnis des Influenza-Tests vor: negativ. Der Mann wurde entlassen, aber nun ist das Ergebnis des Corona-Tests da: positiv.

Teil 2 lesen Sie hier: