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Die Sonnenstrahlen, die durch die gläsernen Eingangstüren der Halle fallen, treffen im Flur auf nackte Wände. Sie dringen gar nicht bis ins Innere des grauen Betonbaus vor. In den Gängen des Marktes sorgen staubige Neonröhren für schummriges Licht. Aber kaum jemand stört sich daran, denn die meisten Verkaufsstände werden ohnehin geschlossen bleiben. Nur eine Handvoll hat noch geöffnet. Die Müllerhalle im Berliner Bezirk Wedding liegt in ihren letzten Zügen.

Staubige Vitrinen, verschlossene Läden, schief hängende Werbeschilder sind stille Zeugen des Verfalls. Und dennoch können sich die verbliebenen Geschäftsleute nur schweren Herzens trennen, sie halten an den alten Zeiten fest. Zeiten, an die zwischen Flipperautomaten und Plastikstühlen nicht mehr viel erinnert.

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„Früher war es in der Halle hell und bunt, alle hatten Reklame angebracht und die Schaufenster herausgeputzt“, sagt Heinz Herfort, dem man seine achtzig Jahre nicht ansieht. Er trägt eine grüne Schürze und die Brille auf der Nasenspitze. Die Ärmel hat er hochgekrempelt, als würde es hier ewig weitergehen. „Es gab keinen Leerstand, im Gegenteil, wer hier einen Stand mieten wollte, musste lange Wartezeiten in Kauf nehmen.“

Besucher in Pelzmänteln

Herfort gehört zu jenen, die den steten Niedergang der Müllerhalle miterleben mussten. Er erinnert sich an die Zeiten in den Siebziger- und Achtzigerjahren, in denen die Besucher in Pelzmänteln das Geld mit vollen Händen ausgaben, wie er sagt. Dann kam die Wende, die Mieten stiegen, und die ersten Geschäftsleute verließen das Haus.

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Im September wäre er fünfzig Jahre in der Müllerhalle gewesen. Ein Jubiläum, das Heinz Herfort gern in seinem kleinen Laden gefeiert hätte. Doch dazu wird es nicht kommen. Die Müllerhalle wird abgerissen. Demnächst kommen die Bagger. Fotos, alte Hallenpläne, Zeitungsausschnitte und seine Erinnerungen sind alles, was er mitnimmt, wenn er am Dienstag sein Geschäft für immer schließt.

Die Müllerhalle wurde im Sommer 1950 auf dem Gelände eines ehemaligen Hundefriedhofes eröffnet, direkt an der Müllerstraße zwischen den U-Bahnhöfen Seestraße und Rehberge. In einem Dutzend Läden und an über dreißig Ständen konnten die Kunden einkaufen. Von der Rossschlachterei über ein Schokoladengeschäft bis hin zum Kurzwarenladen gab es so ziemlich alles.

Auch eine Schuhmacherei, in der Heinz Herfort 1962 als Geselle anfing. „Ich kam aus einem Arbeiterviertel in Kreuzberg, die Nachkriegsjahre waren überstanden, es ging langsam bergauf“, sagt er. In den Händen hält er eine schwarze Stiefelette, die er bis zum Schließtag noch fertigbekommen muss. „In den ersten Jahren florierte das Geschäft, wir hatten jede Menge Arbeit.“ Es habe Zeiten gegeben, in denen jede Nacht um zwei Uhr ein Taxi vor seiner Haustür stand, um ihn abzuholen. „Wir haben immer unter Hochdruck gearbeitet.“

Sie zupft sich die Dauerwelle zurecht

Fünf Jahre nach ihm fing auch seine Frau Helga in dem Geschäft an. Die Arbeit im Laden sei allein nicht mehr zu bewältigen gewesen. Helga Herfort kümmerte sich um die Kunden und schmückte die Auslagen. 1975 übernahm das Ehepaar das Geschäft, Herfort machte seinen Meister, bildete Gesellen aus. Ins Gehege gekommen sind sich die Eheleute nie. „Wir hatten beide unseren Bereich“, sagt Helga Herfort und zupft sich mit einer schnellen Bewegung die graue Dauerwelle zurecht, „Heinz war in der Werkstatt und ich im Verkaufsraum.“

In den Wirtschaftswunderjahren füllten sich die Börsen der Menschen und auch die Kasse der Schuhmacherei. „Früher haben wir die Müllerstraße den kleinen Kurfürstendamm genannt“, sagt Helga Herfort, „schicke Geschäfte hatten wir hier, sogar einen Hutsalon gab es und den Schürzenpaule, bei dem konnte man alles kaufen.“ Auch die sogenannte Berlinzulage, der Zuschuss für alle in West-Berlin arbeitenden Menschen, spülte Geld in die Taschen.

„Irgendwann haben wir sogar Kerzen in unser Sortiment aufgenommen“, sagt der Schumacher. „Eine große, schwere Kerze kostete 175 DM, und die Leute haben das ohne mit der Wimper zu zucken bezahlt.“ Heute verkaufen sich an manchen Tagen nicht mal mehr die Schnürsenkel für einen Euro, die Schaufenster sind leer. Nur in den Regalen stapeln sich nach wie vor die braunen Papiertüten mit den reparierten Schuhen. „Alle bringen ihre Schuhe schnell nochmal zu uns, bevor wir schließen.“

Abschleifen, kleben, tackern, fräsen, schwabbeln, polieren – 7,50 Euro kostet die Erneuerung eines Absatzes. Heinz Herfort greift mit seinen kräftigen Händen, auf denen schwarzer Staub klebt, die schwarze Stiefelette am Hacken, blickt sie für zwei Sekunden an und macht sich an die Arbeit. In fünf Minuten ist der neue Absatz am Schuh. Zum Schluss trägt er noch ein bisschen Polierwachs auf. „Das ist meine Macke“, sagt er, „ein polierter Schuh ist einfach schöner.“