Ohhhhh Flower of Scoooootland. When will we seeeee…“ Mit der Hand auf der Brust und einer wackeligen Stimme schmettert die Frau los. Immerhin muss sie die Fans aus Südafrika übertrumpfen, die vorher die Hymne des Landes durch den Pub grölten. Schottland gegen Südafrika, in der Welt des Rugby ein Spitzenspiel. Es geht um den Einzug in die KO-Runde der Weltmeisterschaft. Entsprechend viel wird gejubelt, gebrüllt, mitgefiebert. Und ordentlich gebechert wird obendrein auch noch. Fast das ganze Lokal ist voll mit Rugby-Fans.

Im hinteren Ende der Kneipe aber ist es weitaus stiller, hier starrt niemand auf einen Bildschirm. Vielmehr sind die Blicke auf die Fragebögen fixiert, die alle vor sich liegen haben. Kaum einer gibt einen Ton von sich. Alle konzentrieren sich auf die dutzenden Fragen, die sie beantworten müssen. Den Erzbischof welcher österreichischen Stadt nannte man auch den „halben Papst“? Wie nennt man den Teil eines Konzertsatzes, der vom Solisten frei gestaltet werden kann? Was ist definiert als „der negative dekadische Logarithmus der Wasserstoffionen-Aktivität“? „Ich fühle mich wie bei einem Test in der Schule, für den ich nicht gelernt habe“, sagt Maria Schmied, die zum ersten Mal dabei ist, mit einem leicht verzweifelten lachen. Die anderen sind weitaus routinierter und lassen sich von den Fragen nicht schocken. Wer hier vor allem junge und alleinstehende Männer erwartet, die es auf dem Pausenhof schwer hatten, liegt falsch. So sitzt etwa ein Familienvater, der gleich seine jugendlichen Kinder mitgebracht hat neben einer Fotografin.

Jaget – Hunted

Alle nehmen sie am Deutschland-Cup des deutschen Quiz-Vereins. Einmal im Monat treffen sich die Teilnehmer um jeweils Hundert Fragen zu beantworten. Das Spektrum reicht von Kunst, über Geschichte und Wirtschaft bis hin zu Sport. Am Ende der Saison wird ein Sieger gekürt. In 14 verschiedenen Kneipen in ganz Deutschland kann jeder mitmachen. In Berlin gibt es sogar zwei Austragungsorte. Neben Steglitz auch einen in Neukölln.
Mit dabei ist auch Thomas Kolaseter. Der 39-jährige stammt aus Norwegen und wohnt seit 2012 der Liebe wegen in Berlin. Er sei viermaliger Quiz-Champion seines Landes, sagt er, und spiele auch noch regelmäßig bei „Jaget – Hunted“, einer norwegischen Quizshow mit. Dabei treten Meister wie er gegen Laien an, und versuchen ihnen das Leben so schwer wie möglich zu machen. Das alles sagt Kolaseter bemüht bescheiden, mit einem leichten, stolzen Grinsen. Nebenbei erwähnt er noch, dass es auch einen Wikipedia-Artikel über ihn gebe.

Quizmeister wie er beantworten fast immer mindestens 60 Prozent aller Fragen richtig. Anfänger schaffen mit Mühe gerade mal zwischen 10 und 20 Prozent. Um seine Werte zu erreichen, braucht man aber kein fotografisches Gedächtnis, sagt Kolaseter. „Wenn einen etwas interessiert, merkt man es sich einfacher“. Wer sich nur für Kunst und Musik begeistern kann, aber nicht etwa für Geografie und Geschichte, habe es schwer. „Da hilft auch kein lernen.“ Ohne hartes Training geht es trotzdem nicht. „Man muss alles aufschreiben und wie ein Schwamm sein“, sagt der Norweger. Andere lernen auch diverse Listen auswendig. Davon hält Kolaseter aber nichts: „Ich will kein Roboter sein, der lediglich gut auswendig lernt. Einige können dir alle Filme aufzählen, die in den vergangenen Jahrzehnten einen Oscar gewonnen haben. Aber wenn du die fragst, worum es in den Filmen geht, haben sie meist keine Ahnung.“

Nachdem die knochenharten Einzelquizze vorbei sind, versammeln sich alle Teilnehmer in einem kleinen separaten Raum im Pub zum Team-Quiz. Zwanzig Fragen stehen an, mindestens genauso schwer wie die in den anderen Disziplinen. Bei einem klassischen Kneipen-Quiz würde jeder dazwischenrufen, der die Antwort weiß. Doch wie beim Einzelquiz geht es hier ruhiger und gemächlicher zu. Sachlich wird jede Frage diskutiert, Ideen ausgetauscht und Vermutungen angestellt. Am meisten redet Sebastian Klussmann. Er ist wie der Norweger Kolaseter ein Superhirn in der Welt des Quiz, und seit Jahren Teil der vierköpfigen deutschen Nationalmannschaft sowie viermaliger Berliner Meister. Dazu ist er auch noch Teil einer Fernseh-Quiz-Show in der ARD. Bei „Gefragt – Gejagt“, dem deutschen Pendant zur norwegischen Sendung, spielt er den Besserwisser.

Es gibt nichts zu verlieren - oder zu gewinnen

Jeden seiner Gedanken spricht Klussmann aus. Man merkt schnell, dass auch gezieltes Raten ein wichtiger Bestandteil ist. Denn anders als in den bereits genannten Beispielen sind die Fragen meist lang und gespickt mit vielen Zusatz-Infos. „Man muss lernen quasi um die Ecke zu denken“, sagt Klussmann. Außerdem gilt: „Immer was als Antwort hinschreiben, das ist eine goldene Regel. Ab und zu ist es dann doch richtig.“ Der größte Unterschied zu einem normalen Kneipen-Quiz sind seiner Meinung nach die Kategorien. „Bei uns sind die Fragen fairer verteilt. So gibt es bei einem Pub-Quiz sehr viele Film- und Fernsehfragen.“ Bei den Wettbewerbs-Quiz kommen wissenschaftliche, geschichtliche und politische Themen aber mindesten genauso häufig vor. So zögen nicht jene den Kürzeren, die sich nicht für Film und Fernsehen begeistern. Dadurch würden die Fragen aber insgesamt auch schwerer wirken. „Ich weiß, dass viele, auch erfahrene Pub-Quizer, erst einmal großen Respekt hatten.“ Viele nicht so erfahrene kämen sogar gar nicht erst, weil sie Angst hätten, sich zu blamieren.

Dabei gibt es nichts zu verlieren. Doch zu gewinnen gibt es bei all den Championships, Meisterschaften und Cups auch so gut wie nichts. Lediglich ein kleiner Pokal wartet auf die Sieger. Trotzdem lassen sich einige Profis ihre Leidenschaft vergolden, so Klussmann. „Drei von uns haben bereits beim ZDF-Quizchampion gewonnen. Das sind jeweils 500 000 Euro.“

Am 20. November findet die Berlin Meisterschaft statt. Mitmachen darf jeder, der Lust hat. Anmeldungen können Sie sich unter www.quizverein.de/berliner-quizmeisterschaft-2015